So war’s einst beim Kinder- und Heimatfest

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Die so kleine wie erzählfreudige Runde in der Unteren Mühle.
Die so kleine wie erzählfreudige Runde in der Unteren Mühle. (Foto: sts)

Seit gestern Abend läuft das Kinder- und Heimatfest – nach Recherchen von Nicola Siegloch im Isnyer Stadtarchiv wohl im 398. Jahr. Nicht ganz soweit in der Vergangenheit liegen die Erlebnisse, von denen alteingesessene Isnyerinnen und Isnyer beim Erinnerungscafé in der Unteren Mühle erzählten. Eingeladen hatte Ute Seibold, Leiterin der Städtischen Museen, als „Panorama-Partner“. Dass die monatliche Runde kleiner ausfiel als sonst, führte sie aufs heiße Sommerwetter und die Fußball-WM zurück. Vorteil: Jeder konnte ausführlich berichten, als Seibold fragte: „Wer hat die älteste Erinnerung?“ Sie hier alle wiederzugeben, sprengt leider den Rahmen. Für 2020 plant Seibold eine Sonderausstellung, bis dahin sammelt sie.

Eine Seniorin erinnerte sich, dass 1956, als sie in die sechste Klasse ging, diese beim Festzug einen „Wanderzirkus“ darstellen sollte: „Das Problem war: Wo kriegt man Tiere her?“ Sie seien sechs Kilometer gen Maierhöfen gelaufen, um Ponys zu holen. „Und wir mussten sie natürlich auch wieder zurückbringen“, schaudert ihr bis heute über den langen Marsch auf Kindesbeinen.

Ortrud Tischer erzählte von 1953/54, als ihr Mann Rudi Lehrling war in der Konditorei Kronenwetter „und mit dem Fahrrad in Behältern Speiseeis auf den Festplatz gebracht hat“. Umgehend erinnerten sich die Umsitzenden, dass auch das Café Schatten und die Konditorei Weber Eis fürs Kinderfest produzierten.

„Das vom Weber war’s beste!“, rief Reinhard Kurringer, dessen Vater Obermeister der Metzger war. Er selbst habe wohl 1954 als Zwölfjähriger erstmals den Kletterbaum erklommen, „um Landjäger und Schüblinge zu pflücken“. Walter Bühler wusste, dass der Radkranz, an dem die Würste hingen, bei Kindern in Kurringers Alter schneller emporgezogen wurde, als wenn Sechsjährige ihr Pflück-Glück versuchten. Jakob Immler fasste zusammen: „Jeder war glücklich, wenn er eine Wurst kriegte.“

Kurringer fuhr fort, dass früher „500 Gramm oder ein Kilo Aufschnitt verkauft wurde an Bauern, die dann Brotzeit im Biergarten machten“. Einst hätten sieben Metzger auf dem Festplatz Stände betrieben (andere wussten von acht) – und prompt wurde in der Runde über deren Namen sinniert: „Ohmayer, Walker, Seitz, Mayer, Jork, Hartmann (später Kelnhofer), Frick, Stach, Kurringer...“ Letzterer habe als Obermeister die Stände später auf zwei reduziert, jedes Jahr wechselnd, weil der teure Wareneinsatz wetterabhängig war und nicht verderben sollte, wusste Sohn Reinhard, denn: „Wir haben über drei Tage hinweg an die 10 000 Würste verkauft.“

Hier durfte ein Exkurs zum Isnyer Schlachthof und den hygienischen Zuständen nicht fehlen. Als Kind habe er dort „Ratten mit Pfeil und Bogen gejagt“, erzählte Immler; und: „Die Ach war rot vom Blut – oder vom Springer“, der Spinnerei. Und schon mal im Isnyer Untergrund angelangt, erzählte er von „Stabhandgranaten“, die er mit Freunden in einem Hohlraum unterm Mühlturm entdeckte: „Die haben wir durch die Stadt getragen, bis uns die Polizei angehalten und gefragt hat, was wir da bei uns haben.“ Im Rotmoos sei die Kriegsmunition gesprengt worden.

Eine „Spätfolge“ des Krieges habe außerdem für Erheiterung gesorgt beim Fußballspiel der Gemeinderäte gegen die Handwerker, legte Immler nach: „Gebs Mayer hat immer den Anstoß ausgeführt, da ist seine Prothese in die Luft geflogen – wer’s nicht wusste, der ist furchtbar erschrocken“, erinnerte er an den Spaß, den sich Kriegsteilnehmer Mayer mit den Zuschauern erlaubte.

Walter Bühler schilderte, wie er als „Reingeschmeckter“ nach 1954 das Kinderfest erlebt hat. Vom Umzug sei er „beeindruckt“ gewesen, unter Bürgermeister Karl-Wilhelm Heck sei der ganze Gemeinderat „mitmarschiert, bis der Benk das später abgeschafft hat“. 1965 seien die Räte in schwarze Talare gekleidet gewesen, „es war der heißeste Tag, ich hab’ noch nie so geschwitzt“. Als SPDler habe er sich einmal „den Gag“ erlaubt, vom riesigen Rankbusch an seinem Haus im Spitalhofweg rote Rosen zu schneiden und sie den Ratskollegen auszuhändigen mit dem Auftrag, sie zu verschenken, „wenn ein nettes Mädchen am Straßenrand steht“. Eugen Mayer von der CDU habe die rote Gabe „wahnsinnig geärgert“. Und noch eine Episode Bühlers kreiste ums weibliche Geschlecht: „Früher war auf dem Festplatz eine riesen Tanzbühne aufgebaut – dank der Chemieschule gab es nie einen Mangel an Damen“, erzählte er feixend.

Edith Raunecker, Jahrgang 1950 und bis heute ehrenamtlich im Fundus tätig, erzählte: „Seit 1957 laufe ich mit, die Mädchen der evangelischen Volksschule sind geschlossen mitgelaufen, in weißen oder roten Röcken, am Schluss haben wir auf dem Sportplatz einen Reigen aufgeführt und die Älteren haben auf der Wiese gesungen, wo jetzt die Realschule steht.“ Später, als sie aufs Gymnasium ging, hätten Schüler noch selbst für ihre Kostüme sorgen müssen. Dass es den Fundus gebe, „weiß ich erst seit meiner Zeit als Lehrerin.“

Dass er sich ab dem 18. Lebensjahr fürs Kinderfest engagiert, habe auch damit zu tun gehabt, „dass ich als Kind unendlich grauenhafte Kostüme tragen musste – aus Teppich, Gardinenstoff“, die die Firmen Dethleffs, Springer oder Gardinia stifteten „oder Ausstatter, was sie nicht brauchten“, schilderte Immler: „Als Silvia Seitz als Vorsitzende der Kinderfestkommission irrsinnig viel Geld gesammelt und den Fundus erneuert hat, haben wir containerweise Glump weggeworfen.“

Apropos Kostüme: Ende der 1940er-Jahre habe man bei den Umzügen „halt angezogen, was man im Sommer hatte“, später seien „Accessoires in der Schule gebastelt worden mit unserer Handarbeitslehrerin Fräulein Fleischer“ erzählte eine Zeitzeugin. Und eine andere bestätigte das mit ihrer Erinnerung an 1960: „Da hat’s beim Umzug geregnet, wir hatten Kostüme aus Krepp-Papier, hinterher lag im Schulhof ein riesen Altpapierhaufen, der mächtig abgefärbt hat.“

Regen war auch ein Problem für die Kinderfesttrommler, unterstrich Brunhilde Hechelmann. Deren einstige Kostüme seien aus Cordsamt gewesen, und zumal es noch keine Wäschetrockner gegeben habe, hätte die Chefin vom Modegeschäft Pfeilsticker empfohlen: „Schieb’s in den Backofen.“

Besonders betont wurde im Erinnerungscafé die Rolle der Handwerkerzunft beim „Überleben“ des Kinderfests, nachdem sich die Lehrerschaft 1977 aus der Organisation zurückgezogen hatte, zu verdanken vor allem Kunstschmiedemeister Josef Epp. Die Zunftfeier am Montag unterstreicht das Selbstverständnis bis heute. Ein Artikel übers Erinnerungscafé kann die Vergangenheit schildern. Die Zunft ist Gegenwart beim Kinder- und Heimatfest.

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