Gambier wollen nicht in neuen Container ziehen

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Handgeschriebene Zettel weisen die Bewohner des Containers in der Parkstraße auf den bevorstehenden Umzug hin.
Handgeschriebene Zettel weisen die Bewohner des Containers in der Parkstraße auf den bevorstehenden Umzug hin. (Foto: MELANIE KRäUTER)
Schwäbische Zeitung

„Hallo. Der Umzug in die Fürst-Erich-Straße startet am Dienstag, 15.11.2016, um 8 Uhr.“ Zwei von Hand beschriebene Zettel kleben an jeder Eingangstür des Containers in der Parkanlage, in der zur Zeit 22 Gambier wohnen. Auf Deutsch und Englisch steht dort die Aufforderung zum Umzug.

Doch die Gambier wollen nicht umziehen, nicht in einen baugleichen Container, in dem es, wie in dem jetzigen, für 24 Bewohner auf zwei Stockwerken insgesamt nur ein Bad mit zwei Toiletten, zwei Duschen sowie eine Küche gibt. Deswegen haben sie sich bei der „Schwäbischen Zeitung“ gemeldet.

Frustriert, enttäuscht, verärgert

Als das „Camp 1“ in der Parkstraße aufgebaut wurde, hatte Bürgermeister Dieter Krattenmacher den Anwohnern versprochen, dass der Container in der Parkstraße nach zwei Jahren abgebaut wird. „Uns wurde gesagt, dass wir nach zwei Jahren in eine bessere Unterkunft kommen“, erzählt Nasirr.

Er und seine Mitbewohner sind sichtlich frustriert, enttäuscht und verärgert über den jetzt geplanten Umzug. Denn eine Verbesserung ihrer Situation sehen sie nicht. Elf von ihnen sind seit zwei Jahren im Container, elf weitere kamen vor einem Jahr dazu.

Arbeiten, ein normales Leben führen

Zwei Dinge stören die Gambier am meisten: Dass sie keine Privatsphäre haben und die schlechten hygienischen Bedingungen. Zu dritt „wohnen“ sie jeweils in einem rund 13 Quadratmeter großen Zimmer. „Was ist, wenn einer mal mit seiner Freundin zusammen sein will und der andere aber schlafen will? Es gibt keine Privatsphäre.“ Der zweite Punkt sind die hygienischen Bedingungen: Allein morgens, wenn alle aufstehen und gleichzeitig auf Toilette wollten, gebe es große Probleme. „Letzten Winter waren wir alle krank.“

Und dann kommt noch die Unzufriedenheit mit der Situation dazu. Keiner der Bewohner habe in den ein oder zwei Jahren, seit sie in Kißlegg sind, seine Anhörung in Karlsruhe gehabt. Erst danach wird über die Anerkennung des Asyls entschieden. Obwohl sie arbeiten dürfen und Deutschkurse besucht haben, bekommen die Gambier laut eigener Aussagen in Kißlegg keine Anstellung. Auch Angela Reuß vom Freundeskreis Asyl bestätigt, dass man bei allen Betrieben nachgefragt habe – ohne Erfolg. Ein Gambier erzählt, dass er ein Jahr lang für einen Euro pro Tag gearbeitet habe und selbst danach keine Festanstellung oder die Chance einer Ausbildung bekam. Dabei wollen sie arbeiten, wollen einfach ein „normales Leben“ führen. „Wir sind nicht geflüchtet, um Geld vom deutschen Staat zu bekommen. Wir wollen arbeiten und dafür auch Steuern zahlen“, betont Nasirr.

Leben im Container schlägt auf das Gemüt der Bewohner

All das störe den sozialen Frieden, aber auch den eigenen „peace of mind“, den Seelenfrieden. Ja, manchmal führe das auch zu Streit in dem Container, manchmal sei es dann auch laut, sagen die Gambier offen. Die Polizei habe wenige Male zum Camp wegen Ruhestörung oder Streitigkeiten ausrücken müssen, aber das ist „kein polizeilicher Brennpunkt“, sagt Polizei-Pressesprecher Jens Purath auf SZ-Nachfrage. Die Gambier bitten darum, dass man sich in ihre Lage versetzt: „Wenn 24 Deutsche auf so engem Raum ohne Privatsphäre leben müssten, würde es genauso Streit geben.“

„Wir haben das Gefühl, dass wir nicht willkommen sind“, sagt etwa Mustapha. Der Freundeskreis hat immer wieder versucht, den Gambiern bessere Unterkünfte zu besorgen, zum Beispiel im Gasthaus Löwen. Auch mit Bürgermeister Dieter Krattenmacher habe man gesprochen. „Wir haben keine anderen Möglichkeiten“, sagte er aber bei der jüngsten Gemeinderatssitzung. Eine „wesentliche Verbesserung der Lebensqualität“ der Flüchtlinge könne man derzeit nicht schaffen. Hauptamtsleiter Markus Wetzel ergänzt auf Nachfrage, dass die Syrer, als sie ihre Anerkennung hatten, in den Löwen zogen. Doch auch dort gebe es Gruppenzimmer und eine Gemeinschaftsküche. Außerdem sieht er, wenn verschiedene Nationen mit unterschiedlichen Religionen in einer Küche kochen, „Konfliktpotenzial“. Auch müssten Einzelpersonen dann auf Familien mit kleinen Kindern Rücksicht nehmen. Wetzel erinnert auch daran, dass die Gambier noch nie in einer Halle wohnen mussten, im Gegensatz zu den knapp 100 Asylbewerbern, hauptsächlich syrische Familien, die für ein knappes halbes Jahr in der Oskar-Farny-Halle untergebracht waren.

Das Landratsamt sieht den Umzug in den Container in die Fürst-Erich-Straße weiterhin als Erstunterbringung und als eine Übergangslösung. Kreis und Gemeinde wollten das Versprechen einhalten, dass sie den Parkstraße-Bewohnern gegeben hatten, sagt Franz Hirth, Sprecher des Landratsamts. In dem Container in der Fürst-Erich-Straße hätten bis jetzt Kosovaren gewohnt. Der Container werde derzeit grundlegend gereinigt, die Küchen und Duschwannen würden komplett ausgebaut und durch gute gebrauchte ersetzt. „Mit der Anschlussunterbringung werden wir voraussichtlich Anfang 2017 starten“, so Hirth. In welche Art Unterkunft die Flüchtlinge dann kommen, hänge davon ab, welche Plätze die einzelnen Kommunen zur Verfügung stellen können.

Trotz der Erklärungen sind die Gambier frustriert. „Wir waren zwei Jahre lang geduldig“, sagen sie. Aber jetzt wünschen sie sich einfach nur einen besseren Platz zum Leben.

Gambier wollen gegen Abschiebungen in die Heimat demonstrieren

Im Rahmen einer Aktionswoche anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Gambia am 1. Dezember organisieren Menschen aus Gambia in ganz Baden-Württemberg vom 3. bis 10. Dezember vielfältige Veranstaltungen, um auf ihre schwierige Lage aufmerksam zu machen. Dies teilt das Netzwerk Asyl mit. Am Samstag, 10. Dezember, ist unter dem Motto: „Gambians in danger – Flüchtlingsrechte stärken, Abschiebungen stoppen“ zum Abschluss der Aktionswoche im Landkreis eine zentrale Demonstration in Ravensburg. Diese startet um 14.30 Uhr am Bahnhofsplatz.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International würden immer wieder auf die Probleme im kleinsten Land Afrikas hinweisen: Die Herrschaft von Yahya Jammeh habe das kleine Land in den letzten Jahren und Monaten in eine der repressivsten Diktaturen des Kontinents geführt. Durch Militär, Geheimdienste und Polizei komme es zu Folter, Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil, Todesfällen in Haft und zum gezielten Verschwindenlassen von tatsächlichen oder vermeintlichen Oppositionellen. Abweichende Meinungen würden mit aller Gewalt unterdrückt.

Die Gambier fordern darum den sofortigen Stopp aller Abschiebungen nach Gambia und ersuchen das Innenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für alle Asylsuchenden aus Gambia angesichts der Menschenrechtslage in deren Herkunftsland ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 5 des Aufenthaltsgesetzes zu erlassen. Gambia war zuletzt von der Bundesregierung zu einem „sicheren Herkunftsland“ erklärt worden. (sz)

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