Engels- und Widder-Köpfe an Steinsäulen

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Walter Schmid

Im 2017 neu aufgelegten denkmalpflegerischen Werteplan heißt es: „Die Stadtapotheke ist ein herausragendes Zeugnis für ein Isnyer Patrizierhaus, das den Stadtbrand von 1631 überdauert hat.“ Zudem dokumentiere diese Apotheke einen Teil der Medizingeschichte seit dem 16. Jahrhundert, die sich seit rund 450 Jahren in der Familie Bauer zurückverfolgen lässt. An diesem Gebäude bestehe wissenschaftlich und heimatgeschichtlich ein besonderes öffentliches Interesse.

Die stadtbildprägende Ecklage der Stadtapotheke an der Espantorstraße zum Marktplatzt hin erlaubt Familie Susanne Bauer/Erhard Bolender vom Wohnzimmer aus in der zweiten Etage einen uneingeschränkten Überblick über den Marktplatz in Richtung Bergtorstraße, zum Gasthaus Hirsch und zum Hallgebäude, in denen zur Zeit tüchtig umgebaut wird – und auch hinüber zum stolzen innerstädtischen Blaserturm, der das ganze Oval der Stadt weit überragt. Durch die gegenwärtigen archäologischen Grabungen und aus Archiv-Quellen ist der Beweis geführt, dass der Marktplatz durch rund 800 Jahre der Geschichte eine rege Bautätigkeit erlebt haben muss. Stadtbrände haben das meiste vernichtet.

Auf west-nördlicher Seite des Marktplatzes blieben das Hospital und eben das prächtige Patrizierhaus, die heutige Stadtapotheke verschont. Dieser Rechteckbau, der sich die Espantorstraße entlangstreckt, ruht mit seinen zweijochigen Kreuzgratgewölben auf insgesamt 16 Säulen und Außenmauern. Der heutige Zugang zur Apotheke befindet sich auf der Giebelseite am Marktplatz im Arkadengang unter dem Kreuzgratgewölbe. Von den Säulen der Gewölbe im Innern blicken Engel und Widder, plastisch ausgebildete Säulenkopfstücke, sogenannte Kapitelle.

Als Baubeginn dieses einstigen herrschaftlichen Hauses wird das 16. Jahrhundert angenommen. 1581 sei es von der Patrizierfamilie Eberz erworben worden und habe durch sie auch seine wesentliche Ausgestaltung erhalten, bezeugen alte Quellen. Zu Beginn des 17.Jahrhunderts fand das Erdgeschoss, eine Säulenhalle – damals noch ohne eingezogene Innenwände – als Verkaufs- und Lagerhalle für den Tuchhandel seine Bestimmung. Erst später, als Folge des stetigen Niedergangs der Leinenweberei und des Tuchhandels, begann ab 1762 die medizinische Geschichte des Hauses, als Stadtapotheke.

Der einstige Wohlstand der Stadt im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zeigt sich in den prachtvollen, symbolträchtigen Kopfstücken (Kapitellen) der Säulen des damaligen Geschäftshauses. Es sind hier neben in Stein gemeißeltem Laubwerk vor allem Engel- und Widderfiguren – eine wahre Steinmetzkunst – die den versteckten und vergessenen Kleinoden Isnys zugerechnet werden müssen.

Was haben sich wohl die reichen, einflussreichen, damals ausschließlich evangelischen Handelskaufleute gedacht, als sie diese Kapitelle beim Steinmetz in Auftrag gaben? War es nur Ausdruck ihres Reichtums?

Vielleicht war für sie das Symbol des Widders eine Art Begründung und Bestätigung für ihre erfolgreichen Geschäfte, für Können, Leistung, Stärke, Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit. Vorwärtskommen um jeden Preis, auch wenn es mit dem „Kopf durch die Wand“ gehen musste. Zur Familie des Widders gehört aber auch das Lamm, Symbol der Reinheit des Tuns, Ehrlichkeit und der Unschuld.

Der Engel ist nach biblischem Zeugnis der allgegenwärtige Bote Gottes auf Erden. Welche Intention könnten ihm die Handelsherren damals zugeschrieben haben? Etwa dies: Engel stehen für die Verheißung des göttlichen Schutzes, des Beistandes und des Segens. Garanten für ein gesundes Selbstbewusstsein, dass der Handelsherr unter der Gegenwart des Engels gottgefällige Arbeit und Geschäfte mache.

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