Ein Abend voller Poesie auf engstem Raum

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Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Ein Abend voller Poesie, voller Zaubertricks und voller artistischer Bravourstücke. Inszeniert auf einer Bühne in Gestalt eines beengten Gehäuses, das zu erstaunlich vielen Wandlungen fähig ist. Bewerkstelligt hat dies das Atelier Lefeuvre & André am Donnerstag beim Isnyer Theaterfestival. Ihr Programm „8m3“ sagt vorderhand nicht viel aus, außer dass sich ihre wortlose Inszenierung in acht Kubikmetern spielt. Doch ist sie viel mehr als das.

Nonsense, der keiner sein will

Eine Bretterbude würde man dieses Gehäuse schlichtweg nennen. Einfach zusammen gezimmert, drinnen ein Fernseher, ein Tisch, ein Stuhl. Über den Bildschirm flackern in voller Lautstärke Filmausschnitte aus „La Piste aux étoiles“, einem Zirkusspektakel aus den 1950er Jahren. Zu sehen ist noch niemand, stehen die französischen Akteure Jean-Paul Lefeuvre und Didier André außerhalb der Bühne und schauen zu. Ihr Auftritt ist ein unspektakulärer. Zugleich aber ein überaus spannungsreicher, der seine Energie aus einer wortlosen Mimik bezieht, und dem Prinzip, mit scheinbar wenig Aufwand größtmögliche Effekte zu erzielen. Sobald sich Didier André in diesen Raum begibt, bricht er den Film immer wieder ab und startet von vorn. Das Publikum lacht, spendet Applaus für eben diesen Nonsense, der nicht wirklich einer ist. Alles scheint en passant zu geschehen, denn Jongleur André ist in seinem Wohnwagen allein zurück geblieben und blickt auf sein Künstlerleben zurück. Traurig wirkt er und auch wieder nicht, wenn er Flaschendeckel oder rot leuchtende Kugeln in allen erdenklichen Körperöffnungen verschwinden lässt. Er vor dem Fernseher mit einem Kegel jonglierenden Paar wie wild die Arme mit bewegt, ist das zum Lachen komisch und doch so lebensecht. Kaum halten konnten sich Zuschauer, als er sich den Fernseher überstülpte und ein absurdes Spiel zwischen Mensch und Bild begann. Zu Jacques Brels vor Tragik triefenden „Laat me niet alleen“ biegt und zieht er seine Finger ins Abnorme. Zum Glück bleibt der Daumen dran.

Äußerst elegant und humorvoll

Nach der Pause, für die er sein „Chez Moi Circus“ kurzerhand in eine Bar verwandelte, eroberte sich Jean-Paul Lefeuvre den Raum. Mit einem Stapel simpler Holzkisten imitiert er zu lautem Motorengeräusch sein „Ni Omnibus“. Der hängt in einer Warteschleife und so kommt er auf alle möglichen absurden Ideen, was sich mit den Kisten akrobatisch treiben lässt. Alle ineinander gesteckt und quer gehalten mit ausgestreckten Armen, wer käme schon auf ein solches Wagnis. Oder auf einem gespannten Seil mitsamt Kiste zu balancieren in gebückter Haltung, stößt sich Lefeuvre doch ständig den Kopf am Dach. Mittlerweile hat er sich von seiner Kleidung bis auf die Unterhose befreit. Dass er noch die Brille auf der Nase hat bei alledem, erzeugt weitere skurrile Momente des Staunens. Durchgehend rattert der Motor zur dröhnenden Musik aus dem Radio. Was ihn nicht davon abhält, an einer Vertikalstange freischwebende Drehungen und Wendungen in absoluter Enge zu vollführen. Äußerste Eleganz ist gepaart mit äußerst Humorvollem, wenn Lefeuvre auf einer abgesägten Leiter ein wagemutiges Tänzchen balanciert. Wie ein doch so kleiner Raum die Plattform zu circensischen Abenteuern bietet, gelang den beiden Künstlern mit umwerfendem Charme.

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