„Die Politik lässt Urlauber im Regen stehen“

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 Ein Bild, das der Vergangenheit angehört: Der insolvente deutsche Reiseveranstalter Thomas Cook hat schon gebuchte Reisen für d
Ein Bild, das der Vergangenheit angehört: Der insolvente deutsche Reiseveranstalter Thomas Cook hat schon gebuchte Reisen für das Jahr 2020 abgesagt. (Foto: Eurokinissi/dpa)
Tanja Kulmus

Nicht nur Reisenden, die eine Thomas-Cook-Reise gebucht hatten, dürfte die Zeit zwischen 22. und 25. September 2019 in Erinnerung bleiben. Auch für die Isnyer Reisebüros bedeuteten diese Tage und die darauffolgenden Wochen unnötigen Mehraufwand. Und der Ausnahmezustand hält an: Mitte vergangener Woche sagte Thomas Cook Deutschland alle Reisen für 2020 ab.

Rückblick – Montag, 23. September: Ab 8 Uhr versuchen Walter Schaffer und sein Team im Reisebüro am Wassertor über sämtliche Kommunikationskanäle „ihre“ Reisenden zu kontaktieren: „Über SMS, E-Mail und telefonisch haben wir die Leute erreicht und konnten erste Fragen beantworten, selbst nach etwaigen Problemen fragen und die Kunden informieren“, schildert Schaffer im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ den ersten Morgen nach Bekanntgabe der Insolvenz der britischen Muttergesellschaft von Thomas Cook.

Den Urlaubern wurden sogenannte Sicherungsscheine zugesandt und mit Hotels Gespräche geführt. „In einem Fall sollte ein Paar die Kosten direkt ans Hotel bezahlen, hier haben wir dafür gesorgt, dass die Kosten unserer Reisenden möglichst gering gehalten werden konnten“, berichtet Schaffer. Auch bei Schüle Reisen standen verunsicherte Kunden gleich morgens vor dem Schalter in der Bahnhofstraße, schildert Mitarbeiter Julian Scharbert die Situation.

Als unabhängige Reisebüros seien beide zum Glück nicht allzu sehr betroffen gewesen: „Wir haben das Verständnis der Urlauber uns gegenüber sehr geschätzt“, erzählt eine Mitarbeiterin, an ihnen sei kein Frust ausgelassen worden. Im Gegenteil: Die Kunden hätten ihnen erneut das Vertrauen geschenkt und eine neue Reise wieder über sie gebucht, nachdem festgestanden habe, dass die geplante Reise mit Thomas Cook nicht durchgeführt werden konnte. Alle Kunden hätten außerordentlich kooperativ und besonnen reagiert.

Auch die Organisation der Rückkehr aus den Urlaubsdestinationen sei „relativ glimpflich“ vonstatten gegangen. Walter Schaffer schätzt, dass das bei rund 95 Prozent aller deutschen Urlauber gut funktioniert habe, was insbesondere freiwilligen Rückführungen der Fluggesellschaft Condor und anderer Veranstalter zu verdanken gewesen sei, die gestrandete Urlauber kostenfrei zurückflogen.

Schwieriger seien aktuell aber jene Fälle zu lösen, wo die Reise erst im nächsten Jahr angetreten werden sollte. „Da sind wir gerade auf dem Wartestuhl und müssen sehen was passiert“, erklärt Julian Scharbert, das sei lästig und wenig hilfreich bei der Beratung der Kunden.

Was in den Isnyer Reisebüros allerdings für besonderen Ärger sorgt ist, dass die Politik mit bestimmten Maßnahmen vorab hätte gegensteuern können. Sie könne zwar keine Insolvenz vermeiden, aber die Verbraucher im Schadensfalle besser schützen: „Da hat unsere Bundesregierung einfach geschlafen“, empört sich Schaffer. Eine Insolvenzversicherung sei 1994 auf 110 Millionen Euro dotiert worden, um Reisenden im Falle einer Insolvenz die entstandenen Kosten – von der geleisteten An- und Restzahlung bis zum gesicherten Rücktransport – wieder zurückzuerstatten. Doch sei die Versicherungssumme nie angepasst worden, im Fall der Thomas-Cook-Pleite wird ein Schadensbetrag von 400 bis 500 Millionen Euro erwartet.

Für die Urlauber bedeute dies, dass nur ein Bruchteil erstattet werden dürfte. Ein Vorstoß von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Pauschalreisende gegen Insolvenzen besser abzusichern, habe im Tourismusausschuss leider keine Mehrheit gefunden. Die Antragsteller hatten im März 2019 eine Erhöhung der Summe auf 300 Millionen Euro gefordert, Ende September wurde der Antrag abgelehnt – fast zeitgleich mit der Bekanntgabe der Thomas-Cook-Pleite.

Zwar hätte die Summe für diesen Fall auch nicht ausgereicht, wäre aber ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. Und auch dass Hoteliers und Leistungsträger in den Zielländern nun auf ihren Kosten sitzen bleiben und ihr teilweise monatelang vorgestrecktes Geld wohl nie mehr wiedersehen „sei einfach nicht hinnehmbar“, sagt Schaffer. Die Ausfälle in den Urlaubsgebieten würden auf circa eine Milliarde Euro geschätzt, auch hier gebe es keine Maßnahmen, die Leidtragenden zu schützen.

Ein neues Pauschalreiserichtliniengesetz vom 1. Juli 2018 besagt, dass eine Buchung erst als Pauschalreise gilt, wenn das Paket mindestens zwei Reiseleistungen beinhalten. Das habe viel Bürokratie mit sich gebracht und sei ebenfalls eher verbraucherunfreundlich, heißt es in den Isnyer Reisebüros. Denn Urlauber, die ihre Hotels und Flüge separat buchen, gehen im Schadensfall leer aus.

Am härtesten würden jedoch jene Kunden getroffen, die ihre Reise gebucht und bezahlt haben, jedoch diese aufgrund der Insolvenz nicht antreten konnten. Das bezahle keine Versicherung, und die Leute blieben auf ihren Kosten sitzen und hätten keinen Tag Urlaub gehabt. „Unsere Bundesregierung lässt die Reisenden hier kräftig im Regen stehen“, sagt Schaffer.

Einhellige Meinung in den Reisebüros: Die Pauschalreiserichtlinien müssten nochmals überarbeitet werden, auch andere Lösungen für Versicherungen seien denkbar. So gebe es in EU-Nachbarländern beispielsweise Fondslösungen, in denen die Kundengelder oft besser geschützt seien als in Deutschland, was für die deutschen Urlauber als Reiseweltmeister so nicht hingenommen werden könne.

Wie geht es aus der Sicht der Isnyer Reisebüros weiter? „Die Tourismuslandschaft wird sich verändern und die Karten bei den Veranstaltern werden neu gemischt“, lautet das einhellige Resümee. Schon jetzt sei ein Kampf unter den Veranstaltern um die frei gewordenen Marktanteile in der Tourismusbranche zu beobachten, es bleibe abzuwarten, wer hier die Nase vorn hat.

Und Walter Schaffer schätzt vorsichtig, dass wohl erst in drei bis sechs Monaten feststehen werde, wie hoch die Kosten der Ausfälle letztlich sind und wann und wie viel die Leute von ihrem Geld überhaupt wiedersehen.

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