Wie gut Orgel und Bratsche miteinander harmonieren

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 Harald und Annette Geerkens beim zweiten Konzert des Isnyer Orgelherbstes.
Harald und Annette Geerkens beim zweiten Konzert des Isnyer Orgelherbstes. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Einen ausgewogenen Konzertabend haben die Bratschistin Annette Geerkens und der Organist Harald Geerkens ihrer Zuhörerschaft in der gut besuchten Kirche St. Maria am vergangenen Sonntag bereitet. Im Rahmen des Isnyer Orgelherbstes warteten sie statt mit opulenten Werken mit einer leiseren, hochmelodischen Auswahl aus Barock, Romantik und Moderne auf. Darunter befanden sich ungeahnte Entdeckungen wie diejenige von Wolfgang Amadeus Mozart. Doch der Reihe nach.

Vier Sätze der Sonate für Viola und Orgel in G-Dur von Johann Sebastian Bach eröffneten den rund einstündigen Abend; mit Harald Geerkens, dem früheren Isnyer Kirchenmusiker, an der kleinen Orgel vor dem Chor zusammen mit seiner Frau. Dieser harmonisch ausgewogene Einstieg in den Abend vermittelte den Zuhörern eine ruhige und zugleich erfrischende Atmosphäre mit viel Leichtigkeit in der Artikulation.

Für Bachs Gamben-Sonaten ist kein Entstehungsjahr bekannt – nur, dass sie wohl in Köthen für Gambe und Cembalo entstanden. So erklang in der aufgeführten „Triosonate“ (Bachwerkeverzeichnis 1027) Geerkens’ Orgel zweistimmig in der Funktion des Basso Continuo, während die Bratsche höher notiert Kontur in den spielerischen Dialog brachte.

Fortwährend neue Drehungen und Wendungen variierten das Thema in Johann Christoph Friedrich Bachs erstem Satz, dem Allegro aus der Sonate in D-Dur von 1789, als er seinen Dienst am Hof von Bückeburg verrichtete, einem ewigen Kreislauf gleichend. Danach tauschte das Duo seinen Platz im Chor gegen jenen auf der Empore an der Marienorgel.

Mozarts heimliche Liebe für „Flötenuhren“

Von hier aus erklang Geerkens’ F-Dur-Andante Köchelverzeichnis 616, das Mozart im Winter 1790/91 für das Wachsfiguren- und Kuriositätenkabinett des Grafen Deym alias Monsieur Müller schrieb – neben weiteren Stücken für Orgelwalzen, so genannten Flötenuhren. Bei diesen handelt es sich um einen Automatismus, der ohne Zutun eines Musikers in Gang gesetzt wurde.

Zum Erstaunen der Isnyer Zuhörerschaft auch an diesem Abend. Allerdings live, als ein leicht bewegtes Flötenspiel den Auftakt machte, umgehend phrasiert von einer scharf einfallenden, tänzerischen Melodie. Ein heiteres und munteres Gebaren setzte ein, das sehr filigran aufgeführt an Tonlagen einer Glasharmonika oder Spieluhr erinnerte. Mozart schrieb in einem Brief, wie „mühselig“ die Arbeit an einem solchen Stück war, da die Pfeifen des Orgelwerks allzu „kindisch“ klängen.

Mit Max Bruchs „Kol Nidrei“, das auf dem gleichnamigen jüdischen Gebet, der „Stimme des Gelübdes“ basiert, erklang zum Orgelspiel erneut Annette Geerkens’ Bratsche. Friedvoll, versöhnlich und spannungsreich verschaffte sich das Saiteninstrument einen großen weiten Klangraum innerhalb des Kirchenschiffes, das im Gegenzug zu viel Nähe trotz der Entfernung zur Empore bewirkte. Unerwartet und überraschend angesichts des vergleichsweise kleinen Instruments.

Welche Wucht eine Bratsche entfaltet

Musikalisch klar abgegrenzt gab sich anschließend Felix Mendelssohn Bartholdys Praeludium und Fuge in c-Moll aus der Zeit der Romantik. Gewaltig und überschäumend einerseits, doch auch immer kalkuliert und die Grenzen überbordender Musikalität wahrend, durfte ein solches großartiges Werk in der Auswahl nicht fehlen.

Es leitete über zur Moderne mit dem ersten Satz, einer Rhapsodie von 1951, aus Ernest Blochs „Suite Hebraique“ und zur Vokalise op. 34, Nr. 14 von Sergei Rachmaninoff. Tragisch und kraftvoll zupackend gab sich das Bratschenspiel mit teils harschen Unterbrüchen und Steigerungen. Im Zusammenspiel mit der Orgel entstand eine warmfarbige Tonalität. In Rachmaninoffs Vokalise übernahm Geerkens Tasteninstrument den impressionistisch gefärbten Klavierpart, während der Bratsche die selbstverliebt träumerische Singstimme oblag. Ein Gesang von der Sehnsucht nach der Heimat Georgien des nach Paris und Amerika emigrierten Komponisten – ohne Worte umso verführerischer.

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