Genähte Pflanzenwelt voller Überraschungen

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Die Künstlerin Anne Carnein neben ihren Pflanzenskulpturen.
Die Künstlerin Anne Carnein neben ihren Pflanzenskulpturen. (Foto: CAesar)
Babette Caesar

Die gebürtige Rostockerin Anne Carnein, die seit rund drei Jahren in Waltershofen lebt, ist Bildhauerin. Doch statt tonnenschwerer Materialien wie Holz oder Stahl verwendet sie Textiles und formt daraus Pflanzliches. „Herbarium“ nennt sich ihre Ausstellung, die Bürgermeister Dieter Krattenmacher und die junge Harfenistin Carla Hilgarth am Sonntag im Neuen Schloss eröffnet haben – als Auftakt zur Veranstaltungsreihe „Fokus Frau. Biografien – Frauen in Kißlegg erleben“.

Anne Carnein im „Fokus Frau“

Drei Räume der Bel Etage sind bestückt mit freistehenden Skulpturen und Wandobjekten. Teils sind sie durch Glashauben geschützt. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie aus verschiedenen Stoffen, aus Leder, Garn, Draht, Fell und Schaumstoff genäht sind. In der Regel ist es gebrauchtes Material, das die Künstlerin selber getragen hat, und das sie auf diesem Wege wieder oder neu verwendet. Es sind Blumen, Gräser, Pilze und Geäst, dem sie ihre abgelegte Haut vermacht. So täuschend echt, dass der Besucher schon genau hinschauen muss, um die Nähte entlang der künstlichen Oberflächen zu erkennen. Im Gespräch weist sie auf ihr jüngstes Werk eines lebensgroßen Blattgewächses hin, das an einer der Wände lehnt. Das habe sie noch letzte Nacht fertig gestellt und es sei ein Selbstporträt. Das mag erst einmal überraschen, hält man es doch eindeutig für eine Pflanze. Lässt man sich aber näher auf ihr „Herbarium“ ein, ist schnell klar, dass ihre Pflanzen Figuren mit Armen und Beinen gleichen.

Täuschend echt und doch so anders

1982 in Rostock geboren, hat sie in Karlsruhe an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste studiert und war Meisterschülerin bei Stephan Balkenhol. Die Liebe hat sie ins Allgäu gebracht. Was sie sich hätte vor zehn Jahren nicht träumen lassen, so Dieter Krattenmacher. Er nannte ihre Entscheidung einen gewaltigen Schritt, kunststiftende Metropolen gegen die Provinz zu tauschen.

Mit „Frauen in Kißlegg erleben“ ist die von Erika Sigrüner initiierte diesjährige Veranstaltungsreihe „Fokus Frau“ untertitelt. Hochinteressante Biografien kämen in den nächsten zwölf Monaten dahinter zum Vorschein, machte Dieter Krattenmacher die vielen Besucher neugierig.

Im Falle des Schaffens von Anne Carnein ist es zu allererst der optische Reiz ihrer Werke. Ein Pilz, der angriffslustig auf zwei Vogelbeinen steht, ein Tierschädel, aus dem es herausrankt, ein Blütengewächs, dessen Erdknolle die Form eines Herzens hat, oder immer wieder in kleinen Händen mündendes Geäst. Das, was auf den ersten Blick so echt erscheint, wartet mit einigen Besonderheiten auf, die in keinem der überlieferten Herbarien zu finden sind. Anne Carnein hat neue Seiten aufgeblättert, die Mischwesen aus Mensch, Tier und Pflanze gebieren. Gab es doch in uralten Zeiten die Vorstellung einer Gleichwertigkeit unter irdischen Wesen. Das Werk „Reliquie“ hingegen rührt an das Thema der Vergänglichkeit. Einer roten Rose, die als Synonym für das Bild der Frau steht, gerät die Glashaube entweder zum Schutz oder zum Käfig. Darüber ließe sich nachdenken.

An anderer Stelle wuchern Pflanzenwurzeln in die Luft. Sie sind ihres Nährbodens und damit Lebensraums beraubt. Möglicherweise symbolisieren sie damit die Sehnsucht nach befreitem Wachstum. Anne Carnein geht es in ihren Arbeiten um das Weibliche und dessen Polarität. Kraftvoll und verletzlich gibt sich ihr Herbarium, was es gilt in ein Gleichgewicht zu bringen. Schönes Beispiel ist „Mein Maiglöckchen“, das, obwohl hochgiftig, als uraltes Symbol für die Heilkunde gilt und dessen wohlriechenden Glockenblüten wir jedes Jahr aufs Neue erliegen.

Die Ausstellung „Herbarium“ von Anne Carnein im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Fokus Frau. Biografien – Frauen in Kißlegg erleben“ im Neuen Schloss Kißlegg dauert bis 5. Februar. Sie ist geöffnet am 21. Januar und 4. Februar von 15 bis 17 Uhr; am 15. Januar, 22. Januar, 29. Januar und 5. Februar von 13 bis 17 Uhr. Führungen mit Anne Carnein am 21. Januar und 4. Februar jeweils um 15 Uhr.

Näheres ist im Internet unter www.kisslegg.de zu erfahren.

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