Zwischen Pfeifenwald und Windladen

Lesedauer: 6 Min
 Im Pfeifenwald des ersten Stockwerks.
Im Pfeifenwald des ersten Stockwerks. (Foto: Walter Schmid)
Schwäbische Zeitung
Walter Schmid

Der Tag des Denkmals ist in diesem Jahr zusammengefallen mit dem Deutschen Orgeltag, Anlass, sich mit einer Orgel ein wenig zu beschäftigen. Die vor rund 50 Jahren von der Firma Link in Gingen an der Brenz für die evangelische Nikolaikirche in Isny gebaute Orgel ist überholungsbedürftig geworden. Alle paar Jahrzehnte müsse eine Orgel gesäubert, nachgestimmt und manchmal auch Teile ausgetauscht werden und bei der Nikolai-Orgel ist das anscheinend höchste Zeit.

Organistin Christina Dürr und der bereits beauftragte Orgelbauer Gilbert Scharfe aus Ebersbach/Fils wollen die Innereien der Orgel näher kennenlernen und dabei die Gemeinde und möglichst viele Interessierte mitnehmen. Scharfes Blicke ins Orgelinnere wurde Schritt für Schritt mit seiner Kamera aufgenommen und via Beamer auf eine Leinwand übertragen, so dass die Zuschauer die Orgel-Anatomie sehen, nebenher den Erklärungen zuhören und sogar noch dabei ihren Kaffee genießen konnten. Die gut 30 Besucher waren gespannt, ob denn der Vergleich Mensch und Orgel gelingen könnte.

Vorneweg stellte sich Gilbert Scharfe selbst vor. Lehrjahre bei der Traditionsfirma Link, die einst die Orgel gebaut hat. Meisterschule und Restaurator-Ausbildung und 2008 Übernahme der elterlichen kleinen Orgelbaufirma in Gingen.

Christina Dürr setzte sich an den Spieltisch der zweimanualigen Orgel mit Fußpedal und musste Scharfes Anweisungen dort umsetzen. Links und rechts gibt es dort jede Menge Knöpfe und Schalter, um damit den Farbenreichtum des Klanges zu wählen oder zu verändern. Der Spieltisch sei das Gehirn der Orgel, mit dem gesteuert, geschaltet, gewaltet und gedacht wird, wie der ganze „Körper“ zu funktionieren hat. Das Gehäuse sei die Haut der Orgel, die vor äußeren Einflüssen schützt. Trotzdem käme in einigen Jahrzehnten genug Staub zusammen, der die technischen Funktionen immer schwerfälliger macht.

So ein Gehäuse, das Prospekt der Orgel, dürfe kein Fremdkörper sein, sondern müsse architektonisch in den Kirchenraum passen. Der Windladen sitzt auf der Rückseite der Orgel. Scharfe öffnete die rückwärtige Orgelwand mittels zweier Schiebetüren. Der Windladen sei das Herz der Orgel, das wichtigste Bauteil, die Ton- und Registersteuerung, die die Luft fein dosiert an die Pfeifen weitergibt. Zwischen Spieltisch und Windladen sitzen die Trakturen, die mechanischen Nervenstränge, Muskeln und Sehnen zwischen Spieltisch und Windladen.

Der Spieltisch von seiner Hinterseite aus zeigt die Mechanik, die Fußpedal und die beiden Manuale miteinander kombiniert. Ehe der Orgelbauer hinein- und hinaufsteigt in den Wald von Pfeifen aus Holz und Metall unterschiedlicher Größe, weist er noch auf die Holzteile und Böden hin, die die Pfeifenlast tragen. Im menschlichen Körper ist es das Knochengerüst. Scharfe öffnet auch Motor und Blasebalg der Orgel. Das sei wie eine Lunge mit einem großen Volumen, aber nur minimalem Druck.

Zum Abschluss der Orgelführung gab er noch einen Einblick in den Werkzeugkoffer eines Orgelbauers. Ein zarter Hammer mit einem vielleicht 70 Zentimeter langen Stiel kommt heraus. „Mit ihm kann ich meine eigenen Arme verlängern.“ Er zeigt auch zahllose und ganz feine Pinsel für die Reinigung, wenn’s zwischen den Orgelpfeifen ganz eng wird. Das Stimmhorn sei das Lieblingswerkzeug jedes Orgelbauers. Man benötige es, um fertig auf Länge geschnittene Pfeifen zu „kulpen“, das heißt das Pfeifenende zu börteln oder aufzuweiten. Das Kulpen ist im Resultat wie eine Verlängerung oder Verkürzung der Pfeife und erreicht dadurch eine Erhöhung oder Vertiefung des Tones. Seine Kamera zeigt, dass auch Holzpfeifen eine Art Stöpsel am oberen Ende haben, durch die die Pfeife verlängert oder verkürzt werden kann. Stimmen einer Orgel sei Feinarbeit, für die man viel Geduld baucht.

Welche Materialien im Orgelbau verwendet werden, so wurde gefragt: Holz, Leder, Filz, Zinn, Blei, Kupfer, Stahl und jede Menge elektrische Leitungen. Er rechne mit circa sechs Monaten für die Orgelrestaurierung, weil es nicht mit einer Reinigung und Stimmung getan ist, sondern verschlissene mechanische Teile ausgewechselt und die komplette Elektrik ausgetauscht werden müsse. Das Klangideal sei in diesen 50 Jahren verloren gegangen und deshalb sei die Disposition zu verändern oder gar Register auszutauschen.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen