Ist es schon zu spät 'nie wieder' zu sagen?

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Walter Schmid

Bürgermeister Rainer Magenreuter eröffnete die Gedenkfeier mit seinem Eindruck beim kürzlichen Besuch des ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau im Rahmen des Partnerstadttreffens mit Andrychow: „Wer einmal seinen Fuß auf das Gelände dieses Vernichtungsareals gesetzt hat, der fragt nicht mehr nach der Notwendigkeit des Gedenkens am Volkstrauertag.“ Das 'nie wieder' müsse in unserer Zeit ganz dringend wachgehalten werden.

Ja! stimmten die Schüler der 11. evangelischen Religionsklasse des Gymnasiums dem Bürgermeister zu. 'Nie wieder' dürfe so etwas passieren! So oft werde 'nie wieder' gesagt, dass die Ereignisse von 1933 bis 1945 nie mehr passieren dürfen – aber ist es nicht schon zu spät für diese Einsicht? „Ist in unserem Land Ausgrenzung, Verachtung, Hass, antisemitisches Denken nicht schon so tief verwurzelt und weitgehend akzeptierte Praxis, dass es nicht schon zu spät ist 'nie wieder' zu sagen? Wenn wir an den Anschlag auf die Synagoge in Halle denken, verstehen wir eigentlich diesen Anschlag auch als Angriff auf unser Land, auf unsere Freiheit, auf uns alle?“, so fragen sich die Jugendlichen.

Sie erklären, dass sie zur Vorbereitung der Gedenkfeier in der Klasse miteinander einen Bericht in der Süddeutschen Zeitung gelesen hätten, in dem eine deutsche Jüdin erzählt, wie sie sich nach dem Anschlag von Halle fühle. „Jetzt möchten auf einmal alle meine Freunde und Kollegen und auch die Medien wissen wie man sich als Jüdin in Deutschland fühlt“, so schreibe diese Frau in ihrem Artikel. „Ob man bestürzt sei, ob man Angst habe, ob man doch lieber auswandern würde“, werde sie oft gefragt. „Ich gebe die Frage immer höflich zurück: wie fühlst Du dich denn? So frage ich meine Gegenüber, die mich verdutzt anschauen und nicht wissen was sie antworten sollen. Wie praktisch, dann sind wir schon zwei die sprachlos sind...“

„Ich halte den öffentlich geäußerten Wunsch nach einem 'Nie wieder' für geradezu lächerlich. Weil er die Tatsache, dass dieser Hass unter uns brodelt und lebt, naiv ausblendet. Wir können den Berg aus Treibsand nicht mit einem Schippchen beseitigen, nicht mit Reden, Schweigemärschen und Lippenbekenntnissen...“ Sie würde sich tatsächlich besser fühlen, so erzählt die Jüdin weiter: „wenn ein 'Kampf' nicht von oben nach unten, sondern durch alle Gesellschaftsschichten hinweg starten würde. Ein Kampf der damit beginnt, dass wir uns eingestehen, dass der Antisemitismus zwar die Juden meint, jedoch uns alle betrifft. : Ausländer, Deutsche mit Migrationshintergrund, Menschen mit anderer Hautfarbe, Feministinnen, alle die von der sexuellen Norm abweichen... wir alle sollten uns fragen, wie wir uns fühlen.“ Halle sei das was passiert wenn die Mehrheit schweigt.

Die jungen Leute formulierten deshalb ihre Appelle bei der Gedenkfeier: „Sag nein – und schau nicht weg! Sag nein – protestiere wenn dir Dinge auffallen! Sag nein – setze dich für das Gute ein! Sag nein – äußere deine Meinung frei und offen! Sag nein – wenn Andersdenkende ausgegrenzt werden. Nur mit vielen kleinen Schritten und Taten beginne was nicht wieder passieren darf.“

Hannelore Sieling, die VdK-Vorsitzende formulierte in ihrer beeindruckenden Rede: „Krieg zerstört immer umfassend. Menschen, Städte Häuser, Straßen, Infrastruktur, alles. Krieg verwandelt Leben in Tod und hinterlässt in den unzähligen Überlebenden tote Seelen.“ Wir alle seien mehr denn je verpflichtet, uns jeglichen Tendenzen entgegenzustellen, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Frieden untergrabe. Wir dürfen deshalb auch nicht das geringste Verständnis für Rechteextremismus und Rassenhass zeigen. Wir dürfen nicht zu untätigen Beobachtern werden!“ Die Werkzeuge der Demokratie seien: der Kompromiss, das Verständnis, Toleranz und Solidarität. Gewalt und Terror gehöre nicht dazu.

Die Stadtkapelle umrahmte die Gedenkfeier mit der Nationalhymne und dem gemeinsam gesungenen Lied vom Mandelzweig als Fingerzeig, wie das Leben siegt.

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