Fürsprecher für die Wildtiere zu Gast im Isnyer Kurhaus

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Bärenexperte Reno Sommerhalder (v.l.) und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl im Gespräch mit dem Publikum.
Bärenexperte Reno Sommerhalder (v.l.) und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl im Gespräch mit dem Publikum. (Foto: Christian Reichl)
Christian Reichl

Mit seinen Erzählungen von Begegnungen mit Bären und Tigern hat der Schweizer Wildtierexperte Reno Sommerhalder vergangenen Mittwochabend im Kurhaus in Isny die Zuhörer gefesselt.

Im Gepäck hatte der Naturforscher sein Programm „Wild - Unter Bären und Tigern“, eine Multimedia-Show, die dem Zuschauer ein Bild der verschiedenen Wildtiergebiete in Alaska, Russland und Kanada, in denen er seit über dreißig Jahren unterwegs ist, vermitteln sollte. „Es geht mir darum, zu zeigen, wie einfach es ist, mit Bären in einer intakten Natur zusammenzuleben“, sagt Sommerhalder.

Forscher: Bären zeigen Emotionen

In hunderten von Begegnungen mit Bären habe der Naturforscher festgestellt, dass Bären eine Gefühlswelt besitzen, die der menschlichen sehr ähnlich ist. „Ich habe eine Bärin erlebt, die ein Junges verloren hat und daraufhin tagelang, um dieses Junge getrauert hat“, sagt der Forscher. Auch Eifersucht sei eine Emotion, die man an Bären beobachten könne. Hierfür hat der Bärenexperte dem Publikum ein Foto gezeigt, das ein Männchen und ein Weibchen auf einer einsamen Insel zeigt: „Er hat sie dorthin getrieben, damit er sie nicht teilen muss und seine Gene weitergeben kann.“

Bärennachwuchs brauche wie menschliche Kinder Spielkameraden, um soziale Fähigkeiten zu erlernen. Bären ohne Geschwister lösen dieses Problem neusten Beobachtungen Sommerhalders zufolge kreativ: „Einzelbären sind erfinderisch und nutzen Spielsachen, um sich zu beschäftigen.“ Das zwei Mütter ihre Einzelkinder gemeinsam spielen lassen, hat der Forscher erst vor Kurzem erstmals beobachten können.

„Nicht der Bär ist die Bestie“

Für den Bärenexperten Sommerhalder steht fest, dass Bären für den Menschen keine Gefahr darstellen. Umgekehrt sehe das schon anders aus: „Nicht der Bär ist die Bestie“. Solange man Bären respektiere und nicht bedrohe, sei es sehr unwahrscheinlich, dass ein Bär auf einen Menschen losgehe. Lediglich Tiere, die sich von Abfällen der Menschen ernähren, bergen ein Risiko. „Sie verhalten sich wie Drogensüchtige und gehen Risiken ein, um wieder an diese fremde Nahrung zu kommen, an die sie sich schnell gewöhnen“, sagt der Forscher.

Der Forscher betrachtet den Bär als Indikator eines intakten Ökosystems. Allerdings bringe der Mensch durch rücksichtsloses Handeln die Natur aus ihrem Gleichgewicht. „Bären sind extreme Gewohnheitstiere, sie kommen häufig immer wieder an die selbe Stelle eines Flussbetts, um zu fischen“. Durch Überfischung der Gewässer und Wilderei schrumpfe die Zahl der Lachse aber jedes Jahr weiter. „Ich habe einen Bär namens„Big Boy“ beobachtet, der täglich 150 Kilogramm Fisch braucht, das sind 72 Lachse am Tag. Man stelle sich vor, dass die eines Tages nicht mehr kommen“, sagt der Experte.

Experte: Tiger finden nicht mehr genug Nahrung

Auch der Tiger habe unter den Menschen einen schweren Stand, wie der Bärenexperte in seiner Slideshow präsentierte. Dadurch, dass der Mensch Beutetiere wie Wildschweine jagt, findet der Sibirische Tiger nicht mehr genug Nahrung und werde so zur Gefahr für den Menschen. „Sie kommen auf der Suche nach Essbarem nach und nach in die Dörfer, vorher gab es dieses Problem überhaupt nicht“, erklärt Sommerhalder. Der Forscher lebte eine Zeit in der Taiga und hat dort verwaiste Jungtiere aufgezogen und danach wieder ausgewildert.

Im Podiumsgespräch stellte sich Sommerhalder gemeinsam mit Wolf-Dieter-Storl, Kulturanthropologe und Ethnobotaniker, den Fragen der Zuschauer zu Rückkehr der Wildtiere. Storl, der sich unter anderem in seinem Buch mit dem Titel „Der Bär - Krafttier der Schamanen und Heiler“ mit den Wildtieren auseinandergesetzt hat, betonte, das von Wildtieren häufig ein falsches Bild gezeichnet werde: „Der Umgang von indigenen Bevölkerungen mit dem Bären war immer ein sehr respektvoller, das habe sich mit der Entfremdung des Menschen von der Natur gewandelt.“

Forscher schließt nicht aus, dass Bären sich in Zukunft in der Region ansiedeln könnten

Einige der Zuschauer wollten mehr über den Bär erfahren, der vergangene Woche in eine Fotofalle getappt ist. „Ich bin kein Experte für das Gebiet, wo dieser Bär gesichtet worden ist“, sagt Sommerhalder. Dass Bären sich generell auch hier in der Region wieder verstärkt ansiedeln könnten schließt der Forscher nicht aus. „Es gab in den letzten zwei Jahren mehrere Sichtungen eines Bären, der völlig unbehelligt durch die Wälder der dicht besiedelten Schweiz gezogen ist“, sagt Sommerhalder. In dieser Zeit habe der Bär keine Schafe gerissen, nur einen Bienenstock geplündert. Bären in Europa würden, im Vergleich zu den russischen oder nordamerikanischen Artgenossen, viel kleinere Gebiete benötigen. „Den Bären hier reichen wenige Quadratkilometer aus, weil unsere heimischen Mischwälder, dank Bucheckern und Eichel, so unglaublich nahrhaft sind“, sagt der Forscher.

Der von Teilen geforderten Abschussfreigabe für Bären in Europa entgegnete Sommerhalder, dass Bären vor allem keinen Platz in unseren Herzen hätten: „Wenn Bären abgeschossen werden liegt das am politischen Druck, nicht an der Gefährlichkeit des Bären.“

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