Die Kinder der Müllsammler und Straßenkehrer

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Die Stimme von Heike Maurus bebt hörbar, wenn sie von einer TV-Dokumentation erzählt, die sie erst am vergangenen ersten Adventssonntag auf „Phoenix“ gesehen hat: „Es ging um Tagelöhner in einem Steinbruch in Indien, die Marmor abbauen, der zu Granulat verarbeitet wird; um Frauen, die Säcke schleppen, ich schätze um die 50 Kilo schwer – Knochenarbeit, Staub, Dreck. Die Menschen verdienen 200 Rupien am Tag, wovon sie auch noch die Busfahrkarte zur Arbeit bezahlen müssen – 800 Rupien sind etwa zehn Euro, da kann man sich den Stundenlohn ausrechnen.“

Aus dem Marmorgranulat werde Pulver gewonnen, das Pharmafirmen in den Industrieländern etwa für Calcium-Tabletten verwenden. Etwas gröberer Marmor sei hierzulande beispielsweise in Baumärkten zu finden: „Steinchen für Aquarien, billiges Zeug“, sagt Maurus. Die Dokumentation habe sie deshalb berührt, weil sie wieder einmal die Not im indischen Bundesstaat Jaipur vor Augen führte. Dort ist ihre Hilfsorganisation „Ccara e.V.“ ebenfalls tätig, die Maurus mit ihrem Mann und anderen Gleichgesinnten aus Isny und der Umgebung vor über einem Jahrzehnt ins Leben gerufen hat. Die Abkürzung steht für „Charitable Child Assistance Relief and Accommodation“.

Die unterste soziale Stufe

In einem Slum in Jaipur kümmert sich „Ccara“ um Kinder anderer Tagelöhner, jene aus der Kaste der „Harijans“, der Müllsammler und Straßenkehrer. Selbst in Slums, wo über 80 Prozent der Menschen Analphabeten sind, stehen sie auf der untersten sozialen Stufe, haben keinerlei Bildung. Wenn sie Menschen höherer Kasten begegnen, sind sie angehalten, die Straßenseite zu wechseln. Andere Menschen wenden den Blick ab von den „Harijans“, weil sie im Dreck arbeiten. „Mit bloßen Händen und – wenn sie Glück haben – Flip-Flops an den Füßen“, erzählt Heike Maurus im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“.

Für diese Menschen gehe es Tag für Tag einzig „ums nackte Überleben“, indem sie Müll auf öffentlichen Plätzen oder an Bushaltestellen zusammenkehren und mit Handkarren an Sammelstellen bringen, wofür sie ein paar Rupien bekommen. Die Kinder müssen mithelfen, sonst kommen die Familien nicht über die Runden. Sie sortieren noch verwertbare Dinge aus dem Kehricht oder sammeln sie selbst – Plastiktüten oder -flaschen, Glas, Zeitungspapier. Einen Schulbesuch der Kinder können sich „Harijans“ nicht leisten.

Hier setzt die Hilfe von „Ccara“ an: „Bildung als Schlüssel für eine bessere Zukunft“, lautet das Credo der Allgäuer Hilfsorganisation. „Wenn die Kinder rechnen, lesen und schreiben können und einen Schulabschluss schaffen, dann ist der erste, erfolgversprechende Schritt aus der Armut getan“, weiß Heike Maurus. Seit Jahren reist sie mit Unterstützern immer wieder nach Indien, um sich selbst von den Erfolgen zu überzeugen, die ihr Engagement zeitigt. Oder um neue Probleme kennenzulernen und für sie eine Lösung zu finden.

In einem Slum in Jaipur hat sie mit Projektleitern und Helfern vor Ort eine Schule gegründet. Vergangenes Jahr unterstützte die SZ-Weihnachtsaktion „Helfen macht Freude“ zum ersten Mal den „Ccara e.V.“, rund 2550 Euro kamen zusammen. „Weil wir der Slum-Schule noch nicht regelmäßig Mittel zur Verfügung stellen können, hat die Spende ein halbes Jahr der Arbeit dort gut abgedeckt, wir sind gut über die Runden gekommen und konnten einige Kinder sogar neu einschulen“, blickt Maurus freudig zurück.

Auch der anteilige Betrag, den SZ-Leser dieses Jahr aufbringen, um Fluchtursachen wie Armut zu lindern, soll wieder der Slum-Schule zugute kommen: „Er wäre die Basis für 67 Kinder, die aktuell zwei engagierte Lehrerinnen in zwei Klassen unterrichten“, sagt Maurus. Eine der beiden Pädagoginnen sei selbst in einem Slum aufgewachsen und ein gutes Beispiel für den Hilfsansatz von „Ccara“: „Sie weiß, worum es uns geht, sie kann den Eltern vermitteln, wie wichtig es ist, dass die Kinder was lernen.“

Neben dem Unterricht bekommen die Kinder in der Slum-Schule zu essen. „Das ist neben der Aussicht auf Bildung ein weiteres, wichtiges Argument gegenüber den Eltern, um sie vom Schulbesuch zu überzeugen.“ Nicht ganz einfach, denn wenn die Kinder in der Schule sind, können sie keinen Müll sammeln und nicht zum Familienunterhalt beitragen. Andererseits haben sie schon gegessen, wenn sie nach Hause kommen, diese Sorge sind die Eltern los. Wobei: Von „Zuhause“ kann keine Rede sein. Oft leben Mütter allein mit ihren Kindern, in Wellblechverschlägen, unter Pappkartons, in Hauseingängen oder anderen Winkeln.

Dieser Tage hat Heike Maurus ihren „Ccara“-Weihnachtsbrief verschickt. Mehrmals im Jahr wirbt sie aufs Neue um Unterstützung und legt genauso Rechenschaft ab, was mit Spendengeldern geschieht. Auch schicken Kinder aus Indien, für die Menschen in Deutschland eine „Ccara“-Bildungspatenschaft übernommen haben, selbst gemalte Bilder und Fotos von sich und schreiben Briefe als Beleg dafür, dass sie lesen und schreiben können.

Heike Maurus, ihr Mann und weitere Unterstützer haben mehrere Projekte in Indien initiiert, zuletzt auch im westafrikanischen Mali. Die Slum-Schule in Jaipur ist nur eines davon. Spenden die SZ-Leser auch heuer so großzügig wie zu Weihnachten 2017, soll ein neuer Anlauf genommen werden für eine Hausaufgabenbetreuung der Slum-Kinder. „Wir hatten damit schon mal angefangen, aber als Problem stellte sich heraus, dass Leute, die wir dafür bräuchten, nicht gerne in den Slum gehen – und Frauen sind nach Einbruch der Dunkelheit dort schon gar nicht gerne oder gefahrlos unterwegs“, schildert Maurus.

Rückschläge können die engagierte Neutrauchburgerin nicht von ihrem Engagement abhalten: „Wir sind für die Spenden aus der SZ-Weihnachtsaktion sehr dankbar, sie sichern ein halbes Jahr, in dem die Schule weitergehen kann – und wenn es uns gelingt, die Abendbetreuung wieder aufzubauen, wären nicht nur unsere 67 Kinder versorgt, sondern es wäre weitere Hilfe für noch einmal 20 Kinder mehr möglich – wenngleich die Warteliste lang ist und unsere Räumlichkeiten begrenzt sind.“

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