„Friher hot’s au gschigde Leid geaba“

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 Das Erinnerungscafé in der Unteren Mühle zu einstigen und vergessenen Berufen war gut besucht.
Das Erinnerungscafé in der Unteren Mühle zu einstigen und vergessenen Berufen war gut besucht. (Foto: Fotos: Liane Menz)
Walter Schmid

Die Erinnerungscafés mit Museumsleiterin Ute Seibold sind jedes Mal eine schier unerschöpfliche Fundgrube über das Leben im vorigen Jahrhundert, „über das was die Stadt und die Ortschaften geprägt hat und was g’schafft worden isch.“

Sie seien auch immer für eine Überraschung gut, sagt Seibold, denn keiner wisse, wie viele Leute kommen und wie die wertvollen Beiträge dann zu „koordinieren“ sind. Vergangenen Mittwoch waren’s knapp 30 Senioren, die das Thema „alte Berufe“ lockte – und es ging schön der Reihe nach, wobei viele etwas beizutragen hatten.

Der Wachszieher-Beruf ist in Isny schon seit rund 20 Jahren ausgestorben, längst werden die Produkte industriell hergestellt, allenfalls gebe es noch Wachsbildner, also die Künstler, die Kerzen verzieren. Hermann Martin von der Wachszieherei Zengerle hatte 1960 mit insgesamt deutschlandweit 14 Lehrlingen die Gesellenprüfung abgelegt und später als Einziger im deutschsprachigen Raum die Meisterprüfung. Die Fertigung von Kerzen sei früh zu Ende gegangen, dann habe sich die Firma Zengerle in der Vorstadt auf die Produktion von Bienenwaben für die Imker verlegt.

Das Maurerhandwerk in den verschiedenen Baugeschäften: ohne Kran, ohne Förderband und Transportbeton sei gearbeitet worden. Zahlreiche Hilfskräfte hätten Beton und Mörtel von Hand angemacht und zum Maurer aufs Gerüst getragen. Und es sei arg geschrien, geflucht und auch gesoffen worden auf den Baustellen...

Zum Schmied Fridolin Furtwängler konnten fast alle etwas beitragen: „Der Fridolin konnte trotz seiner Kriegsverletzung alles.“ Er war Kunstschmied, Wagenschmied, Hufschmied und sei der beste Schweißer weit und breit gewesen, „was der Fridolin g’schweißt hot, des hot ghoba.“ – Fridolin in der Hofstatt: eine Institution. Die Rechnungen habe er meist Monate später geschrieben.

Sepp Stolz, selbst Mälzer- und Braumeister, berichtete über frühere Zulieferberufe. Der Böttcher hat Holzbottiche hergestellt, der Fassmacher Holzfässer und der Fasspichler hat die Holzfässer innen mit einer Art Pech ausgespritzt, damit die Kohlensäure nicht entweichen konnte. Heute gäre und reife das Bier in Edelstahltanks.

Metzgermeister Reinhard Kurringer zählte die Metzgereien auf, die es nach dem Krieg in Isny gab: Stach, Seitz, Kellnhofer, Hartmann, Schurr, Walker, Maier, Scholze, Ohmayer. Das für alle gemeinsame Schlachthaus stand im Entenmoos, montags wurden dort rund 40 Schweine geschlachtet, dienstags einige Rinder. Der Mageninhalt der Tiere sei halt in die Ach gekippt worden...

Maria Böck berichtete über das Sägewerk ihres Mannes: Lagerplatz der Stämme war der Sauweiher, aus dem sie mittels eines Schrägaufzuges aus dem Wasser auf den Rollwagen gezogen und dann zur Säge geschoben worden seien. Es sei nach der Holzliste der Zimmerleute gesägt worden – bis ins Jahr 1991. Elmar Haller habe mit seiner Brennholzsäge, ausgestattet mit einem Einzylinder-Dieselmotor, für die Leute in der Stadt Brennholz gesägt und habe damit richtig gut Geld verdient. Mit dem Aufkommen der Öl- und Zentralheizungen war die mobile Bandsäge überflüssig und sei für 300 Mark an den Schrotthändler verkauft worden. Sie war nicht zugelassen – und trotzdem auf der Straße unterwegs.

Jede Menge weiterer Berufe wurden genannt und erklärt, bei so manchen auch die Person dazu nicht vergessen: Wagner stellten hölzerne Gerätschaften her, die für den häuslichen und bäuerlichen Bedarf nötig waren; Gerber hätten Rohhäute mit chemischen und mechanischen Verfahren zu Leder verarbeitet; der Kürschner, ein Handwerker, der Tierfelle zu Pelzbekleidung verarbeitete; Schriftsetzer in zwei Isnyer Druckereien hätten bis Anfang der 1980er-Jahre noch die einzelnen Buchstaben aus dem Setzkasten entnommen und einen Text zur Vorbereitung für den Druck zusammengesetzt. Der Beruf sei binnen zwei Jahren vom Mediengestalter Digital und Print am Computer-Arbeitsplatz abgelöst worden. Schirmmacher Adam entwarf, fertigte und reparierte Sonnenschirm, Regenschirm, Lampenschirm...

Die Ziegelmacher schufteten in der Ziegelhütte in Ratzenhofen. Der Kamm-Macher beendete wohl sein Geschäft bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Es gab den Sprudelmacher Gruber und den Seiler Rauh, der die Seile entlang eines geraden Stücks Stadtmauer gedreht habe. Es gab Berufe wie den Uhrmacher, den Postler, den Straßenwart und den Streckengänger bei der Bahn, es gab Torfstecher und Wiesenwässerer und Hutmacher...

Heute würden Produkte industriell oder die Dinge im Ausland so billig hergestellt, dass die meisten Berufe, die früher das Leben geprägt haben, überflüssig wurden, bedauerten die Senioren: „Friher hots gschigde Leit geaba, aber mor braucht se halt nemme.“

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