Wohin mit dem Prangerstein?

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 Der Prangerstein, bei den archäologischen Grabungen im September 2018 entdeckt, gehörte als Fundament-Eck-Element zum Amtshaus,
Der Prangerstein, bei den archäologischen Grabungen im September 2018 entdeckt, gehörte als Fundament-Eck-Element zum Amtshaus, später altes Rathaus. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Im Rahmen des „Studium Regionale“ der VHS Isny in Kooperation mit dem AK Heimatpflege hat Roland Manz über die Anfänge der Stadtgründung und die urkundlich belegten, ersten Gebäude am Marktplatz berichtet, dessen Neugestaltung 2021 abgeschlossen sein soll. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Vermessungsingenieur und Heimatforscher mit der frühen Geschichte Isnys und der Region.

Bis 2018 sei man für historische Nachforschungen auf spärliche, schriftliche Urkunden aus Archiven beschränkt gewesen. „Im Zusammenhang der archäologischen Grabungen der vergangenen Jahre ergibt sich jedoch ein erweitertes, eindeutiges und aussagekräftiges Bild“, ist Manz überzeugt. Seine Zusammenarbeit mit den Archäologen im vergangenen Jahr sei offen und vertrauensvoll gewesen: „Ich wurde mit Informationen versorgt, konnte ausgiebig fotografieren, und im Gegenzug konnte ich die Grabungsspezialisten mit gut 130 urkundlich belegten Daten und Hinweisen aus den Archiven versorgen.“

Im 12. und 13. Jahrhundert, so Manz in seinem Vortrag, seien in Deutschland „explosionsartig“ Städte gegründet worden, geplant auf geometrischen und astronomischen Grundlagen. Abgesehen von der noch früheren Klostergründung im Jahr 1096, gehöre Isny auch zu diesem „Boom“ – 1169/1171 erstmals urkundlich erwähnt. Die Region sei aber beileibe kein unbeschriebenes Blatt gewesen: Schon seit der Römerzeit, in den ersten Jahrhunderten nach Christus, sei das Allgäu politisch und strategisch bedeutend gewesen zur Sicherung der Transportwege zwischen Kempten und Bregenz oder zur Verteidigung der Alpenübergänge. Und schon lange vor der Stadtgründung stritten sich diverse Grafschaften und Klöster um ihre jeweiligen Territorien, um Macht und Einfluss.

Noch frühere Besiedlung

Neu entdeckte und tiefer liegende, zusammenhangslose Fundamentfragmente lassen laut Manz auf eine Besiedelung Isnys schließen noch vor der urkundlich belegten Stadtgründung. Auch sei ein Graben im Bereich des Marktplatzes aus der Zeit ums Jahr 1000 entdeckt worden, den die Archäologen als Grenze eines Rechtsbezirks interpretierten.

Die Adelsgeschlechter der Welfen und Veringer, wie überhaupt fast der ganze Hochadel, sei um das „Bregenzer Erbe“ engagiert gewesen, zur wirtschaftliche Sicherung ihres Herrschaftsgebietes, vor allem auch mit dem Ausbau der Salzstraße von Bad Reichenhall, München, Memmingen über Isny und Lindau nach Schaffhausen. „Als gesichert gilt: mit der Herrschaft Heinrich des Löwen als bayerischer Herzog (1156-1180) kehrten die Veringer zurück mit dem politischen und wirtschaftlichen Auftrag zur Isnyer Stadtgründung 1169/1171, um den Salzmarkt weiter auszubauen und zu sichern durch Brücken und Versorgungseinrichtungen für Mensch und Tier“, erklärte Manz. Man müsse sich verdeutlichen, dass in Isny zwei unabhängige Institutionen, Kloster und Grafschaft der Veringer, zum Zweck des Markt- und Stadtausbaus um ihre territorialen Ansprüche stritten und sie auch rechtlich regeln mussten.

Exakt in der Mitte des Marktplatzes, an der südwestlichen Ecke des marktsichernden Amtshauses des Grafen Ulrich, wurde 2018 der mittelalterliche Prangerstein entdeckt und geborgen: „Er scheint nicht nur der von allen Seiten einsehbare, markante Steinsockel zur Strafverbüßung für einen Delinquenten gewesen zu sein, sondern auch der Vermessungsstein für die damals übliche Grundstruktur der Stadt im ’Goldenen Schnitt’“, erklärte Vermessungsingenieur Manz. Und die Abmessungen von den vier Stadttoren zu den Stadtaußengrenzen von genau 1000 oder 500 Isnyer Fuß seien markiert gewesen durch sogenannte „Friedsäulen“.

Rathausarkaden eine Alternative

In Bezug auf die aktuelle Marktplatzgestaltung sagte Manz: „Leider plant die Stadt, den Prangerstein nicht wieder in seiner originalen Stelle zu positionieren – ebenerdig sichtbar. Er soll hinter dem Blaserturm versteckt werden. Das wird aber seiner Bedeutung in keinster Weise gerecht.“ Als historisch angemessenen Ort kämen aber auch die Rathausarkaden infrage, denn auch dort sei ein Prangerstein urkundlich nachgewiesen, fügte Manz hinzu.

Der seinerzeit florierende Salzmarkt sei 1381 an die Stadt verkauft worden. „Das in Stein gemeißelte Wappen der bayrischen Herzöge, das vermutlich eine Amtsstube zierte, wurde nach dem Verkauf weggeworfen – und von den Archäologen 2018 hinter dem Blaserturm aufgefunden. Die in rund 80 Zentimeter Tiefe liegenden Strukturen der Fundamente mit weiteren Funden aus Holz, Keramik, Glas und Tierknochen bestätigen eindeutig die rund 130 urkundlichen Belege und Hinweise aus den Archiven, so dass man jetzt gesichert weiß wo die Wiege der Stadt einst stand“, fuhr Manz fort.

Das Amtshaus des Ulrich mit Lager und Verwaltungsräumen sei 1288 an die Lindauer Barfüßer-Franziskanermönche verkauft und als Herberge genutzt worden, später von den Franziskaner-Nonnen zur Versorgung der Pestkranken – von da an deshalb „Nonnenstein“ genannt. Wohngebäude seien meist aus Holz gebaut und so auch leicht eine Beute der Flammen gewesen. Das Amtshaus dagegen, die spätere Herberge, muss ein mächtiges Steinhaus gewesen sein, deshalb die Namensgebung.

Mächtigkeit und Höhe des Amtshauses aus dem 13. Jahrhundert lassen sich laut Manz sowohl an den Fundamenten der Gebäudeecken, als auch am Blaserturm ablesen. Durch den heute noch sichtbaren Maueransatz würden sowohl Mauerstärke als auch Höhe des Amtsgebäudes deutlich. Diese Mauer wurde nach Manz’ Recherche zum Stabilisierungs- Bestandteil für Amtshaus und Tuchhaus. Erst später seien in weiteren Bauabschnitten diese Ecksicherungsmauern zum Blaserturm erhöht worden. Manz wusste über folgende Bauabschnitte zu berichten: Der untere Teil müsse Anfang des 14. Jahrhunderts im Zusammenhang der Stabilisierung der Barfüßerherberge und dem Bau des Tuchhauses entstanden sein, der mittlere Teil im 14./15 Jahrhundert, der obere Teil erst 1685 als „Blaserturm“ zur Feuerwarnung ausgebaut.

Ungefähr auf den Grundmauern des Amtshauses folgte das „erste Isnyer Rathaus“ und neben dem Blaserturm in Richtung Süden das Tuchhaus mit Metzig, das erst 1866 um ein Stockwerk erhöht wurde – wie es sich im Jahr 2019 darstellt. Hinter dem Blaserturm in Richtung Osten stand das 1425 erbaute Haus Neker. Dem „ersten Rathaus“ folgte nach 1513 das „alte Rathaus mit zwei hübschen Seitentürmchen.“ Dieses fiel dem großen Stadtbrand von 1631 zum Opfer. An gleicher Stelle sei 1798 ein kleines Zollhaus gebaut worden, das erst 1928 abgerissen wurde, erläuterte Manz.

Die Häuserzeile am westlichen Gegenüber des Marktplatzes bestand urkundlich nachgewiesen aus: Spital ab 1402, Haus Zürcher ab 1363 beziehungsweise Haus Gugger ab 1420, Haus Lutz Weissach ab 1428, Haus Hainrich ab 1428.

Die Theorie einer Stadtmauer im Bereich des Marktplatzes, wie von Archäologen einst vorschnell als Vermutung ins Gespräch gebracht und im Werteplan der Stadt Isny, sei grottenfalsch sagte Manz. Urkunden und Grabungen würden keinerlei Anhalt dazu geben.

 Grafik der Fundamente (blau markiert) des Amtshauses Graf Ulrich, spätere Herberge mit den Maßen 60 mal 60 Isnyer Fuß, entspric
Grafik der Fundamente (blau markiert) des Amtshauses Graf Ulrich, spätere Herberge mit den Maßen 60 mal 60 Isnyer Fuß, entspricht 20
Wohin mit dem Prangerstein?
Wohin mit dem Prangerstein? (Foto: Roland Manz)
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