Quer durch alle Gefühlswallungen

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Hans-Christian Hauser (links) und Serguei Leonardo Afonin.
Hans-Christian Hauser (links) und Serguei Leonardo Afonin. (Foto: Bac)
Babette Caesar

Im November 1823 berichtete Franz Schubert seinem Freund Franz von Schober, dass er ein paar Müllerlieder komponiert habe. Das hört sich nach wenig an, ist aber längst ein Hauptwerk deutscher Liedkunst. „Die schöne Müllerin“ stand am Anfang der Mittagsmusik-Winterkonzerte im Isnyer Kurhaus mit Hans-Christian Hauser am am Bösendorfer Flügel. Er begleitete den russisch-schweizerischen Bariton Serguei Leonardo Afonin durch den Liederzyklus, der es in sich hat – gesangstechnisch wie instrumental.

Schon mehrfach trat in Russland geborene, heute in der Schweiz lebende Afonin beim Isny-Opernfestival auf; zuletzt diesen Sommer in der Hauptrolle des Märchens von „Zar Saltan“. Ein guter Bekannter somit, doch nun in der Rolle des Liedsängers.

„Das Wandern ist des Müllers Lust“ – wenn der junge Müllersbursch in der ersten Strophe seinem Meister „adé“ sagt und frischen Mutes in die Welt hinaus zieht. Das ist auch die Strophe, die jeder mit Schuberts romantischem Liederzyklus assoziiert. Ursprünglich sind es 25 Gedichte „aus den Papieren eines reisenden Waldhornisten“ von Wilhelm Müller, 20 davon hat Schubert vertont. Im Vorfeld gab Hauser dem halbvoll besetzten Auditorium eine kurze, prägnante Einführung in die vier Hauptfiguren dieses hoffnungsfroh beginnenden, dann aber tragisch endenden Stücks.

So hob Afonins Stimme zupackend an und brachte des Gesellen Wagemut zum Ausdruck. Stets am Bächlein entlang, das ihm schnell zum Freund und Begleiter wird. Doch schon bald macht sich unterschwellig Ernüchterung breit, bevor beide Solisten in „Mit hätt’ ich tausend Arme zu rühren“ emotional ausbrechen. „Dein ist mein Herz“ in der Strophe „Ungeduld“ mündet in einen Verzweiflungsschrei, der voller Enttäuschung steckt. Afonins sprachlichen Ausformulierungen bestachen ebenso wie er den Gefühlswallungen des Müllers Kraft verlieh. Abgesehen von einigen wenigen unsauberen Ansätzen überzeugte sein Vortrag, wenngleich stellenweise etwas opernlastig, das Publikum durch die Lebhaftigkeit und das Einfühlen in die Krisenhaftigkeit des Müllergesellen.

Der in Moll-Tonarten gehaltene, zweite Teil, der in tiefe Abgründe schauen ließ, geriet zum Abgesang auf die unerwiderte Liebe der schönen Müllerin. Nochmal bäumte sich Afonin auf, sobald „Der Jäger“, sein unerbittlicher Konkurrent, das Spielfeld betrat. Spannungsgeladene Dialoge ergaben sich hier zwischen temporeichen Akkordfolgen und höchst erregter Singstimme.

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