„Inklusion ist unser Thema!“

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 Otto Ziegler eröffnete die Podiumsdiskussion. Sein Publikum hörte ihm gerne zu und war gespannt auf die Damen und Herren, die s
Otto Ziegler eröffnete die Podiumsdiskussion. Sein Publikum hörte ihm gerne zu und war gespannt auf die Damen und Herren, die sich und ihre politischen Ideen gleich vorstellen würden. (Foto: Julia Garthen)
Julia Garthen

Das Stephanuswerk hatte am vergangenen Mittwochnachmittag Kandidaten aller Parteien für die Gemeinderats- und Kreistagswahlen eingeladen. Dort bauten Grüne, SPD, CDU, Freie Wähler und Linke ihre Infostände auf und kamen mit den Bewohnern ins Gespräch.

Um 14 Uhr begann die Podiumsdiskussion, die Otto Ziegler, Vorsitzender der Offenen Behindertenarbeit Isny, mit der ihm eigenen offenen und humorvollen Art moderierte. Alle Anwesenden forderte er auf, am 26. Mai wählen zu gehen: „Bei der letzten Kommunalwahl vor fünf Jahren hatten wir eine Wahlbeteiligung von unter 50 Prozent! Und des isch schlecht, Leute.“ Gleichzeitig brachte er sein Verständnis zum Ausdruck, dass einige Menschen „diesen dicken Brief gar nicht erst aufmachen wollen, weil sie sich von den Unterlagen überfordert fühlen.“

„Inklusion ist keine Einbahnstraße“

Ziegler erzählte von dem tags zuvor veranstalteten Workshop mit den Bewohnern des Stephanuswerkes. „Wir haben da alle mal überlegt, was die hiesige Politik denn mit uns zu tun hat, in welchen Bereichen sie uns betrifft. Inklusion isch unser Thema!“ Das Ganze wurde schriftlich festgehalten und den Politikern im Rahmen der Wahl-Infoveranstaltung vorgestellt. Inklusion sei keine Einbahnstraße, Menschen mit Behinderung sollen sich aktiv am Stadtgeschehen beteiligen, um ihre Belange öffentlich zu machen. „Und heute geht es uns auch nicht darum, dass alle Kandidaten bereits Lösungen für jedes Problem haben. Viel mehr treffen wir uns hier, damit die Anliegen von Menschen mit Handicap ins Bewusstsein der politischen Entscheider dringen.“

Die Bedürfnisse und Belange von Menschen mit Handicap weichen im Alltag in einigen Bereichen von dem ab, was den Großteil der Bürger bewegt. Gerade deshalb sei es wichtig, sich Gehör zu verschaffen und sich zu Wort zu melden, wenn irgendwo ein Problem auftaucht. Diese Tatsache erläuterte auch Martin Dörflinger von der SPD, als es um die winterlichen Räumarbeiten des städtischen Bauhofs ging. „Wenn Sie diesbezüglich einen Mangel feststellen, dann melden Sie sich übers Internet beim Bauhof. Dort wird jeden Herbst ein Räumungsplan für den kommenden Winter erstellt.“ Gebhard Mayer von den Freien Wählern versuchte, die Zuständigkeiten genauer zu erklären: „Der Gemeinderat hat keine Kompetenzen darüber, wie der Bauhof seine Arbeit verrichtet und wann wo geräumt wird. Wir bestimmen nur darüber, wie viel Geld jedes Jahr für diese Arbeiten ausgegeben wird.“

Probleme mit Kopfsteinpflaster

Die Bewohner des Stephanuswerkes haben aber noch ganz andere Schwierigkeiten, die ihnen den Alltag erschweren. Wer nicht körperlich gehandicapt ist, sieht diese Hürden gar nicht, doch sie sind da. Es wurde bei der Diskussion des Weiteren nicht nur das Kopfsteinpflaster bemängelt, das so viele Teile der Innenstadt ausmacht, sondern auch die Dorfweihnacht, die für Menschen mit Behinderung sehr schwer zu erreichen sei. Eine Besucherin, die im Rollstuhl sitzt, gab zu bedenken: „Ich komme nicht an die Stände ran, okay, das nervt. Aber wissen Sie, wenn es bei der Dorfweihnacht im Schloss mal zu einem Brand kommen sollte, dann sind die Fluchtwege sehr eng und in ihrer Anzahl sehr begrenzt. Ich mit meinem Rollstuhl hab da verloren.“

Petra Eyssel von den Grünen will den Anwesenden Mut machen: „Ich wünsche mir, dass alle hier weiterhin zur Dorfweihnacht kommen. Man könnte zum Beispiel überlegen, die Stände mit Essen, an denen sich immer lange Schlangen bilden, nach hinten zu versetzen, damit in den Eingangsbereichen mehr Platz ist.“Auch Alexander Sochor von der CDU hat eine Idee zu diesem Thema: „Vielleicht können wir einen Bus organisieren, der vom Stephanuswerk zum Schloss fährt und Sie zur Dorfweihnacht bringt. Darüber reden wir mal mit der Isny Marketing.“ Zusätzlich wurden auch Müllentsorgung, Planung der Innenstadt, Kindergartengebühren, öffentlicher Personennahverkehr und sozialer Wohnungsbau thematisiert.

Probleme des Pflegealltags

Auch die Kandidaten für die Kreistagswahlen traten vor die Besucher und stellten sich mit ihren politischen Ideen und Programmen vor. Zum Thema Pflege war Frank Höfle, Leiter des Altenhilfezentrums Isny, eingeladen worden. Er referierte kurz über die personellen, finanziellen und räumlichen Probleme im Pflegealltag: „Wir schaffen es nicht, genügend Plätze für die Kurzzeitpflege anzubieten. Es gibt Menschen, die 200 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt untergebracht werden müssen, weil hier in Isny alle Plätze belegt sind. Das sind unhaltbare Zustände!“ Herbert Kleiner von der Linkspartei bestätigte: „An dieser Stelle spielt das Land Baden-Württemberg eine große Rolle. Um die Pflege personell und finanziell besser ausstatten zu können, brauchen wir für solch eine Forderung Mehrheiten im Kreistag.“

Frank Höfle hatte außerdem noch ein paar Ideen im Gepäck und stellte die Frage, ob im ehemaligen Isnyer Krankenhaus nicht neue Pflegekonzepte realisiert werden könnten. „Wir brauchen Ideen für die Zukunft!“, mahnte er. Nicht nur in der Pflege fehlen Räume, auch der soziale Wohnungsbau scheint nach Ansicht vieler in Isny zu kurz zu kommen. Walter Widler von der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) ging darauf ein, dass nicht nur bei uns, sondern auch in Leutkirch „massenhaft Gebäude leer stehen. Da müssen neue Konzepte her, denn Wohnraum fehlt in jeder Stadt“.

Die Bewohner des Stephanuswerkes zeigten sich während der gesamten zweistündigen Wahl-Infoveranstaltung äußerst interessiert und engagiert.

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