Isyner Sgraffito „Lebensbaum“ ist Geschichte

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Walter Schmid

Seit August 2019 ist das rund 90 Jahre alte Hauptgebäude des Stephanuswerks und die rund 50 Jahre alte Rehaklinik abgebrochen worden. An ihrer Stelle soll ein Wohnpark entstehen. Im Laufe des Spätsommers hatte der Abrissbagger auch die östliche Giebelwand des im Isnyer Volksmund „Versehrtenheim“ genannten Wahrzeichens der Stadt zermalmt.

Damit verschwand auch das Sgraffito „Lebensbaum“ aus dem Jahr 1951 unwiederbringlich: Zum Jahresende 2019 – oder zum Beginn des neuen Jahres 2020 – daher ein Erinnerung an Anfang und Ende, an Wachsen und Reifen, an Werden und Vergehen. Denn das Symbol, das Bild des Lebensbaumes, findet sich in vielen Kulturen, Mythologien und auch Religionen.

„Konkretes Stück Zeitgeschichte“

„In den vergangenen Jahrzehnten wird sich wohl kaum jemand über dieses Bild im Putz der Hauswand Gedanken gemacht haben“, gesteht Dieter Schramm, der ehemalige Direktor des Stephanuswerks. „Man ist eher achtlos vorübergegangen.“ Aber so sei es ja oft: Erst wenn etwas fehlt, wird es auf einmal vermisst. „Dieser Lebensbaum spiegelte an dieser Stelle nach dem Krieg ein ganz konkretes Stück Zeitgeschichte. Gut, wenn wir uns Bild und Geschichte noch einmal vergegenwärtigen“, meint Schramm.

Er erinnert sich, dass einer seiner Vorgänger, nämlich Diakon Friedrich Deyle, gute Beziehungen zur Kunsthochschule Stuttgart hatte und dass dieser erreicht habe, dass Professor Rudolf Yelin der Jüngere mit Studenten in verschiedenen Jahren um die Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder einige Tage oder Wochen in Isny weilte, um Wände zu gestalten. Sie hätten zusätzlich auch mit kriegsversehrten Bewohnern des Versehrtenheims kreativ-therapeutisch gearbeitet. Durch die Signatur, ein „Y“, scheint klar zu sein, dass der Lebensbaum an der Giebelwand wohl im Zusammenhang einer Außenputzsanierung 1951 entstanden ist, sie wurde1974 überarbeitet.

Nur noch Fotos existieren

Nun existieren nur noch Fotografien des Sgraffitos, wie der kunsthistorische Fachbegriff für die Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen lautet. Sollte das Bild von den starken Wurzeln unten betrachtet werden? Oder lieber von oben her, vom feinen Geäst der Baumkrone, die Sturm und Wetter ausgesetzt ist?

Wurzeln tragen und nähren einen Baum. Im übertragenen Sinn sind sie symbolisch auch so etwas wie das Fundament einer Kultur, einer Tradition oder einer bestimmten Geschichte. Wurzeln überdauern Zeitepochen, Umbrüche, Schicksalsschläge... – Erst wenn ein Baum unten am Stamm abgesägt wird, dann geht sein Leben zu Ende. Dieter Schramm schlägt jedoch vor, das Sgraffito am Stephanuswerk von oben her zu betrachten: Dort beginnt jedes Leben klein und zart, angewiesen und schutzbedürftig, wie die dargestellten Vogelnestlinge im Nest. Sie müssen von den Eltern rundum versorgt und beschützt werden. So beginne auch der Lebensweg eines jeden Menschen, in jeder Generation. Kleine Kinder brauchen, um groß zu werden, um zu wachsen, Nahrung, warme Hände und warme Herzen.

Die Kindheit

Es folgt – weiter abwärts im Lebensbaum – die Kindheit. Kennzeichen der Kindheit ist das Spiel. Ein Junge klettert im Baum herum. Das Kindsein geht fließend über ins Jugendalter. Die junge Frau mit ihrem Instrument deutet vielleicht die musisch-weibliche Seite in einer Partnerschaft an. Ein junger Mann sieht sie an und verliebt sich. Durch das Fabelwesen soll wahrscheinlich deutlich werden, dass jetzt auch Erotik ins Spiel kommt, der Wunsch nach Vereinigung und Fortpflanzung. Der Urtrieb ist Mensch und Tier gemeinsam.

Der junge Mann blickt zu ihr, dorthin wo er gerne bleiben würde. Er muss aber hinaus ins Leben. Vielleicht an die Front? Sie spielt ihm ein Abschiedslied in der Hoffnung auf ein Wiedersehen. So mancher kriegsversehrter Heimbewohner wird sich damals wohl genau in dieser Szene wiedergefunden haben... – Welche Diskrepanz liegt zwischen dem Abschied aus einer Liebesbeziehung und dem schwerverletzten Kriegsheimkehrer!

Das „gesetzte Paar“

Die vierte Ebene, über den Wurzeln, ist das „gesetzte Paar“. Die beiden haben Kindheit, Jugendzeit, Familiengründung, Abschiede und Rückkehr hinter sich. Er ist vielleicht einer derjenigen, die Monate oder Jahre als Kriegsversehrte im Stephanuswerk zur Rehabilitation oder zur Berufsausbildung verbracht haben.

Dieser im Sgraffito jedenfalls scheint ans Ziel gekommen zu sein – in der Heimat. Jetzt scheint es dem Paar ein Trost zu sein, dass die Tochter ein Kind groß ziehen darf, ein Enkelkind. Das Leben geht weiter. Wo aber ist der Vater zu diesem Enkelkind?

Millionen Kinder ohne Väter

Dieser Lebensbaum ist 1951 entstanden. Es waren die Jahre, in denen Millionen von Kindern ohne Väter aufwachsen mussten, weil diese eben nicht zurückgekehrt sind von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges.

Dieter Schramm lenkt das Gespräch immer wieder zurück auf die Männer, die als Kriegsgeschädigte in den 1950er-Jahren als „Krüppel“ genau an diesem Bild, direkt am Haupteingang des Versehrtenheims, vorüber gehumpelt, gekrochen, gefahren sind. Sie hatten zwar hier vorübergehend Heimat gefunden, trugen aber auch, trotz ihres gebrochenen Lebenslaufes, die Sehnsucht nach einer endgültigen Bleibe in sich, normalerweise nach ihrer ursprünglichen Heimat. Ähnlich des „gesetzten Paares“ am Lebensbaum.

Vorbehalt der Vergänglichkeit

Man müsse freilich immer nüchtern bedenken, dass jede irdische Heimat und jedes Menschenleben unter dem Vorbehalt der Vergänglichkeit steht, fügt Dieter Schramm hinzu. Er ist als Sozialwissenschaftler eben auch evangelischer Diakon und Christ. Er nimmt Ernst Blochs Buch „Prinzip Hoffnung“ zur Hand – und bezieht dessen Philosophie auf den Lebensbaum.

Weil jeder Lebensepoche der Aspekt des Endgültigen fehlt, interpretiert er den Philosophen ungefähr so: „Du Mensch, wenn du alles getan hast, alles versucht, alles durchlitten hast auf deinem Weg zu einem Stückchen Paradies, zur Heimat – sie bleibt letztendlich doch eine Relative, ’nur’ eine Hoffnung. Die endgültige Heimat ist dort, wo noch niemand war. Um diese Sehnsucht nach endgültiger Heimat zu stillen, bist du an den Glauben gewiesen.“

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