SPD-Mitglieder treffen sich in schwierigen Zeiten

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 Gratulierten der Kißlegger SPD zum 100. Geburtstag: (von links) Dieter Krattenmacher, Uli Flechner, Heike Engelhardt, Ivo Gönne
Gratulierten der Kißlegger SPD zum 100. Geburtstag: (von links) Dieter Krattenmacher, Uli Flechner, Heike Engelhardt, Ivo Gönner und Martin Gerster. (Foto: pama)
Paul Martin

Auf den Tag genau 100 Jahre nach dem in Kißlegg im Gasthof Ochsen der hiesige SPD Ortsverein gegründet wurde, trafen sich die Genossen auch am Sonntag wieder in ihrem Gründungslokal, das früher – wie könnte es passender sein – „Zum roten Ochsen“ hieß.

SPD-Mitglieder in Feierlaune sind dieser Tage nichts alltägliches und doch wurde am Sonntag nicht nur die bloße Existenz des Ortsvereins zelebriert, sondern auch, dass bei der Kommunalwahl vor fünf Wochen die drei Sitze der Sozialdemokraten im Gemeinderat gehalten worden konnten. Im Jahr 1919 sei die Gründung, wie Bürgermeister Dieter Krattenmacher (CDU) betonte, „notwendig, aus anderer Sicht nicht mehr aufzuhalten, gewesen“. Kißlegg war nach dem Bahnanschluss auf dem Weg, eine moderne Gemeinde zu werden. Der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster stellte die Situation der Sozialdemokraten damals wie heute in Vergleich: „Inzwischen sind es weniger Anfeindungen, die uns treffen, sondern Mitleidsblicke. Das ist auch nicht schön.“ Frauenwahlrecht, Acht-Stunden-Tag, Maifeiertag: Festredner Ivo Gönner, ehemaliger OB von Ulm, erinnerte an sozialdemokratische Errungenschaften aus dem Jahr 1919. Dazu gehöre auch der entschiedene Kampf gegen rechts: „Nationalismus endet immer im Krieg, das muss klar sein.“ Gönner definierte: „Der Patriot liebt sein Land, der Nationalist hasst alle anderen.“ In den 150 Jahren in denen die SPD nun im Dienst der Demokratie stehe habe sie schon oft die Totenglocke läuten gehört, gab Gönner zu. Davon dürfe man sich nicht einschüchtern lassen, erst recht nicht auf kommunaler Ebene. Eine Schule der Demokratie sei die Kommunalpolitik, sagte Gönner, und an die Aktiven SPD-Mitglieder gerichtet: „Sie sind die Maschinisten, die das Schiff Demokratie auf Kurs halten.“

Die „Totenglocke“ von der Gönner sprach, hat auch die Kißlegger SPD schon hören müssen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Ortsverein erst 1970 wieder reaktiviert. Fünf Jahre später zog mit Frans Fabri der erste Vertreter in den Gemeinderat. Anfangs gab es „heftigste Anfeindungen“, wusste Ortsvereins-Chef Uli Flechner. Detailliert wurde dies von der Kreisvorsitzenden Heike Engelhardt: „Beim Plakatieren von Hunden gehetzt, Sachbeschädigungen, Einschüchterungsversuche, anonyme Todesdrohungen, Denunziationen und Dienstaufsichtsbeschwerden – wohlgemerkt in den 70ern.“ Dennoch waren die Sozialdemokraten seit dieser Zeit immer, oft sogar in Fraktionsstärke, im Rat vertreten.

Wichtige Themen gebe es damals wie heute, hielt Flechner vor Augen. Die Umgehungsstraße sei beispielsweise schon 1967, also acht Jahre bevor die SPD wieder im Ort aktiv wurde, ein Thema gewesen und ist immer noch nicht realisiert. Außerdem sprach sich Flechner für das Interkommunale Gewerbegebiet IKOWA aus: „Wir brauchen doch so dringend wohnortnahe Arbeitsplätze.“

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