Erinnerungenscafé: Ausstellung blickt auf das frühere Leben in Beuren zurück

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 An mehrern Tischen wurde zusammengetragen, was es aus Kindheitstagen zu berichten gibt.
An mehrern Tischen wurde zusammengetragen, was es aus Kindheitstagen zu berichten gibt. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Das „Erinnerungscafé“ des Stadtmuseums macht 2019 die Runde durch die Ortschaften. Zweite Station nach Rohrdorf war Beuren, eingebettet in den monatlichen Seniorennachmittag, dessen gut 30 regelmäßige Besucher „verstärkt“ wurden von einigen Neuen.

Sie alle freuten sich sichtlich, dass nun auch sie erzählen konnten, was früher einmal los war im Dorf, und Museumsleiterin Ute Seibold sowie ihre ehrenamtliche Mitarbeiterin Waltraud Böhm-Neuhäuser zeigten sich dankbar für die Einladung: „Ich stamme nicht aus der Region, möchte aber trotzdem mit meinem Team ein lebendiges Museum aufbauen, möglichst mit wechselnden Sonderausstellungen, in denen die Ortschaften nicht zu kurz kommen dürfen. Deshalb habe ich viele Fragen auf dem Herzen an Sie alle“, sagte Seibold.

Ich stamme nicht aus der Region, möchte aber trotzdem mit meinem Team ein lebendiges Museum aufbauen, möglichst mit wechselnden Sonderausstellungen, in denen die Ortschaften nicht zu kurz kommen dürfen.

Museumsleiterin Ute Seibold

„Dann beginnen wir doch bei den Kindern“, schlug der hochbetagte, ehemalige Ortsvorsteher und Landwirt Paul Hof vor. Auf den Höfen rundherum seien nicht selten acht bis zwölf Kinder aufgewachsen, was vielleicht auch daran gelegen habe, dass die Eltern „halt früh das Licht ausgemacht haben“, wurde erzählt und gescherzt. Trotzdem: „Auf einem Hof verhungert niemand, alle sind groß geworden.“

In Sommersbach gab es nur eine Schulklasse mit allen Kindern zusammen, in Beuren zwei Klassen, eins bis vier und fünf bis acht, Buben und Mädchen getrennt im Klassenzimmer, konfessionelle Trennung war nicht nötig, denn „Wüstgläubige“ habe es damals noch nicht gegeben, erst nach dem Krieg durch den Zuzug von Flüchtlingen. Die Schulwege waren für manche Kinder sehr weit, nicht wenige seien barfuß gelaufen.

Alte Lesebücher und Schulhefte seien nicht mehr vorhanden, aber Schulzeugnisse von den Männern habe man lebenslang aufgehoben, verrieten einige Frauen. Zwar seien sie in der Regel ganz verschwiegen, doch das Erinenrungscafé sei endlich eine Gelegenheit, unter die Leute zu bringen, was unter dem Stichwort „Betragen“ drinstehe.

An den Lehrer Josef Hügel in Sommersbach erinnere man sich besonders gern: Wenn auf einem Hof der Bauer wegen Krankheit ausgefallen ist, sei er als Hofhelfer eingesprungen – und Ortsvorsteher Donatus Butscher genauso, die zwei hätten sich abgewechselt.

Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer waren die Respektspersonen

Übrigens: Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer waren die Respektspersonen im Dorf – in genau dieser Reihenfolge. An den Pfarrer Biedlingsmaier erinnere man sich aber ungern. Der habe immer einen Stock dabei gehabt und sei mit den Buben nicht zimperlich umgegangen. Dem Pfarrer zu begegnen, gab es nur zwei Möglichkeiten, wurde berichtet: „Entweder einen Knicks machen und sagen: ‚Gelobt sei Jesus Christus‘ – oder ausweichen und abhauen.“

Der Pfarrer habe auch von der Kanzel verboten, dass samstags Hochzeiten stattfinden dürfen. „Wahrscheinlich hat er befürchtet, dass sonntags seine Schäfchen ausschlafen müssen und er alleine in der Kirche steht.“ Auch habe er verboten sonntags Heu zu machen, wetterbedingt durfte nur Heu eingebracht werden, das bereits auf dem Boden lag – mähen auf gar keinen Fall.

An drei Ordensschwestern erinnere man sich dagegen gerne: Balsamine war zuständig für die Kranken im Dorf, „ein halber Arzt“, Geralda für die Handarbeit und Hauswirtschaft in den beiden Schulen, Bernadette war die Kindergärtnerin. Wenn ein Kind im Dorf auf die Welt kommen sollte, habe jemand ein Ross eingespannt und die Hebamme aus Christazhofen mit dem Fuhrwerk geholt.

Viele Handwerker im Dorf

Einkaufmöglichkeit waren der Bäcker Schön, der Lebensmittelladen Weinmann, Fleisch habe man preisgünstig auf dem Hof gekauft, wo gerade notgeschlachtet werden musste. Mit Handwerkern sei Beuren gut versorgt gewesen: Schuhmacher, Pferd- und Wagenschmied, Wagner, Maler, Elektriker, Schnapsbrenner, und der Schreiner war auch der Totengräber. Einmal im Jahr kam ein Kesselflicker und hat reparierte alle Metallwaren in Haus und Hof.

Zwei Mal im Jahr kam der Hausierer auf dem Fahrrad aus Leutkirch mit einem Klappkoffer vor jede Haustür. Bei ihm wurde Fehlendes für den Haushalt gekauft. Friseur im Dorf, auch für die Ordensschwestern, war der „Goisagustl“, er trug auch die amtliche Post aus und rief die Amtsnachrichten aus, wenn die Leute aus der Kirche kamen.

Milch brachten die Bauern in die Dorfkäserei, wo riesen Emmertaler-Laibe allerbester Qualität hergestellt wurden. „Der Wagner aus Ellhofen hat den Käs’ gekauft und nach Italien verscherbelt“ – und dort sei wahrscheinlich original italienischer Parmesan hergestellt und in ganz Europa verkauft worden, wurde gescherzt.

Postbote hatte ersten Fernseher

Postbote Sulzbacher habe sich den ersten Fernseher im Dorf angeschafft, und einige Männer verrieten im Erinnerungscafé, dass sie für ihn ein paar Eier mitgenommen hätten – als Gegenleistung fürs Fernsehgucken. Paul Haas habe auch früh einen Fernseher gehabt, und statt in die Andacht sei man heimlich zum Paul.

Während der drei Tage vor Himmelfahrt führten obligatorische Bittprozession nach Enkenhofen, Sommersbach und Menelzhofen. Ledigen Mädchen mussten in schwarzen Kleidern und mit bekränztem Kopf zu viert eine schwere Muttergottesstatue tragen. Alle Kinder seien mitgewandert und bekamen zur Belohnung nach der Messe eine Wurst und einen Wecken, die Erwachsenen seien in die Wirtschaft: „Die Letzten kamen heimwärts ziemlich schräg daher.“

Was denn ganz besonders und unvergesslich sei, fragte Museumsleiterin Ute Seibold in die Runde. Schon lang vor dem Krieg sei das Armenhaus abgebrannt, wo sozial schwache Familien mit vielen Kindern lebten. Die Kinder seien auf die Höfe verteilt worden – und sie seien alle groß geworden. Unvergesslich auch die Glockenweihe 1953 und mehrere Priesterprimizen in Peter und Paul, die Pfarrer Weber, Mohr und Prinz beeindruckten nachhaltig.

Eine Besonderheit – das „Beurener Gelübde“: In Hunger- und Pestzeiten, vielleicht im dreißigjährigen Krieg, hätten sich Beurener verpflichtet, um Verschonung von schlimmen Unwettern und Krankheiten zu erbitten. Von „Kreuzauffindung“ (Anfang Mai) bis „Kreuzerhöhung“ (Mitte September) hatte sich die Gemeinde ein striktes Tanzverbot auferlegt – und bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch fleißig eingehalten.

1968 sei der Widerstand im Dorf so groß geworden, berichtete Josef Kempter, dass er sich als Ortsvorsitzender genötigt sah, eine Gelübde-Auflösungsbitte – oder eine Reduzierung der Bußpraxis – an die Diözese zu schicken. Von dort kam die Antwort, dass es in Rottenburg keinen Gelübde-Eintrag aus Beuren gebe, die Gemeinde solle selbst entscheiden, wie sie künftig damit umzugehen gedenke. Festgelegt worden sei dann Folgendes: Zwischen Mai und September dürfen an einem frei zu wählenden Tag keine Tanzveranstaltungen stattfinden – aber auch dieses „Minimalgelübde“ werde heutzutage nicht mehr eingehalten.

Der Eingemeindung anfangs der 1970er-Jahre sei eine jahrelange Diskussion darüber vorausgegangen, wem Beuren sich anschließen soll, erzählte Kempter weiter. Es habe Beziehungen nach Argenbühl, Isny und Leutkirch gegeben, dank ganz guter Infrastruktur hätten viele für die Selbständigkeit plädiert. Fest stand laut Kempter aber auch, dass man die anstehenden, notwendigen Projekte finanziell nicht hätte alleine stemmen können. „Der Anschluss an Isny war richtig. Heute redet niemand mehr vom damaligen Eingemeindungsprozess.“

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