Schmutziges Wasser in den Stadtbach gepumpt

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Seit Ende Juni haben wiederholt weißlich-milchige Eintrübungen des Wassers im Unteren Graben- und Bremenweiher im Isnyer Kurpark aufmerksame Bürger, das städtische Bauamt und die Fachbehörden im Landratsamt Ravensburg auf Trab gehalten. Am Mittwoch könnte nun die Ursache identifiziert worden sein: Aus einem Tiefbrunnen der Großbaustelle im Sanierungsgebiet „Südliche Altstadt“ wurde demnach Wasser durch ein unterirdisches Rohr in den verdolten Stadtbach in der Hofstatt gepumpt, von wo es in den Kurpark floss.

Nicht geklärt werden konnte bis zum Redaktionsschluss gestern, inwiefern die Fachabteilungen im Landratsamt angemessen auf die Vorfälle reagiert haben und ob sich rechtliche Konsequenzen aus den Wasserverunreinigungen ergeben.

Und erst längerfristig wird sich zeigen, ob und welche ökologischen Folgen die Einleitungen haben könnten – für die Kurparkweiher oder unter Umständen auch für die nach europäischem Recht geschützten FFH-Flächen und -gewässer im Rotmoos.

Landratsamt ist zuständig

Für den Gewässerschutz ist nicht die Stadt, sondern das Landratsamt zuständig. Dessen Pressesprecher Franz Hirth nannte die Einleitungen der vergangenen Wochen am Donnerstag „unbedenklich“, nachdem er von den Ergebnissen einer Wasseruntersuchung unterrichtet worden war, mit denen das Landratsamt ein Fachlabor beauftragt hatte. Experten des Bau- und Umweltamtes hatten am 28. Juni im Beisein der Polizei Proben genommen. Nur eine Frage am Rande ist, warum es bis zum 11. Juli, also 13 Tage dauerte, bis die Resultate vorlagen.

Stadtbauamtschef Claus Fehr versuchte unterdessen, die lange Ursachenforschung zu erklären. Rätselhaft sei gewesen, dass die Eintrübung stoßweise und in unregelmäßigen Abständen auftrat. Mit Alexandra Haug, bei der Stadtverwaltung unter anderem für den Naturschutz zuständig, hatte er sich wiederholt in den Kurpark und an die Großbaustelle aufgemacht, außerdem war „Bauhof-Pensionär“ Hans Mayer mehrfach auf Spurensuche, wenn milchiges Wasser gemeldet wurde.

Ungeklärt blieb die Ursache bis zum frühen Mittwochnachmittag: Fehr, Haug und Mayer öffneten an diesem Tag in der Hofstatt mehrere Gullideckel sowie einen Gitterrost, unter dem der Stadtbach hindurchströmt. Sie begutachteten außerdem das Wasser in den Absetzbecken, in die das Baustellenwasser aus der „Südlichen Altstadt“ gepumpt wird: „Das Wasser war glasklar“, konstatierte Fehr gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“.

Sportliche Detektivarbeit

Als das Terzett anschließend im Kurpark unterwegs war, sei plötzlich wieder getrübtes Wasser vom Espantor in Richtung der Kurpark-Weiher geflossen. „In zweieinhalb Minuten bin ich zurückgerannt“, schilderte Fehr seine sportliche Detektivarbeit.

Die führte zum Erfolg, als ein weiterer Gulli nahe des Hallgebäudes geöffnet wurde: Aus einem Rohr floss milchiges Wasser direkt in den Stadtbach-Schacht. Isnys Bauamtschef hielt den Augenblick mit der Handy-Kamera fest – schon wenig später sei der Wasserstrom wieder klar gewesen.

Zu diesem Zeitpunkt weilten auch drei Vertreter des Bau- und Umweltamtes im Landratsamt Ravensburg in Isny: Michael Brandt, zuständig für die Rufbereitschaft, Lena Held vom Sachgebiet Oberflächengewässer und Hartwig Stadelmaier vom Sachgebiet Naturschutz. Held und Brand erklärten gegenüber der SZ-Redaktion, dass die Trübung auf „lösliches Sediment“ zurückzuführen sei, das aufgewirbelt werde, während bei Baggerarbeiten natürliches Erdreich in ein Wasserloch in der Baugrube falle, in der derzeit die Tiefgarage weitergebaut wird in Richtung Marktplatz.

Aus diesem Wasserloch wurde direkt abgepumpt in den Stadtbach. Laut Bauamtschef Fehr war das bei der Stadtverwaltung nicht bekannt. Held und Brandt ordneten an, dass das betreffende Rohr „jetzt umgeschlossen wird in die Absetzbecken“, wie sie vor Ort gegenüber der SZ erklärten. Auch sie gebrauchten – wie Pressesprecher Hirth – den Begriff „unbedenklich“. Es handle sich um „dreckiges Wasser“, da das Grundwasser „bis oben hin“ in der Baustellenbasis anstehe. Wichtig war ihnen und auch Fehr zu betonen: „Es ist keine Beton- und keine Kalkbrühe, sondern normales Sediment.“

Limnologe konstatiert zuviel Kalk

Diese Aussage erfolgte noch ohne Kenntnis der Wasserproben, die erst später am Mittwochnachmittag vorlagen. Gemeinderat Erhard Bolender konsultierte zu den Ergebnissen einen Limnologen, einen Fachmann für Gewässerbiologie. Der habe die Experten vom Landratsamt insofern bestätigt, als „alle Daten im unteren Normalbereich liegen“. Eine Einschränkung habe er allerdings beim Calcium gemacht: „Der Kalkgehalt ist zu hoch, das bestätigt der chemische Befund“, zitiert Bolender den von ihm zu Rate gezogenen Wissenschaftler. Auch wenn davon auszugehen sei, dass kein „Betonwasser“ in den Kurpark fließe, werde Kalk freigesetzt. Ursache bislang unbekannt.

Seit Herbst 2017 hatte Bolender in Gemeinderatssitzungen immer wieder auf Verunreinigungen in den Kurpark-Gewässern hingewiesen. Bürgermeister Rainer Magenreuter und Bauamtschef Fehr verwiesen auf die Zuständigkeit des Landratsamtes, auch die Staatsanwaltschaft sei eingeschaltet. Mindestens zwei Fälle sind aktenkundig: Einmal, als eine Schneefräse das Stromkabel einer Pumpe in der „Südlichen Altstadt“ beschädigte und Wasser aus der Baugrube überlief, was gegenüber der SZ von verantwortlicher Seite eingeräumt wurde. Im zweiten Fall identifizierte das Bauamt eine Baustelle im Neubaugebiet Lohbauerstraße als Verursacher.

Gemeinderat Bolender reichen die Erklärungen nicht aus. Im Unteren Grabenweiher gebe es inzwischen „sichtbare Ablagerungen in ruhigeren Gewässerbereichen – das ist nicht wegzudiskutieren, das kommt nicht von Bodensediment, sondern einem vergleichsweise hohen Kalkgehalt im Wasser, diese Tatsache ist durch die Wasserproben bewiesen und nicht unbedenklich“, sagte er. „Kalkeinschwemmungen über einen längeren Zeitraum hinweg“ seien „für intakte Fließgewässer nicht zu akzeptieren, da sich feine Sedimentteile ablagern, wo geringere Fließgeschwindigkeiten wie im Grabenweiher vorherrschen“. Das führe „zu einem Zusetzen der vorhanden Lückensysteme auf der Gewässersohle“ und habe „eine starke Beeinträchtigung des Makrozoobenthos und der Selbstreinigungskraft“ zur Folge.

Auch ein Artenschutzproblem

So vermisst Bolender inzwischen das „Laichkrautgewächs Groenlandia“, das auf der „Roten Liste“ bedrohter Arten stehe und dessen Vorkommen landkreisweit nur dreimal dokumentiert sei – einmal davon „als Stillwasserform im Unteren Grabenweiher“. Er sieht nach den jüngsten Vorfällen „nicht nur ein Wasserverunreinigungs-, sondern auch ein Artenschutzproblem“.

Diese Information wiederum veranlasste Landratsamts-Pressesprecher Hirth zur intensiven Recherche: „Groenlandia gilt als selten, als gefährdet, steht auf der Roten Liste – ist nach Bundesnaturschutzgesetz aber nicht geschützt“, gibt er das paradoxe Ergebnis wieder.

Für die Entwässerung der „Südlichen Altstadt“ hat das Landratsamt laut Bauamtschef Fehr den Investoren eine „wasserrechtliche Erlaubnis“ erteilt. Deren Wortlaut konnte die SZ bis zum Redaktionsschluss gestern nicht in Erfahrung bringen. Eine Bewertung, ob zu Recht oder warum die Ableitung des milchigen Wassers aus der Baugrube direkt in den Stadtbach-Gulli erfolgte, dürfte für die nächsten Tage anstehen.

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