Ein epochales Musikereignis für Isny

Lesedauer: 6 Min

Berthold Büchele, Dirigent, Musiklehrer und Heimatforscher in seinem Haus in Ratzenried.
Berthold Büchele, Dirigent, Musiklehrer und Heimatforscher in seinem Haus in Ratzenried. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Die Isnyer haben in den vergangenen Jahren miterlebt, was Archäologen bei Grabungen in der Südstadt zu Tage beförderten: Stadtgeschichte durch fast 800 Jahre, Erwartetes und auch ganz Neues. Die Grabung hat sich gelohnt. Unabhängig davon hat ein Kreis Geschichtsinteressierter mit Isny Marketing das Programm zum Reformationsjubiläums entworfen. Dabei lagen sie mit der Vermutung richtig, dass die Aufarbeitung der kirchlichen Isnyer Musikgeschichte ebenso eine „archäologische Grabung“ nötig hätte, sich lohnen würde.

Bei Berthold Büchele, Musiklehrer, Dirigent und Heimatforscher, wurde schon vor zwei Jahren angefragt, ob er nicht bereit wäre, sich dieser „Grabung“ zu widmen. Und obwohl Büchele gegenwärtig bereits damit befasst ist, die Musikgeschichte der Klöster, Schlösser und größeren Städte Oberschwabens zu veröffentlichen, „habe ich mich monatelang ins Archiv der evangelischen Kirchengemeinde ’eingegraben’ und bin so über Ratsprotokolle, Ausgabenbücher und Kirchenprotokolle auf die Spuren der Isnyer Kirchenmusik gestoßen.“

Die Mühe habe sich gelohnt, betont der Musikhistoriker: „Ein kostbarer Fundus konnte gehoben werden – Kompositionen, die seit ihrer Uraufführung zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert nie mehr aufgeführt wurden und stattdessen im Archiv verschwunden sind.“ Büchele findet viel Lob und Anerkennung für die vorbildliche Führung des evangelischen Archivs – kein Vergleich mit anderen Archiven. Als Katholik müsse er leider zugeben: „Auf katholischer Seite ist da Fehlanzeige, alles leer, entsorgt – es ist ein Jammer.“

Büchele zählt aus den 500 Jahren seit Reformationsbeginn 16 Musikdirektoren, 21 Kantoren und zehn Komponisten auf, die in Isny gewirkt und teils wahre Kostbarkeiten komponiert und hinterlassen haben. Stolz meint er: „Jetzt sind sie endlich wieder am Tageslicht, was über Jahrhunderte vergessen war, am Samstag wird es präsentiert, erstmalig – vielleicht auch letztmalig, wer weiß.“

Büchele hat durch seine Recherchen auch entdeckt, dass die Ökumene da und dort, auf musikalischer Ebene, bereits Mitte des 17. Jahrhunderts langsam eingesetzt hat. „Vorher war die Musik der anderen Konfession schlimmstes Gift, wurde radikal abgelehnt.“ Ab Anfang des 18. Jahrhunderts hätten sich die Evangelischen auch in Isny der katholischen Musik geöffnet und einige von deren Kompositionen angeschafft. „Und nur dank des evangelischen Archivs sind sie auch erhalten geblieben“, unterstreicht Büchele. Von katholischer Seite habe die ökumenische Öffnung allerdings noch lange auf sich warten lassen.

Besondere Raritäten

Eine besondere Rarität seien zum Beispiel die Messen Opus 8 und Opus 24 des katholischen Isnyer Bäckermeisters, Lithographen und Komponisten Josef Anton Weißenbach. Dank des evangelischen Archivs seien wenigstens diese beiden Werke erhalten. Dem Programmheft mit wiederentdeckten Kompositionen von Martin Luther, Christoph Weberbeck, David Ornenberg, Valentin Ratgeber, Wolfgang Amadeus Mozart, Weißenbach, J. Georg Wernhammer und Friedrich Silcher, das beim Konzert für zwei Euro erworben werden kann, ist auf zehn Seiten die von Büchele aufgearbeitete Isnyer Musikgeschichte angefügt.

Als der Dirigent die Idee und dieses einmalige Programm mit seinen Wiederentdeckungen seiner Chorgemeinschaft vorstellte, so erzählt Büchele, hätten alle sofort eingewilligt. Und dann seien die Kirchenchöre beider Konfessionen, der Posaunenchor, Solisten, Instrumentalisten und Mitglieder der Stadtkapelle ins Boot geholt worden. „Der Konzertabschluss wird dann der Auftritt von 140 Sängern und Instrumentalisten sein – für Isny ein epochales Ereignis“, ist Büchele überzeugt.

Standardwerke könne man überall und jederzeit hören. Dieses Konzert jedoch, mit ausschließlich Isnyer Literatur und weitgehend Isnyer Besetzung am Samstag in St. Nikolai, werde einzigartig: „Den Besucher erwartet wohltuende Kirchenmusik, barock, klassisch, gefällig, eingängig und manches sogar in der Art der ganz großen und weltbekannten Komponisten“, verspricht Büchele. Er kann das beurteilen.

Das Konzert beginnt am Samstag, 20. Mai, um 19.30 in der Nikolaikirche. Eintrittskarten für zwölf Euro gibt es ausschließlich an der Abendkasse, und auch das Programmheft für zwei Euro.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen