Über ihren Urgroßvater Eugen Felle hat Tosca Maria Kühn ein Buch geschrieben.
Über ihren Urgroßvater Eugen Felle hat Tosca Maria Kühn ein Buch geschrieben. (Foto: Stefanie Böck)
Stefanie Böck

Tosca Maria Kühn hat das Leben ihres Urgroßvaters erforscht und ein Buch geschrieben über Eugen Felle, den berühmten Isnyer Postkartenmaler. Die Recherche sei alles andere als einfach gewesen, denn Eugen Felle hinterließ seiner Familie Motive aus halb Europa, ein Lebenswerk voller Tatendrang und eine ganze Portion Fragen. Wie hat er es ohne Abitur auf die Akademie der Bildenden Künste nach München geschafft? Wieso konnte er sich ganze Landschaften von oben so gut vorstellen? Wie schaffte er es, 14 000 Motive zu zeichnen?

Auf diese Fragen und viele andere mehr gibt die Urenkelin, Tosca Maria Kühn aus Oy-Mittelberg, nun Antworten. Die 43-Jährige forschte akribisch im Leben ihres Urgroßvaters, entzifferte handschriftliche Notizen, führte Gespräche mit ihrer eigenen Familie, las Tage- und Auftragsbücher, durchforstete die Korrespondenz, studierte Kirchenbücher, sichtete stapelweise Postkarten und verbrachte viel Zeit im Familien- und im Isnyer Stadtarchiv.

Das Ergebnis ist in wenigen Wochen griffbereit: Die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin der Philosophie veröffentlicht im Herbst das Buch „Eugen Felle – Postkartenpionier und Künstlerpersönlichkeit“. Vor allem den Beginn ihrer Forschungsarbeit beschreibt Kühn als regelrecht aufwühlend: „In der Zeit, in der mein Urgroßvater aufwuchs, war es wichtig, dass ein Kind überlebt. Und nicht, dass es gut zeichnen kann.“

Gigantisches Werk an Postkarten

Vor 150 Jahren starben die Menschen noch an Schwindsucht, Scharlach oder Lungenentzündung. Es gab viele Unfälle im Handwerk, und die Menschen fürchteten das Feuer. „Für mich war wichtig zu verstehen: In welche Zeit wurde Eugen Felle hineingeboren? Auf welchem Boden ist er gewachsen? Woher kam seine Inspiration?“, sagt Autorin Kühn.

Der Künstler Eugen Felle hat ein gigantisches Werk an Postkarten hinterlassen, deutschlandweit mit Motiven im Schwerpunkt aus Süddeutschland und Mitteleuropa: Sämtliche Ansichten zu Städten, Landstrichen, Gasthäusern und Weilern machten ihn zu einer geschätzten Persönlichkeit.

Besonders spannend ist aber das einfache Leben des Landschaftszeichners: Felle war kein Adeliger, kein Offizier und kein Politiker. „Er lebte zunächst kein so außergewöhnliches Leben, er war ein ganz normaler Mensch seiner Zeit. Das macht die Datenlage seines Werks so interessant. Was ich erforscht habe, zeichnet ein Bild von der Zeit, wie sie hier in Isny tatsächlich gewesen ist“, führt Kühn weiter aus.

Allerdings: Selten könne eine Stadt mit einem zunächst wenig außergewöhnlichen Bürger aufwarten, dessen Leben ab seiner Kindheit dann so perfekt dokumentiert sei. Was Kühn herausfand, könnte der Stoff für ein Drehbuch zu einem deutschen Film sein: Mit dreizehneinhalb Jahren machte sich Eugen Felle auf nach Gebrazhofen und begann eine Lehre der Bildhauerei. Wenige Jahre später wird er an der berühmten Akademie der Bildenden Künste in München aufgenommen. „Eugen Felle war mit gerade einmal 17 Jahren dort einer der jüngsten Studenten überhaupt“, weiß Tosca Maria Kühn inzwischen. In der bayerischen Landeshauptstadt führte sie um Gespräche mit der Leiterin des Archivs der Hochschule und wälzte Matrikelbücher.

Auf dieser „Reise“ kam aber noch mehr ans Licht: In der Zeit, in der Felle in München ankam, war die Akademie gerade in den neu erbauten Neureuther Prunkbau an der Leopoldstraße in Schwabing eingezogen. „Was muss das für eine Welt gewesen sein, auf die der 17-jährige Allgäuer Bub da traf?“ Die Großstadt, die internationalen Studenten, die bekannten Professoren – das alles führte zu einer hoch erfolgreichen Karriere: Einige Millionen Eugen-Felle-Postkarten müssen in Umlauf gekommen sein.

Neben der Portkarten-Produktion führte Felle ein emsiges, aber durch und durch sympathisches Leben. „Es findet sich kein einziger Skandal“, sagt Kühn und lacht. „Mein Urgroßvater war ein glücklicher Familienmensch, der viel gereist ist und viel gesehen hat.“ Seine überdurchschnittlichen Fähigkeiten, seine unerschöpfliche Lebensenergie und seine Schaffenskraft zeichnen ihn aus, und wirken nach – bis heute.

So akribisch, wie Felle seine Postkarten anfertigte, so genau ging Urenkelin Tosca Maria in ihrer Recherche vor. Was der Urgroßvater bildlich dokumentierte, erledigt die Wissenschaftlerin mit Worten: „Ich habe versucht, die Realität von damals so exakt wie möglich in die heutige Zeit zu transportieren.“ Ein Vorhaben, das vor allem auch deshalb so gut gelang, weil ihr Vater, der promovierte Kunsthistoriker Manfred Felle, Jahrzehnte lang gute Vorarbeit geleistet hat: „Über viele Jahre hat mein Vater bewahrt, zusammengeführt und immer weiter geforscht. Er hielt alle Erkenntnisse fest und trug große Teile von Eugen Felles Werk zusammen.“

Freilich sehr zur Freude aller Postkarten-Experten: Das Haus der Bayerischen Geschichte verwahrt 1000 Postkarten und 250 Aquarelle des Isnyer Künstlers. Viele kundige Sammler hüten besondere Exemplare wie ihren Augapfel. Die schönsten Motive und bislang unveröffentlichte Fotos aus der Zeit um die Jahrhundertwende sind auch in Tosca Maria Kühns neuem Buch abgebildet. Ihr Werk erscheint genau zum 150. Geburtstag des Isnyer Künstlers: am Mittwoch, 4. September, im Lindenberger Kunstverlag Josef Fink. Herausgeber ist die Stadt Isny.

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