Wie eine engagierte Isnyerin die Stadt ein Stückchen besser macht

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 Ein Teil der Mitwirkenden der Isnyer Trödelqueens (v. l.): Bettina Nuß, Rose Heinzelmann, Silvia Reh, Irene Schiffner, Heinrich
Ein Teil der Mitwirkenden der Isnyer Trödelqueens (v. l.): Bettina Nuß, Rose Heinzelmann, Silvia Reh, Irene Schiffner, Heinrich und Christine Mayer und Ursula Frey. Ein Bild, das die zufriedene und heitere Stimmung innerhalb der Gruppe gut einfängt. (Foto: Julia Garthen)
Julia Garthen

Seit 2007 ist Silvia Reh, die nächste Protagonistin der SZ-Serie „Ehrenämter in Isny“, im kleinen Trödelladen in der Bahnhofstraße tätig. Sie stecke viel Herzblut in den Erfolg des Ladens und arbeite eng mit ihren Mitstreiterinnen zusammen.

Diese Woche, vom 12. bis 17. November, soll für Besucher und Käufer geöffnet sein. Die genauen Öffnungszeiten finden Interessierte wie gewohnt an den Schaufenstern. Denn als die SZ bei Silvia Reh zum Interview vorbeischaute, muckte die Heizung, sie hoffte, dass die Reparaturarbeiten beendet sein werden. „Denn der Trödelladen ist inzwischen eine feste Institution und ein geschätzter Treffpunkt für die unterschiedlichsten Menschen“, sagt Reh.

Ihr Engagement ist vieles – bloß nicht willkürlich: Denn der feinsinnigen, fröhlichen und attraktiven Frau, die seit 1982 in Isny lebt, liegen das Wohl der Allgemeinheit und die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft am Herzen. „Als wir in den 1980er-Jahren nach Isny gezogen sind, war hier politisch so viel los! Isny war so bunt – das kannten wir aus Ellwangen gar nicht!“, erzählt die gebürtige Kraiburgerin von ihrer Anfangszeit.

Die Achtziger seien ein Jahrzehnt gewesen, das von weitreichenden politischen Entscheidungen und vehementen Demonstrationen der Bevölkerung getragen war – Silvia Reh mittendrin. „Ach – auf wie vielen Demos wir mitgelaufen sind! Wenn ich nur an die Friedensbewegung, an die Menschenkette von Stuttgart bis nach Ulm denke – dieses Gefühl ‚Wir sind Viele, wir können etwas bewegen!‘ – das war eine besondere Zeit.“

„Was anderes, weg vom Konsum“

In dieser Zeit engagierte sich die Mutter dreier Kinder auch im Elternbeirat. Das „alternative Kinderfest“, das es heute noch im Kurpark gibt, rief sie mit ins Leben: „Wir wollten etwas ganz Anderes machen – weg vom Konsum, hin zu mehr Kreativität. Die Kinder konnten auf dem kleinen Kinderfest damals weben, basteln, Gärtchen pflanzen, sich verkleiden und vieles mehr. Ein Sportlehrer hat jedes Jahr einen riesigen Parcours aufgebaut, in dem die Kinder ihre Geschicklichkeit erproben konnten. Außerdem gab es die legendäre Kinderfest-Band und ‚Clown Mausi‘“. Dass ihr dieses Projekt eine Freude war, ist Reh bis heute anzumerken. Nach elf Jahren, 1996, war für sie jedoch Schluss.

Ein Dutzend mit einer Mission

Viele Kontakte, die Silvia Reh zur damaligen Zeit im Privatleben und der Politik knüpfte, blieben bis heute bestehen. In den Anfängen konnte der Verkauf im Laden neben der Ach mit zwei bis drei Freundinnen bewältigt werden, inzwischen arbeiten zwölf „Trödelqueens“ mit. „Wir funktionieren wunderbar zusammen und stehen zu hundert Prozent hinter dem Projekt. Jede von uns bringt ihre individuellen Talente ein.“

Auch freut sich Reh sehr über die Unterstützung der Vermieter: „Ein unglaublicher Glücksfall ist, dass sie uns die Räumlichkeiten seit elf Jahren mietfrei zur Verfügung stellen. Das ist ein Beispiel großzügigen Bürgersinns. Nur so kann unser Erlös ausnahmslos in Spendenprojekte fließen“, unterstreicht Reh.

Eine monatlich zu zahlende Miete würde für die Trödelqueens einen großen Unterschied bedeuten. Denn der Laden, der nur drei Mal im Jahr für insgesamt rund 30 Tage geöffnet hat, werfe doch relativ viel Geld ab. Die Einnahmen und Spenden-Ausgaben veröffentlichen die Betreiberinnen regelmäßig in einem der großen Schaufenster, damit alle Kunden sehen, wohin das Geld fließt, das sie etwa für Second-Hand-Kleidung oder gebrauchte Vasen ausgegeben haben. „Im Jahresverlauf nehmen wir ungefähr 18 000 Euro ein, dieser Betrag hält sich seit Jahren recht konstant. Damit können wir unter anderem die Isnyer Tafel und das Hilfsprojekt Ccara e.V. unterstützen, auch der Kinderschutzbund, die Isnyer Sozialarbeit oder Musikklassen bekommen Spenden. Unser Fokus liegt klar auf der Jugend- und Kinderarbeit – und einem Bezug zu unserem Ort“, sagt Reh.

Kleiner Laden im Wandel

Vor einigen Jahren hatte die Arbeit der Trödelqueens noch einen anderen Zweck. Reh und ihre Kolleginnen bauten den Trödelladen zunächst auf, um das Engagement von Susanne Reichrath, Dozentin an der NTA und Rumänien-Deutsche, zu unterstützen – was einige Isnyer Firmen ebenfalls taten.

„Zu Beginn war der Laden ja noch recht überschaubar: Wir sammelten Sachspenden und verkauften sie für wenig Geld weiter, der Erlös kam dem Deutschen Roten Kreuz zugute, das die Beträge jeweils nach Rumänien transferierte, um dort die Armenküche von Elena Becsky in Temesvar zu unterstützen, um die sich auch Susanne Reichrath kümmerte.“

Alte Freundschaften wurden dafür 2007 wieder aufgenommen, Kontakte neu geknüpft. „Es hat wirklich Spaß gemacht, dieses Projekt aufzubauen, wir alle wollten der Überflussgesellschaft etwas entgegensetzen, einen Ort schaffen, an dem Dinge den Besitzer wechseln, statt im Müll zu landen.“ Und: „Damals war das noch eine gemütliche Angelegenheit.“

Heute bedeute eine zehntägige Öffnung des Ladens ein Vierteljahr Vorarbeit, erklärt Reh: „Als Elena Becsky 2015 verstarb, bedeutete dies auch das Ende in Temesvar. Wir haben uns natürlich gefragt, was wir nun machen sollen, aber wir mussten ehrlicherweise zugeben: Wir hängen alle viel zu sehr an der Kundschaft, als dass wir den Laden hätten aufgeben können!“

Regionalität der Hilfe

So wurde aus der Sammelaktion für eine rumänische Armenküche eine Institution, auf deren Öffnung sich viele Isnyer immer wieder freuen und die mit ihren Spenden vielen Isnyern hilft. Mehr Regionalität gehe nicht, sagt Reh. Außerdem böten sich in und um Isny immer wieder Gelegenheiten, ökonomisch Schwächeren zu helfen.

Reh erinnert an die Zeit, in der viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen: „2015 und 2016, als die Anzahl der Asylsuchenden stetig stieg, kamen wir manchmal an unsere Grenzen – plötzlich gab es eine riesige Nachfrage nach Alltagsgegenständen wie Töpfen, Löffeln, Gläsern, Koffern und Anderem.“

Doch die Trödelqueens sind alles andere als von gestern, sondern erfahren: „Hilfreich, oft auch sehr amüsant, waren die Übersetzungen mit dem Smartphone, wodurch wir mit den Flüchtlingen kommunizieren konnten. Einmal zeigte mir ein Mann das Wort ‚Kehrmaschine‘ – und es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass er auf der Suche nach einem Staubsauger war.“

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