Ein Schritt zurück in die Normalität

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Symbolträchtig: Hände, die einander festhalten um das Leben zu bewältigen.
Symbolträchtig: Hände, die einander festhalten um das Leben zu bewältigen. (Foto: Walter Schmid)
Schwäbische Zeitung
Walter Schmid

Sieben Männer und vier Frauen sind heute gekommen. Jeden Mittwoch treffen sie sich gegen 19.30 Uhr im Eingangsbereich des Paul-Fagius-Hauses am Marktplatz. „Manchmal sind wir viel mehr, manchmal auch weniger“, sagt einer von ihnen. Gemeinsam gehen sie ins Sitzungszimmer, rücken Tische beiseite und machen einen Stuhlkreis. Johanna (alle Namen sind von der Redaktion geändert) holt aus dem Freundeskreis-Schrank eine aus Ton geformte Plastik. Sie zeigt einen Kreis von Personen, die einander die Arme auf die Schulter legen. Egon zündet die Kerze in der Mitte an. Ein symbolträchtiges Bild: Eine Gemeinschaft die zusammengehört und die einander zu helfen bereit ist.

Johanna liest aus einem Büchlein ein Tages-Bibelwort und ein Gebet. Heute heißt es: „Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du, Gott, hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe…“. Dann eröffnet sie das Gespräch: „Was hier gesprochen wird, das bleibt in diesem Raum – und in unserem Herzen.“ Reihum sagt jeder seinen Vornamen, seine Krankheit und berichtet kurz, wie es ihm seit vergangenem Mittwoch ergangen ist.

„Ich brauche das Gespräch immer noch“

Kurt macht den Anfang. „Ich bin alkoholkrank, nach stationärer Behandlung seit drei Jahren trocken. Ich bin dem da oben, dem Gott, dankbar, dass er mir hilft, standhaft zu bleiben. Genauso bin ich meiner Frau dankbar, dass sie trotz jahrelanger Sauferei zu mir gehalten hat. Jetzt haben wir das Leben zurückgewonnen.“ Egon ist alkoholkrank und nach der zweiten Therapie nun schon seit zehn Jahren trocken. „Ich komme fast jeden Mittwoch hierher. Ich brauche das Gespräch immer noch. Es macht mich stabiler, ich kann mich aussprechen, es tut mir gut.“

Sylvia, eine allerziehende Mutter, die geschieden ist, sagt: „Ich bin alkoholkrank. Nach zuerst ambulanter und dann stationärer Therapie bin ich seit einem guten Jahr trocken. Ich beginne gerade eine neue, nicht ganz unproblematische Partnerschaft.“ Karl ist medikamentenabhängig und nach Alkoholentzug und Therapie seit sechs Monaten wenigstens trocken. Weil er auch psychisch angeschlagen ist, ist die Gefahr des Absturzes täglich gegeben. „Ehe du zur Flasche greifst, rufst du mich an! Klar?“ sagt Frank sehr bestimmend.

Aus der Suchtfachklinik Schönau in Grünenbach sind heute Philipp und Emilio dazugekommen. Beide werden dort in 14 Tagen entlassen. „Wir spüren so langsam wieder ein normales Leben, so wie es ganz früher einmal war“, sagen die beiden. „Aber ein bisschen Angst haben wir schon vor der Freiheit.“ Die Klinik sei ein Schutzraum, in dem Abstinenz gar nicht so schwer falle. Dass sie sich in der Heimat einem Freundeskreis anschließen, halten sie für dringend nötig. Die Isnyer bestärken sie darin. Die Abhängigkeit vom Suchtmittel sei ja nicht das alleinige Problem, sondern nur Hinweis auf tieferliegende Defizite, die es stetig aufzuarbeiten gilt. Zuzuhören, auszutauschen und voneinander zu lernen sei nötig. „Nach der Kur müssen große Lücken gefüllt werden, die der Alkohol gerissen hat“, sagt Sepp, der in der Nähe von Isny wohnt.

Alle im Freundeskreis wissen, wovon sie reden. Jeder hat den Niedergang durchgemacht. Egal ob gesundheitlich, in der Familie, in der Arbeit, mit dem Zerbruch von guten Beziehungen und Freundschaften. „Es gibt bei uns jedes mal eine ganze Menge zu besprechen“, meint Johanna. Und man müsse jeden Tag das Schöne und das Positive einsammeln und sich daran freuen, zu Hause und im Freundeskreis.

Nach gut einer Stunde sagt jeder, was ihm heute wichtig geworden ist. Es wird deutlich: Suchtverhalten und die Gefahr des Absturzes bleiben als Gefahr bestehen. Jeder muss sich selbst helfen wollen und bereit sein, über sich zu reden, einander zuzuhören und von anderen zu lernen. Die, die es geschafft haben, geben Hoffnung. „Es ist keine Schande krank zu sein, aber es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun“, meint Johanna und schließt die Runde. „Bis zum nächsten Mittwoch!“

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