Franz Liszt ist von überragendem Klangvolumen

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 Präsentiert die halbstündige Fantasie und Fuge von Franz Liszt beim 19. Isnyer Orgelherbst: Georg Enderwitz.
Präsentiert die halbstündige Fantasie und Fuge von Franz Liszt beim 19. Isnyer Orgelherbst: Georg Enderwitz. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Für das Finale des 19. Isnyer Orgelherbstes ist Kirchenmusiker Georg Enderwitz aus Wangen die steinerne Wendeltreppe hoch auf die Empore gestiegen. Von dort, an der Marienorgel in der Kirche St. Georg und St. Maria, erlebten die Zuhörer im Kirchenschiff vier unterschiedliche Werke aus der Zeit des Barock und der Romantik. Neben Johann Sebastian Bach, Sixtus Bachmann und drei Intermezzi steigerte sich Franz Liszts halbstündige Fantasie und Fuge zum akustischen Kristallisationspunkt.

„Gutes Zuhören“ statt „Viel Spaß“ wünschte Georg Enderwitz seinem erwartungsvollen Publikum, nachdem er die einzelnen Werke kurz erläutert hatte. Bachs Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565) gehört zu den meist gespielten Orgelkonzerten und ist fester Bestandteil des europäischen Repertoires. Enderwitz habe sie in seinem Musikerleben allerdings erst zweimal aufgeführt. Geschrieben hat sie der junge Bach um 1700, und versehen mit einer Melodik, die die Zuhörerschaft gleich in den ersten raumfüllenden Takten in die tiefsten Tiefen hinabsteigen ließ. Auf Außenwirkung abzielend, die mit ihrem alles erfassenden Volumen überwältigt, doch zugleich ganz im Bachschen Sinne durch Ausgewogenheit und Gesetztheit die Stimmführung dominiert.

Überbordende Fülle

Wenn sich ernste Moll-Tonarten mit überbordender Fülle abwechseln, gefolgt von Sixtus Bachmanns Sonate in C-Dur. Die klinge wie Mozart auf der Orgel, so Enderwitz, dem das Stück sehr gefalle, weil es aus der Wiener Klassik so gut wie keine Orgelwerke gebe. Passen würde es zudem nach Isny, mit Verweis auf Berthold Büchele und Manfred Schwendner als Herausgeber für den Erstdruck.

Verspielt und quirlig gab sich das kapriziöse Allegro, besonnen angelegt und in den Spitzen die Tonalität einer fragilen Glasharmonika assoziierend. Schwebend breiteten sich die Klangfarben im Adagio aus, um sich in den Intermezzi über einen Choral noch zu verstärken. Enderwitz ist längst bekannt für seine Improvisationskünste, die mit einem kraftvollen Trompetenton und einem Akkordgewitter anhoben. Verwoben mit impressionistischen Harmonien, die zu einem einzigen Tongebilde verschmolzen.

Monumentales Konzertfinale

Das ebenso epochale wie monumentale Konzertfinale bestritt Enderwitz mit der 1850 in Weimar entstandenen Fantasie über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“. 30 Minuten am Stück, in denen alle Möglichkeiten des Orgelspiels ausgelotet wurden. Am Schluss könne das Publikum aufatmen, wenn der letzte Akkord verklinge – wie auch Enderwitz. Dumpf-Tragisches mit geballten Spannungsmomenten betonten sofort Existenzielles. Hinüber zu geschwollenen, bedrückenden Partien, in die höhere Tonlagen einschnitten. Kompromisslos gibt sich das Werk.

Doch dann, wie aus dem Nichts heraus, macht sich ein heiteres sanftes Treiben breit, das aufsteigt. Und man glaubte, danach greifen zu können. Lyrisch-poetische Sequenzen entführten in mystisch Angehauchtes, um sich für einen Augenblick erholen zu können und getragen zu fühlen. Gerade noch wohlige Glockenklänge, die einen gigantischen expressiven Schluss einläuteten. Dieses Werk, so vorgetragen, überstieg jegliches Fassungsvermögen.

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