Vortrag von Kinderarzt Herbert Renz-Polster in Isny behandelt, „wie Kinder heute erwachsen“ werden

Lesedauer: 6 Min
 Herbert Renz-Polster hielt einen Vortrag in Isny.
Herbert Renz-Polster hielt einen Vortrag in Isny. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Die beiden neuen Vorsitzenden des ökumenischen Arbeitskreise Bildung Isny, Maren Sziede und Andrea Olzinger, haben im Paul-Fagius-Haus gut 100 meist jüngere Eltern zum Vortrag von Herbert Renz-Polster begrüßen können. Er ist Kinderarzt, Buchautor, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent.

Er sei selbst vierfacher Familienvater und jüngst Opa des ersten Enkelkindes geworden: „Ich weiß also einigermaßen von was ich heute Abend zu reden habe“, stellte sich der Referent selbst vor und kreiste anschließen mit dem Mikrofon in der Hand fast zwei Stunden lang ums Rednerpult, ganz nah bei den Zuhörern. Diese wiederum gespannt auf eine Antwort darauf, ob sie in der Erziehung ihrer Kinder auf dem richtigen Gleis sind das in eine gute Zukunft führt. „Wohin entwickeln sich eigentlich unsere Kinder heute“, fragt er in den Saal. „Wir wissen es nicht wie unsere Kinder einmal leben werden. Wir können nur ahnen: Es wird Neuland sein.“

Ganz sicher sei, dass sie aufgeschmissen sein werden, wenn sie keinen Mut haben, kein Selbstvertrauen, keine Beziehungsfähigkeit, wenn sie nicht bei sich selbst beheimatet sind. Die Frage müsse sein, wie Kinder groß und stark werden.

Der Referent bezog sich in seinen Ausführungen immer wieder auf die evolutionäre Entwicklung des Menschen. Seit Jahrtausenden folge die Entwicklung des Menschen, von Generation zu Generation einem Plan, der sich eingeschliffen und bewährt hat. Kinder mussten auf ihrem Weg durch die Menschheitsgeschichte all das perfektionieren, was einem kleinen, unreifen Menschen hilft, ein großer, erfolgreicher Erwachsener zu werden. Was früher funktioniert hat, dieselben Wurzeln bilden auch heute noch das Fundament um erwachsen zu werden, das heißt um dem Leben gewachsen zu sein. Kinder bräuchten auch heute noch dieselben „Zutaten“, um ein Urvertrauen auszubilden, nämlich Mut, Selbstvertrauen, Beziehungsfähigkeit.

Um Verhaltensweisen der Kinder zu verstehen, müsse man die Lebensbedingungen der evolutionären Vergangenheit ins Auge fassen . „Die Nähe der Eltern zu ihren kleinen Kindern war ihr Überlebens-Ticket.“ Konkret: der sichere, warme Schlafplatz ganz dicht bei den vertrauten Erwachsenen, viel getragen und möglichst lange nach Bedarf gestillt werden. „Dass Kinder durch das Gewähren von viel Nähe verwöhnt werden oder in ihrer Entwicklung zur Selbstständigkeit behindert werden, das ist aus der Sicht der Evolution nicht plausibel.“ Aus evolutionärer Sicht würden alle Kinder aus einer Welt entstammen, in der es lebensgefährlich wäre, wenn man ihnen Schutz und Sicherheit durch Nähe vorenthalten würde. Babys würden Nähe durch den Körper der Mutter, durch Berührung, Gerüche, durch sinnliche Erfahrung erleben. Er wollte durch das Bild der „Känguruh-Pflege“ auf die Dringlichkeit der körperlichen Nähe aufmerksam machen. Hautkontakt stärke sogar auch die Gesundheit des Säuglings – und übrigens auch die der Mutter.

Die wesentlichen Fundamente die ein ganzes Leben tragen würden im Kleinkind angelegt. Wenn die Kapitalseite der „Goldmünze“ gut gefüllt sei mit Nähe, Schutz, Anerkennung, Heimatgefühl, Selbstwert, dann schaffe das Kind auch die andere Seite die da heißt: „Ich kann das selbst, geh weg, lass mich los, ich bin auch schon groß.“ Die ganz grundlegenden Dinge könnten die Kinder später nicht mehr nachholen.

Glücklicherweise sei Kindern von Geburt an bereits ein „Näheprogramm“ mitgegeben, das sie zu ihren Versorgern treibt und auf den Schoß von Mama und Papa kleben lässt. Kindern sei auch ein „Erforschungsprogramm“ von innen heraus mitgegeben, ein „Selbstwirksamkeitsprogramm“ wie es die Entwicklungspsychologen sagen. „Ein Kind, das sein Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Schutz und Heimat erfüllt bekommt, bildet genau dadurch das Kapital, das es braucht um wirksam zu werden in Richtung Selbständigkeit. Und sichere verlässliche Beziehungen nutze das Kind als „Sprungbrett“ um mit Freude die Welt zu entdecken: „Wurzeln treiben Flügel – Flügel brauchen Wurzeln.“ Das Wesentliche wiederholte der Referent immer wieder: „Schenken Sie ihren Kindern Nähe, Anerkennung, verlässliche Beziehungen, dann finden sie darin Sicherheit und Mut um die Welt zu ,erspielen’ und an den Herausforderungen zu wachsen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen