Ist ein perfekter Mensch noch menschlich?

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Kim Romagnoli

„Selbstoptimierung ist das, wie ich finde, Unwort unserer Zeit“, behauptet Brigitte Blaschko. Im Kurhaus Isny begrüßte sie die Gäste zur Lesung von Julia von Lucadou aus ihrem Debütroman „Die Hochhausspringerin“.

Höher, schneller, weiter und vor allem besser. Die Ideale unserer Zeit führen uns auf eine permanente Suche nach Perfektion. Technische Metamorphose, medizinische Triumphe und globale Vernetzung sind nur einige Erfolge, die in den vergangenen Jahrzehnten zu vermerken sind. Der Fortschritt hat allerdings Schattenseiten: Doping als Mittel um zu „funktionieren“, Burnout als Volkserkrankung und Genveränderung womöglich schon bald als legale Möglichkeit, um einen fehlerfreien Menschen zu erschaffen.

Solche Fragen verhandelt von Lucadou in ihrem Roman „Die Hochhausspringerin“, erschienen 2018 im Hanser-Verlag. Protagonistin ist die 20-jährige Riva Karnovsky, berühmte Hochhausspringerin, die es durch ihre Leistung geschafft hat, bis in den elitären Stadtkern aufzusteigen. Ohne ersichtlichen Grund entscheidet sie sich plötzlich, mit dem Leistungssport aufzuhören. Mit dem Statement „Fuck winning!“ kündigt sie das Ende ihrer glamourösen Karriere an. Dies stellt jedoch einen Vertragsbruch dar, weshalb die junge Wirtschaftspsychologin Hitomi Yoshida damit beauftragt wird, dafür zu sorgen, dass Riva schnellstmöglich wieder auf den rechten Weg zurückkehrt und es nicht erneut zu dieser Art des Funktionsversagens kommen kann. Nur so können die Investoren der Marke Rivaston und Sponsoren weiterhin Geld mit der jungen Sportlerin verdienen.

Riva hat erreicht, wofür Hitomi kämpft: Aufstieg und Karriere. Dennoch ist sie bereit, dies alles zu verlieren. Hitomi droht bei Versagen der Auftragsdurchführung das Ende ihrer Karriere und ein Abstieg in die sogenannten Peripherien, die Slums, aus denen sie sich mühevoll hochgearbeitet hat. Durch die junge Psychologin wird Rivas Leben bis ins kleinste Detail überwacht, festgehalten und analysiert. Dabei wird den Zuhörern klar, dass in Hitomis Leben vor allem Wärme und Sicherheit durch ein familiäres Umfeld fehlen. Anstatt bei biologischen Eltern aufzuwachsen, findet sie Trost bei sogenannten „Parentbots“, einer technischen Innovation, die ein Gespräch zwischen Kind und Elternteil simuliert.

Die bitterkalte, profitorientierte Welt in Lucadous Zukunftsvision ist erschreckend plausibel. Eine neoliberale Klassengesellschaft, unter permanenter Kontrolle durch den Überwachungsstaat, zeigt, dass durch Ehrgeiz, Selbstoptimierung und -disziplin gesellschaftlicher Aufstieg für jeden möglich ist. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, welche Opfer für diese Art von Erfolg gebracht werden müssen: keine Privatsphäre, keine Emotionen und vor allem: kein Recht auf Versagen. Eine Welt, in der jeder ausschließlich für sich selbst kämpft. Julia von Lucadou überlegt, in gewisser Weise könne ihre Dystopie sogar als überspitzte Darstellung der Gegenwart betrachtet werden.

Der Inhalt spiegelt sich in der nüchternen Sprache der Autorin. Die sterile, kalte Atmosphäre wird durch kurze, oftmals nahezu emotionslose Sätze anschaulich beschrieben. Für die Zuhörer ist es ein Leichtes, sich die Szenen vorzustellen.

Kritische Stimmen überlegten nach der Veranstaltung, ob das Genre der beklemmenden Dystopien nicht schon ausgeschöpft sei. Vieles sei nicht neu, einiges nicht überraschend genug gewesen. Die Schnittmenge zu bekannten Werken wie „1984“, „The Circle“ oder „Black Mirror“ sei zu groß.

Dennoch, die Lesung regte viele Zuhörer zum Nachdenken an, darüber, wohin stetiger Fortschritt, Wachstum und Selbstoptimierung führen können. Welche Auswirkungen hat es, wenn der Wert eines Menschen einzig von seiner erbrachten Leistung abhängt? Im Klappentext ihres Buches fragt Julia von Lucadou zu Recht: „Was macht den Menschen menschlich, wenn er perfekt funktioniert?“

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