Im Gedenken an Karl von Lohbauer in Isny

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Walter Schmid

Im „traurigen Monat“ November mit Allerheiligen, Allerseelen und Totensonntag erinnert die „Schwäbische Zeitung“ an Isnyer Persönlichkeiten. Auch anhand ihrer Grabmale, zumal der evangelische Teil des Friedhofes bald 500 Jahre alt wird. Im Jahr 2022 ist es fünf Jahrhunderte her, seit die Patrizierfamilie Buffler den „Evangelischen“ ihren Garten als Friedhof geschenkter Weise zur Verfügung gestellt hat.

Neubaugebiet nach von Lohbauer benannt

Den Anfang macht der Dichter und Berufssoldat Karl von Lohbauer, der durchs gleichnamige Neubaugebiet an der nach ihm benannten Straße wieder in aller Munde ist. Etwas vergessener die Inschrift auf einem Deckenbalken in der altehrwürdigen Wirtschaft Goldener Adler in der Bergtorstraße, wo der schwerverletzte Hauptmann am 16. Juli 1809 um 16 Uhr verstorben sein soll.

Erinnerung an das Felderhalde-Gefecht

Einigermaßen zugewachsen ist der Gedenkstein auf der Felderhalde, den man dem tapferen Feldherrn zum 100. Jahrestag seines Todes setzte, auch in Erinnerung an das Felderhalde-Gefecht zwischen den königlich-württembergischen Truppen und den Südtiroler und Vorarlberger Freischärlern. Für die Grabstelle auf dem Friedhof hat Walter Bühler seit Jahren eine Art Patenschaft übernommen, sie ist deshalb das ganze Jahr über würdig hergerichtet. So, als ob Lohbauer tatsächlich zu den „Isnyer Größen“ gehören würde.

In den Grabstein ist eingraviert: „Karl von Lohbauer aus Stuttgart, Hauptmann im königlich-württembergischen Dienste und Ritter des königlich-militärischen Verdienst-Orden. Geboren am 30. Juli 1777, starb den schönen Tod fürs Vaterland in der Affaire Isny am 16. Juli 1809.“ – Bühler fragt sich selbst, ob angesichts dessen, dass sich der Hauptmann nur wenige Tage in Isny aufhielt, von einer verehrungswürdigen Persönlichkeit der Stadt gesprochen werden kann, nur weil sie seit 210 Jahren auf dem hiesigen Friedhof ruht?

Blutige Auseinandersetzungen

Im Sommer 1809 erlebt das Allgäu nach den Belastungen der napoleonischen Kriege noch einmal blutige Auseinandersetzungen und war von Mai bis August Kriegsschauplatz. Die 1805 bayerisch gewordenen Tiroler und Vorarlberger erheben sich gegen die verhasste Herrschaft und tragen ihren Freiheitskampf weit ins Allgäu hinein.

Anfang Mai dringen diese „Insurgenten“ bis Isny vor und reißen in Schweinebach an der württembergischen Mautstation die Hoheitszeichen herunter. Ein Chronist berichtet, dass die Freiheitskämpfer in der Stadt gezecht hätten und sich von den Isnyern Verpflegung zu ihrer Vorpostenstellung beim Lukas-Reute-Hof hinausbringen lassen: große Mengen an Brot, Bier, Käse, Unterhosen, Strümpfe, Hüte, Rauch- und Schnupftabak, Stiefelleder und Stiefel – ohne Bezahlung natürlich.

Katz-und-Maus-Spiel

Schon am 4. Mai rücken zwei Kompanien württembergisches Militär in Isny ein. Ihre Verteidigungslinie zieht sich von Neuravensburg über Wangen nach Eglofs und weiter bis Isny, wo es zu einem Katz-und-Maus-Spiel kommt. Karl von Lohbauer hat den Auftrag, über die Felderhalde die im Felderholz verschanzten Insurgenten auszuhebeln.

Lohbauer soll vorangegangen sein, gegen eine sechsfache Übermacht der Freischärler. „Nur vorwärts, Kinder, mir nach!“, soll er gerufen haben, um seine Leute anzufeuern. Als er mit Streifschuss am Hals getroffen wurde, soll er geklagt haben, „ich hab eine!“ – und verband die Wunde mit einem Taschentuch. So ist es exakt überliefert. Als ihn jedoch eine zweite Kugel in die Brust trifft, schleppen ihn seine Soldaten verblutend in den Goldenen Adler, wo er gegen 16 Uhr stirbt.

Persönliches Unglück

In der Sonntagsbeilage der Schwäbischen Chronik vom 17. Juli 1909 heißt es: „Nach Angabe eines Isnyer Chronisten kam noch die Leiche eines damals ebenfalls vor dem Feinde gebliebenen jungen Mannes zu der Lohbauers ins Grab zu liegen. Wenn man Gerüchten Glauben beimessen darf, die alsbald nach seinem Tode umliefen, so kann man fast annehmen, dass Lohbauer den Tod gesucht hatte. Für seinen Lebensüberdruss mögen sowohl die neuen Erfolge Napoleons, als auch persönliches Unglück den Anlass gegeben haben... – soviel ist gewiss, dass seine im Jahr 1801 geschlossene Ehe zur Scheidung kommen sollte.“

Zum 100. Jahrestag wurde 1909 dem Dichter und Militär auf der Felderhalde ein Denkmal gesetzt. Bei der Enthüllung mit viel Prominenz aus dem Land hielt Pfarrer Keller die Festansprache und sagte: „In Erinnerung an die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die eiserne Faust des Franzosenkaisers Napoleon gar schwer auf den Völkern Europas, insbesondere auf Deutschland lag und das nationale Bewusstsein bei uns fast erstickt hatte.“

Auf Befehl seines Königs in die „Affaire“ gezogen

Lohbauer sei zwar auf Befehl seines Königs in die „Affaire“ ins Allgäu gezogen, „allein sein Herz und seine innerste Überzeugung war doch mehr auf Seiten der Aufständischen“. Mit diesen Worten, so der Eindruck, verklärte der Pfarrer den Militär zum Helden. Außerdem habe er sich als tüchtiger und tapferer Soldat, nicht bloß durch militärische Eigenschaften ausgezeichnet, sondern auch durch humane Behandlung seiner Untergebenen. „Eine Persönlichkeit über das Mittelmaß hinaus“, sei Lohbauer gewesen.

Zum Schriftsteller Karl von Lohbauer sagte der Pfarrer: „Wenn wir den Mann anschauen, wie er uns in seinen Gedichten entgegentritt, so muss uns in die Augen fallen ein tief melancholischer Zug in seinem Wesen, ein Hang zur Schwermut, die nicht zuletzt in dem Jammer der napoleonischen Zeit seine Ursache hatte. Des Vaterlandes Schmach, dem Joch eines fremden Herrschers sich beugen zu müssen, das hat er wohl tief und schmerzlich empfunden.“

Künstlerisch-schriftstellerische Begabung

Von Lohbauer hatte seine künstlerisch-schriftstellerische Begabung wohl von seinem vielfältig und hochbegabten Vater geerbt und hat eigene Gedichte und Beiträge in seines Vaters Zeitschrift verfasst und 1799 auch eine Sammlung seiner Gedichte bei Philipp Seeger in Leipzig herausgebracht. In einem heißt es zum Beispiel: „Die Fluren grün, das Abendgold – der Wald auf steilen Höh’n – die Quelle, die durch Blumen rollt – ach alles ist so schön!... so lange zeigt auch die Natur – dir jeder Wonne Rosenspur – in ihrem Schoße findest du – auf Erden schon des Himmels Ruh’.“

Walter Bühler resümiert: „Die Affaire bei Isny bildet im Gesamtgeschehen jener Zeit keine wesentlichen Rolle. Aber durch den Tod dieses verdienten, jungen Offiziers, der sicherlich widerwillig im Gefolge Napoleons gegen die Freiheitskämpfer antreten musste, erhielt sich in Isny ein gutes Gedenken.“

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