Wie der Isnyer Kardinal Ehrle den Vatikan prägte

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 Eine Malerei des aus Isny stammenden, wohl über 80-jährigen Kurienkardinals Franz Ehrle im Vatikan in Rom.
Eine Malerei des aus Isny stammenden, wohl über 80-jährigen Kurienkardinals Franz Ehrle im Vatikan in Rom. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Manfred Haaga, Isnyer Gymnasiallehrer i.R., betreibt seit Jahren grundlegende lokalhistorische Forschung und hat diese schon mehrfach im Arbeitskreis Heimatpflege und im ökumenischen Arbeitskreis Bildung öffentlich gemacht.

Für Haaga gehört Kardinal Franz Ehrle (1845-1934) neben den Theologen Johannes Nider, Paul Fagius und Johannes Marbach zu den bedeutendsten Isnyer Persönlichkeiten. Nun hat er auf Einladung des Arbeitskreises Bildung einen Vortrag über die Person gehalten.

Ein Heimatbesuch pro Jahr

Als drittes von sieben Kindern des Isnyer Amtsarztes Dr. Ehrle verbrachte Sohn Franz zwar nur seine Jugendjahre in Isny, blieb aber doch seiner Heimatstadt zeitlebens verbunden. Haaga wusste, dass in Ehrles Gemächern im Vatikan eine Stadtansicht von Isny gehangen hat, auch hätte er jedes Jahr ein Mal seine Heimatstadt besucht.

Er erinnerte auch daran, dass 2015 bei einem Symposium zu Ehren dieses Jesuiten, Historikers und Präfekten der Vatikanischen Bibliothek, im Campo Santo Teutonico in Rom, Bürgermeister Rainer Magenreuter zum Zeichen der Verbundenheit mit seiner Vaterstadt Isny ein Grußwort sprechen durfte.

Das Ende des Kirchenstaats

Haagas Vortrag führte in die Zeit zurück, als der Vatikan – innerhalb Roms als Hauptstadt Italiens – zu dem „Zwergenstaat“ wurde, wie wir ihn heute kennen. Bis ins Jahr 1870 hatte es in den Jahrhunderten zuvor einen Kirchenstaat auf einem großen Teil Mittelitaliens mit dem Papst als Herrscher gegeben. Auf dem jahrzehntelangen, teils kriegerischen, Weg zum Nationalstaat Italien, wurde schließlich auch der Kirchenstaat von den nationalen Truppen erobert.

Rom wurde zur Hauptstadt Italiens gewählt und damit der Papst mitsamt seinem Kirchenstaat entthront. In der Folge hätte es damals vielfache und auch utopische Vorschläge aus aller Welt gegeben, wie und wo der Papst wieder zu einem eigenen Staat kommen könnte.

Zeit als vatikanischer Bibliothekar

Der Konflikt zwischen katholischer Kirche und weltlich-säkularer Politik prägte die Zeit, in der Kardinal Franz Ehrle in Rom als ein vielseitig und weltweit geschätzter Gelehrter und Präfekt der vatikanischen Bibliothek wirkte, und der auch Einfluss hatte. Er machte die Bibliothek zur bestorganisiertesten und liberalsten der Welt.

Der aus Isny stammende Kardinal Ehrle wurde von zahlreichen Universitäten aus ganz Europa mit der Ehrendoktorwürde geehrt. Und er gehörte in den 1920er-Jahren zum engsten Beraterkreis von Papst Pius XI.

Die faschistische Partei unter Benito Mussolini hatte zwar in ihrer antiklerikalen Haltung 1919 den Papst aufgefordert, Rom zu verlassen. Als er allerdings 1922 die Macht übernommen hatte, hätte er zu seinem Machterhalt die Unterstützung der Kirche gesucht und sei in der „Römischen Frage“ zu Kompromissen bereit gewesen, so schilderte der Referent die damalige Geschichte.

Eigener Staat auf kleinstmöglichem Territorium

Der italienische Staat forderte bereits jahrzehntelang Rom als Hauptstadt, der Papst dagegen den über tausendjährigen Erhalt des Patrimonium Petri als Souverän des Kirchenstaates und als Oberhaupt der weltweiten römisch-katholischen Kirche. Für den Papst hatte ein Kirchenstaat schließlich heilsgeschichtliche Bedeutung. Sie sei gottgewollt, müsse jedem weltlichen Zugriff entzogen sein.

Dieser Konflikt zog sich – auch durch kriegerische Manöver – hin bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, bis Kardinal Ehrlich eine Initiative zur Lösung dieser „Römischen Frage“ startete. Dessen Grundsatz dabei war, so Haaga, dass bei der gegenwärtigen Weltlage zur Wahrung und Unabhängigkeit des Papstes und zur Ausübung seines Amtes ein Kirchenstaat unerlässlich sei.

Um sich nicht mit den Regierungsgeschäften zu belasten, sich umso mehr auf seine eigentlichen geistlichen Aufgaben konzentrieren zu können, würde das kleinstmögliche Territorium genügen.

Architekt des Vatikanstaates

Kardinal Ehrle wurde vom Papst beauftragt, die Forderungen der Kirche gegenüber dem Staat auszuarbeiten. „In der letzten Lebensphase Ehrles, in der er als Kurienkardinal an der Seite von Pius XI. wirkte, fiel endlich mit dem Abschluss der Lateranverträge 1929 die weitreichende, höchst bedeutsame politische Entscheidung – eben auf der Basis der Vorschläge von Franz Ehrle.

Ehrles Grundanliegen hatte sich letztendlich in diesem Vertragswerk durchgesetzt, das im Lateranpalast in Rom am 11. Februar 1929 unterzeichnet wurde. Dem Vatikan wurde die Souveränität des kleinstmöglichen Territoriums von 0,44 Quadratkilometern Größe zugesichert, sowie Besitzrechte über Patriarchalbasiliken und die Sommerresidenz Castel Gandolfo.

„Damit war endlich die ,Römische Frage’ definitiv und unwiderruflich gelöst“, schloss der Referent seine Ausführungen.

Er stellte im anschließenden Gespräch noch die Frage, ob Ehrles Kompromissfähigkeit in jenem „Kulturkampf Kirche – Staat“ nicht bereits in seinen Jugendjahren in ihm angelegt wurde durch die Erfahrungen des Gegen-, Neben- und Miteinander der Konfessionen in Isny? Dass man nämlich durch eigene Maximalforderungen und Absolutheitsansprüche keine friedliche Lösung erreichen kann.

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