Nummernkino unter gestrickten Bommelmützen

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Sebastian Rüger (l.) und Frank Smilgies – doch wer Ulan ist und wer Bator, dass wissen die Beiden selbst nicht.
Sebastian Rüger (l.) und Frank Smilgies – doch wer Ulan ist und wer Bator, dass wissen die Beiden selbst nicht. (Foto: Matthias Hagmann)

Letzter Abend des Isnyer Theaterfestivals 2018 – hanebüchener Blödsinn, unterirdische Sinnfreiheit, dadaistische Sprech-Akrobatik, bitterbös-entlarvende Fernseh-, Social-Media-, Politik-, Wirtschafts- oder Kultur-Satire, auf die Bühne gebracht mit schauspielerisch punktgenauer Exaktheit von Sebastian Rüger und Frank Smilgies alias „Ulan & Bator“. Wer kabarettistische Elemente in der Comedy liebt, das Groteske im Realen – oder jeweils umgekehrt – war mit dem Programm „Irreparabeln“ des Berlin-Kölner Duos herrlich bedient. Oder fragte sich hinterher: Was war denn das?

Es war: Nummernkino unter gestrickten Bommelmützen. Reinkarnationen von Dieter Hallervordens legendären „gespielten Witzen“. Satzbau-Finessen à la Hanns-Dieter Hüsch. Fantasie-Sprech nach Charlie Chaplins „Der große Diktator“. Duett-Gesang: „Im Kühlschrank sitzt ein Zwerg aus Käse“ oder „Auf dem Mond, da gibt es Parkplatz ohne Ende“. Reimerei: „Ein Gedicht aus Norddeutschland von Theodor von Shitstorm“, das die Okkupation eines Dorffestes schildert, bis – absurde Pointe – die prügelnde Clique „zurück in die Abtei“ fährt.

Großartige Sketche: Zwei wohlsituierte Väter auf dem Spielplatz, die aus Angst vor sozialem Abstieg die Namen ihrer Kinder an Großkonzerne verkauft haben, „Milka“ oder „Heinecken“ zur Ordnung rufen, mit ihnen über Restminuten auf der Schaukel verhandeln, zur „Aldi-Süd-Grundschule“ oder über „Organwochen bei Edeka“ sinnieren. Urkomisch überzeichnet vom „Wirtschaftsanwalt“, der geplagt wird von üblen Gesichtszuckungen, Nachwirkungen von Medikamententests, die Taschengeld gegen ein Abrutschen in „Hartz IV“ einbringen.

Oder: Das Interview im TV-Polit- und Kulturmagazin „Phrasenbeton“ mit Autor Jean-Jean Putzfrau-Hofer, der keine einzige Frage beantwortet, dafür epochale Lebensereignisse schildert, die stets mit einem ausladenden „Ich habe...“ beginnen – schon das ein Lacher. Und dann: Radtour zu zweit mit Martin Walser durch die Lüneburger Heide mit einem Fahrrad („Ich lief nie!“); das „nie geschriebene Gedicht von Möricke“ (eine Sprechpause); legendäre Kartenspielrunde mit Willy Brandt, Willy Stoph und Willy Millowitsch, bei der Putzfrau-Hofer auf seine Frage „wer gibt?“ die einleuchtende Antwort bekam: „Willy“ – ein Schenkelklopfer; zuletzt gesteht Putzfrau-Hofer nach der Reihung, was er einst mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Satre, Albert Camus, Gerd Müller, Berti Vogts, Wim Toelcke, Wum und Wendelin und anderen gemeinsam unternahm: „Ich habe den Anfang vom Satz vergessen.“

Auch eine „Weltpremiere“ gab’s beim Theaterfestival: In der Ostukraine entdecktes „Filmmaterial“ von Rudolf Nurejew und seinen Anfängen – moderiert von Frank Smilgies, der die Stationen des legendären russischen Baletttänzer auf seinem Weg zum Weltruhm aufzählt: Nowosibirsk, Moskauer Bolschoi-Theater, Gelsenkirchener Oper, Paris. Dazu tippelt und tänzelt Sebastian Rüger „primaballerina-like“ von links nach rechts über die Bühne und wieder zurück. Da gibt’s kein Halten.

Auch nicht beim „klassisch-modernen, fünfstündigen Opus“ eines 79-jährigen kasachischen Komponisten, das dessen Jugendtrauma thematisiert, das Schnarchen, instrumentiert mit zwei Stapelstühlen, die ruckartig über die Bühne schrappen. Finale Ankündigung der „Live-Übertragung im Deutschland-Kulturradio: Freuen Sie sich auf das nächste Werk des Kasachen, die 20-sekündige Kamasutra-Extase.“

Ein paar Festivalgästen ist der Tobak zu würzig, in der ersten Programmhälfte verlässt eine Familie geschlossen das Zelt, nach der Pause fehlen ein paar weitere Spaßbefreite. Die Vielen, die bleiben, feiern „Ulan & Bator“ mit stehenden Ovationen und Fußgetrappel. Zugabe gibt’s leider nicht – Smilgies und Rüger haben die Bommelmützen schon abgesetzt. Verständlich nach zwei Stunden „heißem Scheiß“ im genauso heißen Zirkuszelt.

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