Menschen mit Handicap haben auch einen Heiligen

Lesedauer: 4 Min

Gedenktafel des Schutzpatrons der Menschen mit Handicap: Hermann der Lahme.
Gedenktafel des Schutzpatrons der Menschen mit Handicap: Hermann der Lahme. (Foto: Walter Schmid)
Schwäbische Zeitung
Walter Schmid

Wenn die christliche Gemeinde in der Kirche St. Georg und Jakobus in Isny im Gottesdienst an bestimmten Festtagen das „Salve Regina“ anstimmt, wird sie einmal mehr mit Stolz an den Verfasser dieses Marienliedes denken, – spätestens dann, wenn die Gläubigen die Kirche durch den Haupteingang wieder verlassen. Dort ist nämlich seit Kurzem eine Steinplatte in die Wand eingelassen, die an Hermann den Lahmen erinnert.

Neben den anderen ganz großen Isnyern – Franziskaner Reichskanzler Heinrich von Isny und dem Jesuiten Kardinal Franz Ehrle – nun auch der Benediktinermönch Hermann der Lahme. Auf der Gedenktafel ist eingraviert, was mit einiger Sicherheit über diesen großen Universalgelehrten gesagt werden kann: Hermann der Lahme - gelebt von 1013 bis 1054 – Benediktiner auf Reichenau – familiäre Wurzeln im Grafengeschlecht der Altshauser/Vehringer – Sohn des Stifters der ersten Kirche in Isny – Dichter, Musiker, Astronom, Mathematiker, Historiker – Patron der Behinderten. Gerhard Weisgerber erklärt, dass das chronologische Gerüst unserer Zeitrechnung ‚vor und nach Christi Geburt‘ möglicherweise auf „unseren Isnyer Hermann“ zurückzuführen sei. „Ohne ihn hätte sich vielleicht die Zählung der Jahre nach Christi Geburt nicht weltweit durchgesetzt“, so vermutet Weisgerber zu Recht.

Vielleicht ein Isnyer Sommerkind?

Ob dieser große Geistesmensch des Mittelalters im Vollsinn als Isnyer herhalten kann, ist unsicher. Sicher nur, dass die Grafen von Altshausen in jener Zeit einen zweiten Herrschaftssitz in Isny hatten, eine Art Sommerresidenz. Sicher auch, dass Hermann als Sohn von Wolfrad und Hiltrud im Juli 1013 geboren ist, ein Isnyer Sommerkind also vielleicht? Ganz sicher ist auch, dass Hermann von schwerer körperlicher Behinderung gezeichnet war.

Für fast alle Anliegen und Berufsgruppen hat die katholische Kirche im Laufe der Jahrhunderte besondere Patrone ernannt; die behinderten Menschen gingen allerdings leer aus. Im Umland der Altshauser hätte man damals mit Ehrfurcht begonnen, den hochintelligenten mittelalterlichen Grafensohn Hermann zum Patron der Behinderten erklärt.

Und die Kirche hätte es wohl stillschweigend geduldet, dass „unser Hermann“ als einer der vier „Kapläne Mariens“ schon früh als Heiliger verehrt wurde, meint Weisgerber. Die Initiatoren der nun dritten Steinplatte meinen, es sei gar nicht falsch, in Isny „unseren Hermann“ als Patron der Behinderten wieder ins Gespräch zu bringen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen