Ein musikalischer Kraftakt, der alles fordert

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 Die Pianistin Margarita Oganesjan (im Bild) eröffnet mit ihrem Klavierrezital die Kulturreihe „Roter Salon“.
Die Pianistin Margarita Oganesjan (im Bild) eröffnet mit ihrem Klavierrezital die Kulturreihe „Roter Salon“. (Foto: Babette Caesar)

Den Auftakt zu Kunst, Musik und Literatur im „Roten Salon“ im Schloss Isny hat die Pianistin Margarita Oganesjan am Samstagabend mit einem Klavierrezital gemacht. Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Sergej Prokofiew standen im Refektorium zur Auswahl. Zugleich war der Abend der Startschuss für Florian Zwipf-Zaharia an der Spitze des neu gewählten Vorstandes des Fördervereins „Kunst und Kultur Schloss Isny“.

Eine große Freude sei es ihm, so viele Besucher sehen zu dürfen. Insofern hätte auch der Platz im Roten Salon nicht ausgereicht. Über das Bestehende hinaus wolle der Förderverein die Angebotsvielfalt etwas erweitern. Das in Richtung Kabarett, Zauberkünstler und natürlich klassischer Musik. Letztere gehöre zu Zwipf-Zaharias’ Vorliebe und mit ihr eröffnete Margarita Oganesjan ihr Klavierrezital. Gewidmet Ludwig van Beethoven im Jubiläumsjahr seines 250. Geburtstages im ersten Teil.

Wer bis dahin den am 17. Dezember 1770 in Bonn getauften Beethoven (sein vollständiges Geburtsdatum ist bis heute nicht bekannt) als den über allem stehenden Komponisten mit ernster Miene und zerzaustem Haar verbindet, der kann in seinem 1802 verfassten „Heiligenstädter Testament“ nachlesen. Beginnend mit „O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig störisch oder Misanthropisch haltet“, woraufhin er vom „Zarten Gefühl des wohlwollenden, selbst große Handlungen Zu verrichten“ spricht. So setzten seine sechs Variationen in F-Dur, op. 34 geradezu schwelgerisch als „ganz neue Manier“ ein.

Sehr mächtig und zugleich schön

Durchwegs von Oganesjan in einem warmtonigen Anschlag von lang nachwirkender Raumfülle interpretiert. Jede dieser Variationen entwickelte einen eigenen Charakter, von zart besaitet, beinahe schüchtern, bis hin zu perlenden Akkorden in lebhaft verspieltem Tanz. Hinüber zu einer komplex angelegten Jagdszene, verbunden mit Reprisen einer düsteren Tonart, in der sich Beethovenscher Ernst zeigte. Oganesjan modulierte die auf- und absteigenden Terzen weder zu ausladend noch zu minutiös, um am Schluss den Reigen wieder zu schließen und so den Eindruck eines harmonischen Ganzen zu hinterlassen.

Was sich hier noch vergleichsweise still darbot, wandelte sich in den 15 Variationen mit einer Fuge, op. 35, den so genannten „Eroica-Variationen“, hin zu mehr Fortissimo. Sie lotete die klanglichen Möglichkeiten des Klaviersatzes aus zwischen strengem Kanon, Bass und Oberstimme. Was im Finale alla fuga in eine fulminante Steigerung mündete. Was mag in Beethoven vor sich gegangen sein, wenn sich Partien in wildem Galopp gebärden, andere beinahe jazzartige Sequenzen vermitteln. Als sehr mächtig, aber auch als sehr schön haben Zuhörer diese Aufführung empfunden, die überleitete zu Brahms’ sechs Klavierstücken, op. 118, entstanden 1893 in Bad Ischl.

Ein Kaleidoskop auf engem Raum

Auch hierin fand sich am Abend das Gefühl von Geschlossenheit wieder. Von einem Kaleidoskop auf engem Raum mit einer hoch konzentrierten und zugleich empfindungsvollen Pianisten. Vier Intermezzi, eine Ballade und eine Romanze, die romantisch einladend im Walzertakt anhoben, um dem allzu Schönen Brahmsche Wucht entgegen zu halten.

Über welche Anschlagkraft Oganesjan verfügt, bewies sie mit Prokofiews d-moll-Sonate, op. 14, von 1912. Als „ein ganzer Stahltrust in Tönen“ wurde der Komponist, selbst ein ausgezeichneter Pianist, charakterisiert. Genau das erfordert dieses hochtourige Werk mit abrupten Vorstößen, quirligen Einsätzen und berstenden Akkorden, die sich zu überschlagen drohen, gewürzt mit clownesken Einschüben. Ein Kraftakt, der alles forderte – belohnt mit viel Applaus und zwei Scarlatti-Zugaben.

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