„Heimat ist für mich Haitata“ – Herburger liest

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Noch schnell eine Zigarette, dann geht´s zur Lesung: Günter Herburger und Gattin Rosemarie. (Foto: Walter Schmid)
Schwäbische Zeitung
Walter Schmid

Vor der Tür des Kunstraums in der Bergtorstraße, umringt von einigen Isnyer Anhängern: Günter Herburger mit Ehefrau Rosemarie. Schnell noch ein Zug an der Zigarette, und dann die Frage, was für ihn, den in Isny geborenen Lyriker, Poeten und Dichter eigentlich Heimat sei. Antwort: „Haitata vor allem!“ Aber was bedeutet Haitata? „Lest es nach in einem finnischen Wörterbuch. Das müsst ihr selber machen.“

Von drinnen Applaus für den Großen der Literatur. Er nimmt Platz an einem schwarzen Tischchen. Mikrofon, gelbe Rosen, ein Glas Wein, ein Glas Wasser und das kleine Büchlein: Haitata – kleine wilde Romane. Begrüßung durch Dr. Erhard Schneider vom Kulturforum. Er gratuliert dem Wahl-Berliner zu seinem 80. Geburtstag und wünscht ihm noch viele gesunde, schaffensfrohe Jahre. Dankt ihm, dass er seine Herkunft nie vergessen, verleugnet oder schamhaft verschwiegen, sondern diese vielfach in seinem literarischen Schaffen verarbeitet hat. „Ein freier, unabhängiger Geist, der sich an den vorgefundenen Verhältnissen erst abarbeiten musste, um sich aus den Fängen des Herkunftswurzelwerks zu befreien und weiterzuentwickeln.“

Heimat ist auch Enge

Hat Herburger das wohl gemeint mit seiner Antwort: „Heimat ist Haitata“? Heimat sei eben auch immer Eingrenzung, Enge, Behinderung, Beeinträchtigung? Herburger beginnt unvermittelt zu lesen, aus seinem jüngst erschienen Bändchen mit seinen 45 Kurzgeschichten auf 107 Seiten. Allesamt erzählen von im Autor geisternden Fantasien, die wie Sturzbäche von den Gefühlsgebirgen sprudeln und so manchen schwer verständlichen „Irrsinn“ in sich tragen. Eine der Geschichten - mit noch erkennbarer Bodenhaftung – ist die von den Frühchen Martin und Llevelyn. Aber auch hier verlagern sich die Dinge von der vertrauten Wirklichkeit ins Fantastische, Märchenhafte.

Die Zwillinge liegen in ihren Brutkästen bei konstanter Wärme. Zahlreiche Schläuche führen von ihnen weg zu Apparaten auf denen Diagramme funkeln. Gegenüber der kleinen Brut sitzen Vater und Mutter, sie weinen oft. Nach fünf Wochen bringt der Vater vier gestrickte winzige Handschuhe mit. Bald können die beiden Frühchen sitzen, krähen und sich gegenseitig anrempeln. Spätestens jetzt gleitet die Realität ins Fantastische. Den Frühchen wachsen Bärte. Ein Heer von Spezialmedizinern fährt auf und setzen einen Behandlungsmarathon in Gang. Grotesk anmutende Maßnahmen werden getroffen, um dem Bartwuchs Herr zu werden.

Llevelyn schlägt dem Brüderchen mit seinen Fäustchen auf die Brust. Eine junge Schwester singt: „Heile, heile Segen, drei Tag Regen, drei Tag Schnee, bald tut´s nimmer weh.“ Jahre später fahren Vater und Mutter mit ihren Zwillingen auf ihren Rädern in den Park. Martin und Llewelyn kommen ins Schleudern und stürzen. Geschrei und Gestank, denn sie stürzen auf einen Haufen Vogelkadaver. Als sie sich aufrichten sind ihre Gesichter blank. Die Gottheiten Ägyptens – was sie gerne im Freien tun – haben geholfen.

Wie bei ihm Geschichten entstehen, wird Herburger gefragt. „Bilder kommen ganz von selbst in meinen Kopf. Nichts ist gegoogelt. Ehe sie sich allzu sehr ineinander verhaken, setzte ich mich an eine meiner sieben Schreibmaschinen. Die Umsetzung der Bilder in Sprache ist dann meine Arbeit.“ Was er von E-Books hält, wird er gefragt. „Ohne Unsereins ist das E-Book nur eine Handvoll lebloser und seelenloser Elektronik und außerdem macht es die Augen kaputt.“

Zum Schluss darf der große Geist mit leibhaftigen Händen das Geschenk des Bürgermeisters auspacken: Weingläser aus dem Kreuztal. Herburger: „Grottenschiefe Gläser – umso besser schmeckt der Wein.“

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