Soldaten-Schicksal nach 100 Jahren geklärt

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 Werner Fouquaert aus Belgien hat nach knapp 100 Jahren das Schicksal eines Soldats aus Großholzleute im Ersten Weltkrieg aufgek
Werner Fouquaert aus Belgien hat nach knapp 100 Jahren das Schicksal eines Soldaten aus Großholzleute im Ersten Weltkrieg aufgeklärt. (Foto: Tobias Schumacher)

Ganz Europa verharrte am Sonntag im Gedenken an die Abermillionen von Toten des Ersten Weltkrieges: Vor 100 Jahren, am 11. November 1918, schwiegen nach vier Jahren des gegenseitigen menschlichen Abschlachtens die Waffen. Das Leid und die Trauer, die der Krieg in Familien getragen hat, ist in nahezu jeder Stadt, jedem Dorf, selbst in kleinen Weilern bis heute ablesbar an den Kriegerdenkmälern. Eine ganze Generation junger Männer marschierte in den Tod. Am kommenden Sonntag, 18. November, dem Volkstrauertag, halten vor den Denkmälern die aktuellen Generationen inne im gemeinsamen Wunsch: „Nie wieder Krieg.“

Dem Krieger- und Soldatendenkmal in Bolsternang hat Werner Fouquaert dieses Jahr nun eine besondere Geschichte hinzugefügt. Seit 41 Jahren besucht der inzwischen 85-jährige Belgier seinen Landsmann Pater Walter Vandermeulen, um eine Woche bei ihm Urlaub zu machen. Am Beginn der Freundschaft stand unter anderem ein kleiner Baum, den er mit nach Bolsternang brachte, er ist inzwischen 15 Meter hoch. Die beiden älteren Herren verbindet auch, dass Erinnerungen an den ersten Weltkrieg noch unmittelbar geprägt wurden von Erzählungen aus erster Hand innerhalb der Familien.

Beim vorletzten Urlaub in Bolsternang fotografierte Fouquaert die Gedenktafel für die Gefallenen der beiden Weltkriege an der Bolsternanger Kirche. 

Drei Gefallene Reischmanns

Unter den in Stein gemeißelten Toten von 1914 bis 1918 tragen drei den Familiennamen Reischmann: Augustin, der jüngste, 1888 geboren, am 12. November 1916 bei Kronstadt in Rumänien gefallen, Soldat in der siebten Kompanie des 26. bayerischen Infanterieregiments. Zweitens: Franz Xaver, der mittlere, am 4. April 1884 geboren, als „Landsturmmann“ der elften Kompanie des Infanterieregiments 120 bei Neuville in Frankreich am 19. Juni 1915 gestorben. Genauere Informationen, etwa über einen Friedhof, wo die beiden begraben liegen, konnte Werner Fouquaert nicht herausfinden, die knappen Angaben stammen aus einem Brief, den er Anfang 2018 bekommen hat und später mit nach Bolsternang brachte.

Denn knapp 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges und 103 Jahre nach dessen Tod hat der Belgier die letzte Ruhestätte des ältesten Reischmanns ausfindig gemacht: jene von Johann Georg, geboren am 18. Oktober 1882, wohl auf dem Schiedelhof bei Großholzleute – „Landsturm-Rekrut in der elften Kompanie im dritten Bataillon des 246. Reserve-Infanterie-Regiments des deutschen kaiserlichen Heeres“.

So schrieb es das „In Flanders Fields Museum“ an Fouquaert, für den mit dem Brief eine mehr als zweijährige Recherche zu Ende ging, die er „als Hobby“ betrieben habe und bei der er tatkräftig unterstützt worden sei von seiner Tochter Kristien. Nun weiß der rüstige Senior, der kaum deutsch spricht, wo zumindest einer der drei Reischmanns, Johann Georg begraben liegt: in einem Massengrab auf dem riesigen Soldatenfriedhof „Langemarck“ bei Ypern. Der Name ist dort auf einer Bronzetafel zu lesen.

Monumentale Gedenkstätte

Auf das Gräberfeld, das geschätzt mehr als 44 000 Opfer aus Deutschland birgt, gelangen Besucher durch ein monumentales Torhaus mit einem zentralen Eingang und zwei Seitenkammern. In einer sind 6313 Namen in Eichenpaneele eingelassen von gefallenen Soldaten, die eindeutig identifiziert werden konnten. Eine fast dreifache Anzahl an Namen sind in 68 Bronzetafeln gegossen, die an einem riesigen Massengrab stehen, in dem die Überreste von fast 25 000 deutschen Gefallenen liegen. Sie wurden in den Jahren 1956 bis 1958 in ganz Belgien ausgegraben und nach Langemarck verbracht. Unter jenen 17 342 Toten, die vermutlich hier liegen, weil deren Namen großteils auf Archivrecherchen basieren, ist auch jener von Johann Georg Reischmann zu finden.

Er starb demnach in Bellewaerde bei Ypern, in der „Front-Gemeinde“ Poelkapelle, die vier Jahre lang umkämpft und dabei völlig zerstört wurde. Zahlreiche Friedhöfe und Denkmäler in und um Ypern erinnern an den Stellungskrieg „in den flandrischen Feldern“. Die Gedenkstätte Langemarck trägt zudem den Beinamen „Studentenfriedhof“, berichtet Werner Fouquaert, auf dem Friedhof liegen auch mehr als 3000 Studenten „aus dem 22. zweiten Reservekorps, die während der wiederholten Angriffe in der ersten Schlacht von Ypern im Oktober und November 1914 fielen“. Sie hatten sich freiwillig gemeldet in der ersten „Kriegseuphorie“, mit der die Truppen des Deutschen Kaisserreichs in den Überfall auf das eigentlich neutrale Belgien gezogen waren.

Was Bolsternang-Urlauber Fouquaert bedauert, ist, dass jene Reischmanns, die heute im Isnyer Telefonbuch stehen, anscheinend nicht verwandt sind mit den mutmaßlichen Brüdern Augustin, Franz Xaver und Johann Georg. Entsprechende Anrufe verliefen erfolglos. Fouquaert hegt aber die Hoffnung, dass eventuelle Nachfahren doch noch auf das nach 100 Jahren aufgeklärtes Weltkriegsschicksal aufmerksam werden.

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