Wenn staatstragende Parteien schwächeln

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Manfred Haaga
Manfred Haaga (Foto: Walter Schmid)
Schwäbische Zeitung
Walter Schmid

Die VHS Isny bietet in Kooperation mit der AG Heimatpflege im Laufe des Frühjahrs Vorträge zu Kultur, Geschichte und Brauchtum an. Den Anfang machte nun Manfred Haaga mit dem Thema: „Die nationalsozialistische Machtergreifung in Isny.“ Oswald Längst sagte in seiner Begrüßung im voll besetzten Saal des Paul-Fagius-Hauses: „Ist es wohl mehr Zufall oder mehr Geschenk, dass man nach dem Wahlergebnis der Landtagswahl mit diesem Vortrag geradezu gezwungen ist, sich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen vor 80, 90 Jahren zu vergegenwärtigen?“ Damals wie heute seien ein Schwächeln der staatstragenden Parteien und die Etablierung einer rechtspopulistischen Partei (einschließlich Pegida-Bewegung) festzustellen.

Haaga sagte zu Beginn seiner Ausführungen, dass er versuche, den Weg ins Dritte Reich, den Aufstieg der NSDAP von einer kleinen Splitterpartei zur stärksten Fraktion am Ende der Weimarer Republik, sowie den Prozess der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nach dem 31. Januar 1933 nachzuzeichnen. „Dieser führte innerhalb weniger Monate zur Etablierung einer Diktatur, zu einer totalitären Herrschaft, die keine Opposition mehr duldete. Terror und Propaganda gehören immer zum Wesensbestandteil jeder totalitären Herrschaft, so auch im NS-Regime.“ Der Rechtsstaat sei von Anfang an in einen Unrechtsstaat umgeformt worden, so Haagas Überzeugung.

Die NS-Geschichte und -Geschichten an der Basis, in den Orten, seien nur erklärbar im Zusammenhang der übergeordneten Entwicklung auf Landes- und Reichsebene, dasselbe gelte auch für Isny. Verschiedene Faktoren hätten den kometenhaften Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung begünstigt: Hohe Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise. Schwäche der Demokratie und des Parlamentarismus. Die Zerrissenheit der Parteien und mangelnder Grundkonsens.

„Mit den wachsenden Wahlerfolgen der NSDAP ab 1932 stieg auch die Akzeptanz der Partei in der Mitte der Gesellschaft – auch in Isny“, weiß Haaga. Sogar im katholischen Oberschwaben sei die Zentrumspartei abgestürzt. Die traditionell katholische Zentrums-Wählerschicht sei von der NSDAP erreicht worden. Isny sei zur kleinen NSDAP-Hochburg geworden, denn die mehrheitlich protestantischen Bürger der Stadt hätten sich sowieso gerne mit dem neuen System solidarisiert – und vermutlich darin eine neue Chance für ihre sich verlierende Bedeutung gesehen.

Brachiale Methoden

Die NSDAP sei ab 1931 im Stadtrat nur mit einer Stimme vertreten gewesen. Das hätte sich allerdings mit der Machtergreifung am 31. Januar 1933 schlagartig geändert. „Mit dem Ergebnis der NSDAP-Mehrheit bei der Reichswahl durfte die Partei ihre Mandatsträger für die Orte selbst vorschlagen. Auf einen Schlag hatte die Partei sechs von zehn Mandaten im Stadtrat. Sie wurden – ohne jede Wahlmöglichkeit – von der Kreisleitung abgesegnet. Demokratische Spielregeln wurden außer Kraft gesetzt“, erklärte der Referent. Der fähige Bürgermeister des Zentrum, Wilhelm Seeger sei durch die Führung abgesetzt und ein junger, linientreuer Jurist aus Stuttgart, Georg Scheerer, beauftragt worden. „Die Diktatur wurde mit brachialen Methoden in die Wege geleitet, Parteien aufgelöst – oder sie lösten sich selbst auf, um der Zwangsauflösung zuvorzukommen.“

Dann sei es nach 1933 darum gegangen, alle gesellschaftlichen Gruppen für die Idee einer neuen Volksgemeinschaft zu gewinnen. Feste und Feiertage wurden eingeführt. Der Tag der Arbeit, der Muttertag, kirchliche Feste umgemünzt, beschlagnahmt. Aus dem Gewerbeverein wurde der „Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes“. Das Führerprinzip setzte sich durch. Ortsgruppenleiter und Kreisleiter hatten das Sagen. Kreisleiter Pfeiffer hatte ungeheuerliche Macht in der Region. „Die kleinen Adölfles waren zwar sehr unterschiedlich, von gemäßigt bis skrupellos, aber die Richtung identisch“, sagt Haaga. Die drei F’s - Fahnen, Fackeln, Fanfaren - hätten für den emotionalen, linientreuen Überbau gesorgt.

In der Schlussphase, am Ende des „neuen Zeitalters“, hätte es zwar Einsichtige gegeben, aber auch andere, mit Durchhalteparolen bis zuletzt, trotz aller Aussichtslosigkeit. Der Isnyer Ortsgruppenleiter Münzing hätte zu den Einsichtigen gehört und sei mit der weißen Fahne den Franzosen entgegengegangen. Reichsstatthalter Wilhelm Murr – von Hitler selbst eingesetzt – sei auf seiner Flucht Richtung Vorarlberg durch Isny gekommen und habe im Wirtshaus Jägerhof Station gemacht.

Am 7. April wird Hartmut Helber am Beispiel von sieben Höfen sieben einschneidende Epochen erklären. Am 10. Juni erklärt Rudi Daumann die unendliche Verkehrsgeschichte in der Stadt.

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