Ein Postkartenmaler stellt sich vor

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 Teamwork rund um den Künstler Eugen Felle: Viele trugen zum Gelingen des Abends im Kurhaus bei.
Teamwork rund um den Künstler Eugen Felle: Viele trugen zum Gelingen des Abends im Kurhaus bei. (Foto: Stefanie Böck)
Stefanie Böck

Dieser Abend ist eine bewegende Reise durch das Allgäu mit dem Postkartenmaler Eugen Felle gewesen. Motive, Fotos und Zeichnungen aus seiner Zeit zeigten bei „Geschichte(n) und Genuss“ teils unbekannte Einsichten. Ein lebendiges Bühnenprogramm brachte den rund 100 Gästen den Künstler Eugen Felle immer näher – und trieb sie zum Schluss sogar auf die Tanzfläche.

In etwa 1,5 Stunden lernten die Besucher am Freitagabend im Kurhaus am Park Eugen Felle als Pionier und Witzbold kennen. Als einen geselligen Mann mit einer stattlichen Bernhardinerzucht und mit einer großen Leidenschaft für Automobile und Züge. Schauspieler, Sprecher, Fotos und Livemusik transportierten unterhaltsam Geschichten aus Isny von vor über einem Jahrhundert.

Urenkelin des Postkartenmalers Tosca Maria Kühn machte den Anfang und lieferte erste Antworten nach ihren umfassenden biographischen Recherchen. Sie las aus den Tagebüchern des Künstlers vor und zeigte unbekannte und persönliche Fotografien aus dem privaten Album der Familie. Ihr Fazit: „Mein Urgroßvater hatte schon als Kind einen riesigen Drang, seine Welt zu dokumentieren.“

Zum Glück: Geschichten aus dem Leben in Isny, aber auch ganze Straßenzüge, Flussläufe, Städte, Dörfer, Weiler, Landschaften, Gebäude und Details vom Gartenzaun bis zum Vogelhäuschen brachte Eugen Felle in seinen Tagebüchern und später auf den nur zehn mal 15 Zentimeter großen Postkarten unter. Zigtausend Motive sind heute „wie ein Spaziergang durch die goldene Zeit um 1900“, sagte Ursula Winkler. Die Projektleiterin von „Panorama-Partner“ (gefördert von der Bundeskulturstiftung im Fonds Stadtgefährten) erklärte unterhaltsam mit Hilfe einer klug kombinierten Bilderreihe, was fachlich das Besondere an den Postkarten ist.

Für „Geschichte(n) und Genuss“ suchte sie die ulkigsten, schönsten und teuersten Exemplare heraus: Jux-Postkarten mit Badevergnügen, Werbung für Kurhotels im Allgäu mit „zivilen Preisen und Hausdiener am Bahnhof“, die Postkarte, die bei einer Auktion 800 Euro erzielte und eine ganze Reihe Postkarten mit Panoramen aus der Vogelperspektive – der damals ganz neu erfundene Blick von oben.

„Bis heute verwenden Ski- und Wandergebiete diese Ansicht. Eugen Felle war einer der ersten, der diese Perspektive zu Papier brachte.“ Topografien von Bergregionen und anderen komplexen Landschaften zeigen, wo man steht, wo man herkommt und wie die Umgebung um die Menschen herum geformt ist. Felle bildete Heimat ab. Mit jedem noch so winzigen Detail.

Und das in einer Zeit, in der Reisen und Fortbewegung noch richtig mühsam war. Und Postkarten den Unterhaltungswert eines Spielfilms hatten. Das machten auch die beiden hochdeutsch sprechenden Sommerfrischlerinnen in langen Kleidern Frau von Bülow (Ute Dittmar) und Fräulein Olga (Lisa Olberz) samt Mops klar. Szenisch stellten sie eine Wanderung auf die Adelegg dar. Dabei unterhielten sie sich über Isny um 1900: über den lärmenden Markttag, die Fuhrwerke, die vielen Kinder mit den hölzernen Reifen. Und über die faszinierende Natur und die Berge rund um Isny: „Der weite Blick auf die ewigen Felsen und die Gletscher der Schweiz. Was soll ich sagen? Es lockt mich hinauf!“ Als „roifelnde“ Buben, barfuß und mit ihren Reifen sehr geschickt, waren Michael und Benedikt Hartig dabei.

Die Damen erzählten von Musik und Tanz auf der Schletteralpe und trafen auf dem Schwarzen Grat sogar „den Künstler bei seinem Werken“ – Eugen Felle (Kurhaus-Hausmeister Martin Dentler) vertieft und zeichnend an der Staffelei. Die humorvollen Dialoge brachten das Publikum zum Lachen. Dazwischen bot die Drei-Mann-Band „The Combo“ eine musikalische Abwechslung zu den lebendigen Vorträgen.

Zwei Lieder texteten die drei Vollblutmusiker aus Peter Paul Bruder, Franz Miller und Thomas Rühwald extra für den Abend um. Eines davon auf den Swing-Titel „Bei mir bist Du schön“ mit dem neuen Refrain: „In Isny ist’s schön, schöner als schön, sprach leis’ ein genialer Pionier.“ Nicht nur die Band inspirierte der Künstler zur Lyrik. Auch der „Müller Schorsch“ aus Unterzeil reimte bereits 52 Gedichte zum Leben und den Werken von Eugen Felle. Der Sammler trug 14 000 verschiedene Felle-Motive auf seinem PC und als Ausdrucke in etlichen Ordnern zusammen. „Und ich habe immer noch nicht alle – jeden Monat finde ich neue.“

Soviel Begeisterung freute die Macher des Abends enorm: Mit der Mischung aus Theater, Vortrag, Musik und Kunst gaben die städtischen Museen, die Volkshochschule und die Stadtbücherei den Besuchern einen guten Eindruck mit nach Hause: „Ich wusste gar nicht, wer Eugen Felle ist – jetzt bin ich richtig stolz auf ihn“, fasste eine Besucherin das Resümee vieler Gäste zusammen.

Der Abend, der mit Wein und Käse begann, endete kreativ, bewegt und gesellig. Das Publikum musste zum Schluss die bemerkenswerten Seiten der Stadt auf blanko Postkarten festhalten. Die Ergebnisse werden als Teil der Ausstellung „Heimat-Panorama“ rund um Eugen Felle ab April 2019 zu sehen sein, kündigte Ursula Winkler an.

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