Dialektrock: ein Spagat zwischen Wacken und Jürgen Drews

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 Leadsänger Florian Pfisterer aus Isny mit Gitarre und „Quetschn“-Spieler Florian Pledl aus Kollnburg am Fuße des Bayerischen Wa
Leadsänger Florian Pfisterer aus Isny mit Gitarre und „Quetschn“-Spieler Florian Pledl aus Kollnburg am Fuße des Bayerischen Waldes beim „Wacken“-Open-Air. Am Wochenende tauschen sie die große gegen eine kleine Bühne, jene in Urlau. (Foto: Stefan Zeitler)
Schwäbische Zeitung

Hiesige Kenner der härteren, dialektbasierten Rockmusik dürfen sich freuen: Im historischen Gasthof Hirsch in Urlau geben sich am Freitag, 16. November, „Da Rocka & da Waitler“ die Ehre. 50 Prozent der Musik kommen aus dem Allgäu, von Florian Pfisterer aus Isny, dem „Rocka“. Akkordeonist Florian Pledl, „da Waitler“, leitet seinen Künstlernamen von den „Ureinwohnern“ seiner Heimat ab, dem „Woid“, womit der Bayerische Wald gemeint ist. Seit sich das Duo 2012 zusammengetan hat, nimmt die Karriere immer mehr Fahrt auf: als Vorband von „Status Quo“ und „Uriah Heep“, vier Auftritten allein 2015 beim legendären „Wacken“-Festival, wohin die Südlichter in den Folgejahren wieder eingeladen wurden. Mit Gitarrist und Leadsänger Pfisterer hat sich SZ-Redakteur Tobias Schumacher unterhalten.

Florian, Stichwort Wacken - wie fühlt man sich als „Süddeutsches Mundart-Duo“ inmitten von 100 000 Heavy-Metal-Fans in Norddeutschland?

Florian Pfisterer: Wir waren dieses Jahr schon zum dritten Mal in Wacken, und wir fühlen uns da schon wie zu Hause. Natürlich sind wir irgendwie Exoten, eine Lederhosn und ein Akkordeon, das Heavy-Metal-Songs spielt, ist für viele Wacken-Besucher etwas, was sie so noch nie gesehen haben. Das Festival ist aber ein absoluter Schmelztiegel der Kulturen. Man trifft dort Menschen aus der ganzen Welt – Brasilien, USA, Schweden, Frankreich, sogar einen Koreaner haben wir kennengelernt. Deshalb waren auch sehr viele Menschen aus Süddeutschland bei unseren Auftritten und haben mit uns gefeiert. Sie fühlen sich wohl alle von Waitlers Lederhosn magisch angezogen (grinst).

Wie kam’s zu Eurem ersten Engagement in Wacken?

Das war ein absolut glücklicher Zufall. Holger Hübner, Chef des Wacken-Festivals, wurde ein „Youtube“-Video von uns zugespielt. Was viele nicht wissen: Hübner ist ein absoluter Fan der bayrischen Lebensart. Er hat eine Lederhose und besucht jährlich die Wiesn. Dementsprechend hat ihm unser Sound, diese Kobination aus Akkordeon und Rocksound, und unsere Art einfach gefallen, und wir wurden nach Wacken eingeladen.

Und man hat Euch dieses Jahr wieder verpflichtet...

...es hat einfach funktioniert. Die Leute hatten Spaß mit unserer Musik und unseren Auftritten, es war einfach jedes Mal eine große Party. Außerdem haben wir uns mit den Mädels und Jungs im hohen Norden sehr gut verstanden und uns anständig aufgeführt. Wir konnten auch nicht so viel trinken, denn da oben gibt’s nur Becks-Bier (lacht).

Die gleiche Frage zum „ZDF-Fernsehgarten“: Auch dort seid Ihr schon öfter aufgetreten – wie schafft man das?

Der ZDF-Fernsehgarten war wirklich absolutes Kontrastprogramm! Unser erster Auftritt dort fand an einem Sonntag statt, in den vier Tagen direkt davor waren wir in Wacken. Wir waren also noch in diesem Festivalmodus: Dosenbier, Dixie-Klos und so weiter... Und auf einmal steht Jürgen Drews vor dir. Wir wurden zum „Oktoberfest-Fernsehgarten“ eingeladen, weil unser Song „Gehma steil!“ in Österreich und Deutschland zu einem Après-Ski-Party-Hit herangewachsen war. Außerdem haben wir vor vielen Jahren mit unserem Song „Wenn die Welt heut’ untergeht“ in München den Wettbewerb einer Boulevardzeitung mit dem Titel „TZ-Wiesnhit“ gewonnen – das war für das ZDF Anlass, uns zum Thema Oktoberfest einzuladen.

Unlängst wart Ihr außerdem mit dem österreichischen Duo „Seiler & Speer“ auf Tour: Was gibt’s darüber zu erzählen?

Wir durften die beiden Herren auf ihrer Deutschlandtour für vier Shows in Berlin, Hamburg, Köln und Benediktbeuren begleiten – und es war einfach nur großartig! Wir sind selbst große Fans von „S&S“, deshalb war das für uns ein absolutes Highlight. Die Konzerte waren dann auch wirklich einmalig – die Fans von „S&S“ haben uns mit offenen Armen und großem Applaus begrüßt. Unser Stil ist ja schon irgendwie artverwandt. „S&S“ wird aber auch oft auf den großen Hit „Ham kummst“ reduziert – musikalisch sind die beiden aber wirklich allererste Sahne: Richtig schöner Austro-Pop mit sehr aussagekräftigen und intelligenten Texten.

Wann ist von „Da Rocka & da Waitler“ eine „Hymne“ wie „Ham kummst“ zu erwarten?

Wir haben eigentlich schon viele richtig gute Hymnen mit Hit-Potenzial, aber kommerziellen Erfolg kann man einfach nicht planen. „S&S“ wurden von dem großen Erfolg des Songs auch überrascht. Christopher Seiler hat mir zum Beispiel erzählt, dass die Radiostationen den Song anfangs auch überhaupt nicht spielen wollten. Als es dann ein großer Hit auf „Youtube“ wurde, kamen sie nicht mehr dran vorbei. Mit „Gehma steil!“ haben wir selber schon einen „Semi-Hit“, aber leider hat das Video noch nicht diese Dynamik angenommen. Deshalb machen wir einfach weiter, schreiben Songs, die uns gefallen, und dann schauen wir mal, ob irgendwann ein so großer kommerzieller Erfolg rausspringt...

...oder ist das gar nicht so erstrebenswert?

Klar wünscht man sich so einen Erfolg, aber man kann es leider nicht planen. Entscheidend ist für uns, gute Songs zu schreiben. Ob das dann ein kommerzieller Erfolg wird, hängt von unglaublich vielen kleinen Faktoren ab.

Wie bewältigt Ihr einen solchen Spagat zwischen Wacken, Mainz und dem Hirsch in Urlau?

Wacken und Mainz sind absolute Ausnahme- beziehungsweise Glücksfälle und nicht unser Alltag. Der findet in Clubs mit einer Kapazität von 200 bis 300 Leuten statt. Wenn 200 Leute kommen, sind wir sehr glücklich, denn diese Leute sind „nur“ wegen uns da. Wir wissen also schon, wo wir stehen und können die oben genannten Glücksfälle sehr gut einordnen.

Fühlt Ihr Euch auf solchen, eher kleineren Konzerten „wohler“ – oder seid Ihr lieber die „Rampensäue“ in der großen Manege?

Wir lieben einfach die Bühne – ob da jetzt 10 000 stehen oder zehn. Jeder, der schon mal bei einem Konzert von uns war, weiß, dass wir immer alles geben und mit ganzem Herz auf der Bühne stehen. „Kleinere Konzerte“ sind oftmals viel geiler, weil die Leute eben nur wegen uns da sind: Sie kennen die Lieder, können mitsingen – das ist schon ein Wahnsinnsgefühl und auch der Grund dafür, warum wir eigene Sachen schreiben und veröffentlichen.

Kannst Du Eure Musik für Leute charakterisieren, die Euch noch nie gehört haben?

Wir nennen unseren Stil „Quetschn-Crossover“ – Quetschn ist Bayerisch für Akkordeon, nur zur Erklärung (lacht). Im Großen uns Ganzen kann man es als Rock-Pop mit allgäuerisch-bayrischen Texten beschreiben. Live spielen wir auch einige Cover-Songs in unserem ganz eigenen Stil, und bieten zudem etwas Kabarett oder Comedy. Also eigentlich ist für jeden was dabei.

Warum spielt Ihr im Hirsch in Urlau und nicht mal wieder ein „Heimspiel“ in Isny?

Wir waren in den letzten beiden Jahren zweimal im Eberz in Isny. Das waren sehr coole Auftritte, vor vielen bekannten Gesichtern. Nun wollten wir fürs Allgäu einfach mal wieder etwas anderes, ein neues Ambiente und Flair. Ich denke, diese Abwechslung ist für alle wichtig, für uns als Künstler und für die Konzertbesucher. Wir mussten auch etwas finden wo ein paar mehr Leute reinpassen. Leider gibt es in Isny neben dem Eberz keinen wirklichen Platz für Konzerte oder Kultur. Das finde ich sehr schade. Ich erinnere mich noch an die geilen Festivals und Konzerte im alten Ringtheater. Das vermisse ich wirklich sehr – so eine Location, in der alles stattfinden kann, von Kleinkunst bis hin zum Rockkonzert. Isny boomt, der Marktplatz wird umgebaut, der neue „Center Parcs“-Ferienpark zieht Leute ins Allgäu, aber wir Isnyer schaffen es seit 25 Jahren nicht, ein Kulturzentrum oder etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen? Herr Bürgermeister, wir müssen reden (schmunzelt).

Wie geht’s bei „Da Rocka & da Waitler“ weiter?

Im Dezember werden wir ein neues Video veröffentlichen. Der Song heißt „Macht’s Musik, koan Krieg!“ und ist ausnahmsweise ein ruhiger Song mit ernster, wichtiger Message. Abgesehen davon sind wir gerade mitten im Songwriting für unser nächstes Album. Wir wollen unseren Sound noch verbessern und noch cooler gestalten. Es macht Spaß, und wir freuen uns, bald wieder ins Studio gehen zu dürfen und unsere neue Scheibe aufzunehmen.

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