Die Bösen bekommen den Rand nicht voll

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Babette Caesar

Was hat sich Heinrich Hoffmann bloß dabei gedacht, als er die gruseligen „Struwwelpeter“-Geschichten seinem dreijährigen Sohn als Geschenk unter den Weihnachtsbaum legte. 1844 war das. Was sich das Lüneburger Schauspielensemble zusammen mit der Band „Die Böhzen Buben“ bei ihrer Inszenierung des beliebten Stoffes gedacht hat, konnten die Besucher am Mittwoch beim Isnyer Theaterfestival miterleben. Es war der Theaterabend und der bot eine geballte Ladung aus Junk-Oper und blutigem Ernst.

„Nichts für schwache Nerven!“, stand als Vorwarnung im Programmheft. Und ja, es hat der eine oder andere Besucher die rund einstündige Vorstellung mittendrin verlassen. Denn spätestens nach der Hälfte der Spieldauer floss das Kunstblut. Wo doch alles so freundlich begann. Drei zuckersüße Engelchen, verkörpert von Calvin-Noel Auer, Dominik Semrau und Till Krüger, ließen ihre Ärmchen flattern, während sich das Zelt langsam füllte. Mit „Struwwelpeter“ habe das Programmteam wieder ein Stück gefunden, das gut in das Zelt passe, schickte Thomas R. Huber voraus. Auch mit Blick auf das nachfolgende Konzert mit Rainer von Vielen als „abseitiges Crossover“. Hoffmanns Kinderbuch habe viele Generationen nachhaltig traumatisiert. Dass dies auch der Fall am Abend eintreten könnte, schien eher nicht so zu sein. Für den Auftritt mit den Schauspielern Philip Richert und Gregor Müller als Sänger und Erzähler in punkrockiger Aufmachung gab es minutenlange Standing Ovations, so dass die Show ohne Zugabe nicht zu Ende ging.

Grandiose Bühnentiere

Wenn die Kinder artig sind, immer brav ihre Suppe essen und spielen, ja dann. Wenn sie aber immer schreien, ihre Geschwister beißen, Hemd und Hose zerreißen, dann sind sie nicht gut genug für das schöne Bilderbuch, lauteten Liedzeilen zu Beginn des Stückes. Richert und Müller sind die Bühnentiere des Abends mit weiß geschminkten Gesichtern und rot unterlaufenen Augen. Sie markieren das Böse an sich, während die netten Engelchen zu grausamen Handlagern werden. Aus überweitem Rock schlüpfen die Kinderlein der Struwwelpeter-Band mit Drummer Henning Thomsen, Bassist Robert Schulz und Keyboarder Benjamin Albrecht. Und Struwwelpeter selbst als riesige Stoffpuppe hoch oben aufgehängt am Zeltgerüst. Mulmig wird es einem dabei jetzt schon. Doch sogleich verkehrt sich die Situation wieder ins Absurde, wenn ihr „Suppenkaspar“ in einer überdimensionalen aufblasbaren Montage à la Michelin-Männchen über die Bühne walzt und die Luft ablässt. Aus diesen krassen Wechseln zwischen bodenlosem Junk und tierischem Ernst bezieht die Inszenierung ihre Energie. Im Theater Lüneburg ist sie seit Jahren Kult und in Isny spürte man die Lust des Ensembles, sich hier zu verausgaben.

Wenn des Schneiders Schere naht

Gregor Müller als Daumenlutscher Konrad, dem „Frau Mama“ mit dem Schneider und der großen Schere zu Leibe rückt. Zwei Bockwürste ragen aus Müllers Händen empor und man ahnt es schon, dass es nicht gut ausgehen wird. Spätestens dann, als das Kunstblut bis in die vordersten Reihen spritzte. Was Müllers rabiates Pendant nicht davon abhielt, die abgeschnittenen Wurstenden zu verzehren. Bis hierhin hatten auch die drei Engel schon einiges an Brutalitäten aushalten müssen. Denn, wie jeder weiß, gehen die Geschichten vom „Friederich, dem argen Wüterich“, vom „Paulinchen“, das mit dem Feuerzeug spielt, und vom „Zappel-Philip, den Henning Thomsen als ADHS-Kind gibt, nicht gut aus. Der Hype an dieser Inszenierung ist der Mix aus Schauspiel, Punk-Music und British Humor, der stellenweise auf Shakespeare zurückgreift und an Auftritte der legendären Tiger Lillies erinnern mag.

Staunend zeigten sich Besucher angesichts der Szene mit dem „Fliegenden Robert“, den Gregor Müller mit Hut am Angelhaken abhebend in die Lüfte mimt. Drastischer dagegen zur singenden Säge die Geschichte von den „schwarzen Buben“ mit eindeutig politisch-kakophonischer Botschaft in Richtung Nationalsozialismus und Wodka-Jubel-Runde für alle.

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