Manege frei für Top-Akrobaten

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Das spanische Umami Dance Theatre eröffnet die Show in Isny.
Das spanische Umami Dance Theatre eröffnet die Show in Isny. (Foto: Matthias Hagmann)
Babette Caesar

Endlich in eine Zirkusmanege hat sich am Dienstagabend das Zelt verwandelt, passend zum „Varieté“, mit dem das Isnyer Theaterfestival seinen 35. Geburtstag feierte. In Zusammenarbeit mit der Lindauer Circle Show Production und Inselvarieté traten über zwei Stunden lang internationale Artisten vor vollen Rängen auf und bestachen mit hochkarätigen Darbietungen.

Festival-Organisations-Urgestein Peter Neubert und Moderator Rainer von Vielen alias Rainer Hartmann betonen eingangs, zum 35-Jährigen brauche es ein fulminantes Varieté mit allem, was Zirkusartistik zu bieten hat: „Ich bin der Zirkusdirektor, wenn ihr so wollt!“, ruft Hartmann ins Mikrofon, in das er gerne auch mal seinen markanten Didgeridoo-Sound bläst.

Etwa beim Auftritt des argentinischen Trapezkünstlers Adriano Cangemi. Bevor der sich im Schlussakt wagemutig um die freischwebende Stange windet, verzaubert er das Publikum als Meister der Kristallkugel: Mystisch mutet die dunkel beleuchtete Szenerie an, in der die schwere Kugel in seinen Händen und über seinen tanzenden Körper zu schweben scheint.

Das spanische Umami Dance Theatre eröffnet die Show, dessen Breakdance mehr ist als ein bloßes Vorführen akrobatischer Körpersprache. Das Duo macht klar, dass „Powermoves“ und „Footworks“ keine Grenzen haben, was Alter und Hautfarbe angehen und bindet eine witzig getanzte Inszenierung in die Nummer ein, die – einem Filmriss gleichend – immer wieder abbricht und neu beginnt.

Was hier vom hohen Tempo lebt, geht der US-Amerikaner Noah Chorny dort geruhsam an: Im grauen Hausmeisterkittel mimt er den Zauberkünstler, der sich selbst neu erfindet; der zusammendrückbare Cola-Flaschen locker in Papiertüten verschwinden lässt oder aufrollbare Maßbänder munter verschluckt. Was er aber nach der Pause als Artist an einer weit ausschwingenden Laternenstange bietet, lässt den Atem stocken. Hoch oben auf der Laterne angekommen, schwingt er sich über die Köpfe der Zuschauer. Dann steht er aufrecht, beginnt sich zu entkleiden: „Wollt Ihr alles sehen?“ – Tosender Applaus und Bravorufe nicht nur für diese gewagte Performance.

Nicht minder spektakulär in der Arena ist die amerikanische Hula-Hoop-Künstlerin Sarah Kunz. Ihr Powerdance in hawaiianischer Aufmachung lässt vier leuchtende Reifen um Arme, Beine, Füße und Hände kreisen – schweißtreibend bei der sommerlichen Hitze. Also erstmal ausatmen, bevor sie den palmenbekrönten Pfahl erklimmt, wo die Reifen dann in luftiger Höhe kreisen.

Alle Artisten haben trotz der enormen Körperakte immer ein Lachen im Gesicht, sind den Zuschauern zugewandt und bitten auch einmal ein Kind zum Mitmachen in die Manege.

Wie der brasilianische Meisterjongleur Cafe Solo Alegria, dessen sechs Bälle in einem Höllentempo sich gleichzeitig in die Luft erheben, um von einer jungen Zuschauerin auf Zuruf in einem Sack aufgefangen zu werden. Seinem „Tropical Summer“ setzt er im zweiten Teil des Abends die Spitze mit dem Cyr Wheel auf: Das Rhönrad aus zwei Reifen mit Sprossen würden viele kennen, erklärt Zirkusdirektor Rainer von Vielen, doch das sei kein Rhönrad. Es ist ein Reifen ohne alles, den Alegria hereinrollt und mittels seines Körpers zum Drehen bringt. Ein enormes Gleichgewicht ist von Nöten, wenn sich Reifen und Akrobat sich um sich selbst drehend horizontal knapp über dem Boden befinden. Wirklich fulminant!

Und die Clown-Nummer darf nicht fehlen: Das Duo Huberta y Masrrondo aus Chile erobert die Manege. In knallfarbiger Aufmachung schnattern sie wild durcheinander, üben kopfüber den gemeinsamen freien Fall. Autsch – das tut weh und besprengt die vorderen Reihen mit Tränenwasser. Ihr Auftritt ist ein gefeierter Mix aus Comedy und Artistik, wenn sie nach mehreren aberwitzigen Anläufen doch noch die ersehnte schwindelfreie Hebefigur schaffen.

Der Jubel über diese Varieté-Show nimmt am Schluss, als alle Akteure noch einmal die Runde machen, kein Ende.

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