Grabmal erinnert an den Wohltäter der Armen

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Marmorrelief im Grabmal der Familie Schlegel
Marmorrelief im Grabmal der Familie Schlegel (Foto: Fotos: Walter Schmid)
Walter Schmid

Der evangelische Teil des Friedhofs feiert 2022 sein 500-jähriges Bestehen. Einige sanierungsbedürftige Grabmale erinnern an bedeutende Isnyer Persönlichkeiten, die dort begraben sind. Bei einer Begehung mit dem Arbeitskreise Heimatpflege durch „Bufflers Garten“, wie früher dieser Teil des Friedhofs genannt wurde, ist auf diese Schätze der Isnyer Heimatgeschichte aufmerksam gemacht worden. So manche Straße wurde ebenfalls nach diesen Personen benannt, eine Siedlung oder gar eine Schule, wie im Falle der Familie Schlegel.

Deren rund 200 Jahre altes Grabmal befindet sich in einem sanierungsbedürftigen Zustand, ist nur provisorisch abgestützt, damit es nicht umfällt. Die Inschrift ist kaum mehr zu entziffern. Eingelassen ist ein nach wie vor edles Marmorrelief mit einer biblischen Szene aus dem Johannesevangelium: Maria Magdalena will mit einer kostbaren Salbe in den Händen am Ostermorgen dem Leichnam Jesu ihre letzte Ehre erweisen.

Sie trifft am Grab jedoch auf den auferstandenen Christus. Der sagt an anderer Stelle zu den Gläubigen, dass er zum Vater im Himmel geht und alle Gläubigen zu sich holen wird.

Fromme Protestanten

Aus Dokumenten in städtischem und evangelischem Archiv und aus Unterlagen im Hause Foto Bucher ist zu erfahren, dass es sich bei den Schlegels um fromme Protestanten, um reiche Kaufleute, aber auch um Helfer für Bedürftige, um Menschen mit weitem, offenen Herzen handelt; bei Leonhard Schlegels Sohn Eduard zudem um einen Wohltäter, dem die Bildung der Jugend am Herzen lag.

Der ehemalige Schulleiter der Isnyer Förderschule, Paul Köder, erinnert sich, dass vor ziemlich genau 30 Jahren Bürgermeister Christoph Eichert den Wunsch geäußert habe, dass sich die Schulen einen Eigennamen geben sollen, der für sie und vor allem für die Kinder bedeutsam, ein Vorbild sein könnte. Die damalige Archivarin, Margarete Stützle, habe einige Namen vorgeschlagen und das Lehrerkollegium sich einmütig, auch mit Zustimmung des Gemeinderates, für Eduard Schlegel entschieden: „Ein Mann der Tat, ein Helfer der Bedürftigen, ein Mann mit weitem, offenen Herzen vor allem für die Jugend. An einer solchen Person könne man sich orientieren. Das hat wohl alle überzeugt“, erinnert sich Köder.

Mit 65 Jahren ging Leonhard nach Neapel

Eduards Vater Leonhard kam zu Wohlstand als Leinwandhersteller und Seidengroßhändler. 1808 wird erwähnt, dass er große Mengen in die Schweiz und nach Italien lieferte. Bereits 1781 kaufte er das ehemalige Pfarrhaus und spätere Kulturhaus in der Wassertorstraße (heute Fotohaus Bucher) und nutzte es als Wohn- und Geschäftshaus.

Christoph-Ulrich Springer hat ab 1794 im Handelshaus Schlegel seine Kaufmannslehre absolviert. Sohn Eduard Schlegel schrieb über seien Vater, dass er 1746 als Sohn eines armen Isnyer Zimmermanns geboren sei und mit Gottes Segen und seinem Fleiß habe er sich zur „Wohlerhabenheit“ empor gearbeitet. Er habe von seinem Vermögen einen Armenfonds abgezweigt für wohltätige Zwecke.

Mit 65 Jahren ging Leonhard Schlegel nach Neapel, um dort seinen Ruhestand zu verbringen. Sohn Eduard übernahm 24-jährig das Geschäft und die Weiterführung der Armenunterstützung. Besonders segensreich wirkten Vater und Sohn in den Hungerjahren 1816/17, so ist zu lesen: „Je größer die Not, desto größer das Brot“, wies der Vater den Sohn an.

Eduard sorgte lange Jahre dafür, dass jedes Kind einer armen Familie jede Woche einen dreipfündigen Laib Brot bekam. 150 Laibe Brot seien jede Woche verteilt worden, zusätzlich Geldspenden an die ärmsten Familien. Ab 1818 sei mit Hilfe der Schlegels sogar eine Suppenküche eingerichtet worden.

Nach dem Tod des Vaters 1824 richtete Eduard ab 1825 im Schlegel-Haus in der Wassertorstraße eine evangelische Elementarschule ein und bezahlte den Lehrer aus eigener Tasche. In seinem Testament wies er an, dass sein Vermögen gut und sicher angelegt werden sollw, damit aus den Zinsen fortan ein Lehrer und später eine „Industrielehrerin“ bezahlt werden kann. Dies sollten jeweils Personen sein, auf deren Redlichkeit und Religiosität zu bauen ist, damit die Kinder von ihnen etwas Gutes lernen.

„Eduard Schlegel wollte helfen, dass auch Kinder aus den ärmeren Schichten eine Schule besuchen und eine Grundausbildung erwerben können“, heißt es in einem Dokument des Kirchenarchivs. Ab 1837 kam im Hause Schlegel die von Eduard testamentarisch gewünschte Industrieschule zustande, in der Strümpfe, Schürzen, Tücher und Hemden für den Bedarf der armen Familien hergestellt wurden.

Die Schlegelsche Schulstiftung bestand rund 70 Jahre. Noch 1901 sei der evangelische Elementarlehrer überwiegend aus den Mitteln der Schlegelschen Stiftung bezahlt worden.

Im September 1830 starb Eduard Schlegel, erst 43 Jahre alt. Auf dem Friedhof soll die ganze Stadt versammelt gewesen sein. Der Pfarrer begann seine Trauerrede folgendermaßen: „Verehrte Leidtragende und Betrübte. Es wird wohl niemand unter uns seyn, der bei der heutigen Todesfeier ohne wehmüthige Theinahme seyn kann. Denn groß muss der Verlust geschätzt werden, den wir erlitten haben.“ Am Ende der Leichenpredigt heißt es: „Sie werden es mir nicht verargen, wenn ich ein linderndes Balsam in die Wunden derer gieße, die einen edlen Wohltäter verloren haben, dass ich Sie aber auch herzlich bitte, noch ferner das Werk des Wohlthuns mit Weisheit fortzusetzen.“

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