Leben zwischen zwei Kulturen

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Mitglieder der Ditib-Gemeinde (von links) Ayse Celik, Festorganisatorin Gülümser Öztürk, Vorsitzender Necdet Özkoc, Imam Satilm
Mitglieder der Ditib-Gemeinde (von links) Ayse Celik, Festorganisatorin Gülümser Öztürk, Vorsitzender Necdet Özkoc, Imam Satilm (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

„Begegnung, Gespräch, Zusammensitzen, Gemeinde stärken und freilich auch ein bisschen Geld machen für die Kasse, das ist das Wichtigste beim Gemeindefest“, meint Necdet Özkoc, der Vorsitzende der Moschee Isny. Das Wochenendfest der türkicschen Ditip-Gemeinde begann am Samstag mit dem Mittagsgebet um 13.27 Uhr und endete am Sonntag mit dem Abendgebet um 21.26 Uhr. Dazwischen ein reges Kommen und Gehen der Muslime aus der ganzen Region, ein unüberhörbares Palaver – und vor allem auch reichlich Essen und Trinken.

Nur wenige Isnyer lassen sich blicken. Einige Stadträte und auf jeden Fall Peter Clement, der sich jedes Jahr eine Weile Zeit nimmt, um Brücken zwischen den Kulturen zu festigen. Herzliche Gastfreundschaft ist auf türkischer Seite spürbar. „Und der gute Wille zur Integration der Kulturen darf nicht nur Wunsch bleiben, sondern muss endlich gelebt werden – wir leben immer noch zwischen zwei Kulturen“, meint Ayshe Celik, die als erste türkischstämmige Frau jüngst auf der SPD-Liste für den Stadtrat kandidierte.

Ums Zelt hinterm Gebetshaus in der Rainstraße werden Hackfleischspieße und Lammkoteletts gegrillt. An mehreren Tischen werden Stoffe, Kopftücher und Damenwäsche verkauft, auch Haushaltsartikel für die Küche. Kinder werden geschminkt. Eine Hüpfburg ist aufgebaut. Türkische Musik dröhnt aus dem Lautsprecher. Fünf ältere Damen backen am laufenden Band dünne Pfannkuchen aus und wickeln damit gebratenes Hackfleisch, Zwiebelringe und Tomatenscheiben ein. Mehrere Teeverkäufer gehen durch die Reihen. Alkohol gibt es nicht. Der sei im Islam ganz offiziell verboten. „Ein gläubiger Muslim verrichtet am Tag seine fünf Gebetszeiten. Man darf doch nicht bala-bala zum Gebet gehen“, meint Violetta Muarem, die aus Überzeugung ein Kopftuch trägt.

Tülay Turna trägt kein Kopftuch und meint, dass jede Muslima frei sei und dass es letztlich darauf ankomme, ein guter, geduldiger Mensch zu sein. „Wir sind Geschwister im Glauben und wir sind vor Allah verantwortlich für unser Tun und Lassen und nicht für ein Kopftuch das wir tragen oder eben nicht tragen“, meinen die beiden unisono.

Koran lehrt Geduld

Je mehr man im Koran, der heiligen Schrift der Muslime lese, desto mehr lerne man die Geduld. „Der Koran ist insgesamt eine Art Rechtleitung für das Gute.“ Es gehe immer um diese drei Schritte in der islamischen Religion: Koran lesen, Gutes tun und den Glauben weitergeben. Ein kleiner Kinderchor tritt auf und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. In einem Lied singen die Kinder im ersten Vers: „Wenn ich morgens früh erwach, kommt mir in den Sinn, dass ich Allah dankbar bin, und lobpreise ihn.“ Der Refrain folgt in türkischer Sprache.

Der Imam, der Vorbeter der Gemeinde, ist jetzt genau ein Jahr hier und bleibe noch ein Jahr. „Er hat seine Frau mitgebracht und hat deshalb nicht so viel Heimweh wie der letzte Imam, der ohne Familie hier war“, erklärt Özkoc. Imam Satilmis Ünlü (56) war vorher Koranlehrer in Istanbul und wurde vom staatlichen Religionsministerium für zwei Jahre nach Isny geschickt, um die Gebete in der Moschee fünf mal am Tag zu leiten, die Gemeinde zu begleiten, den Kindern das Lesen des Koran beizubringen und auch zu verstehen. „Gelesen wird der Koran in der ursprünglichen, arabischen Sprache, denn nur diese Urschrift ist heilig“, meint der Imam. Um zu verstehen, was da steht, benutze man die Übersetzung in der eigenen Muttersprache. Das mache er selbst genauso, weil er selbst Arabisch nicht beherrsche. Die Umstehenden bezeichnen ihren Imam als großes Vorbild in der Geduld. Im Moment brauche er allerdings nicht nur Geduld mit seinen Landsleuten, sondern vor allem auch für sich selber. Er hat sich nämlich beim Fußballspielen auf der Familienspielwiese einen Zeh gebrochen und humpelt deshalb mit einer Krücke von Tisch zu Tisch.

Auf die Unruhen und den islamistischen Terror in der arabischen Welt angesprochen meint der Imam: „Das schadet der wahren Religion sehr.“ Den Terror verursachten einfach die Menschen, die die Religion für ihre politischen Absichten benützen. Seine Predigt an jedem Freitag im Mittagsgebet sei Auslegung des Korans – und keine Politik.

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