Dethleffs-Einblicke in den „EHG-Thor-Deal“

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Vorstandschef Martin Brandt hat am 3. November in einem Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ ausführlich die Hintergründe des Verkaufs von Europas größtem Wohnmobil- und Caravanhersteller, der Erwin-Hymer-Group (EHG), an den nordamerikanischen Marktführer „Thor Industries“ geschildert. Zahlreiche Gäste des Unternehmerstammtischs von „Isny Aktiv“ waren schon seit Anfang Oktober in viele Details eingeweiht.

Dethleffs, das als eigenständiger Reisemobil- und Caravan-Hersteller zur EHG gehört, hatte kurzfristig zu einem Abend im firmeneigenen Ausstellungszentrum eingeladen. Einmal, damit Geschäftsführer Alexander Leopold über den aufsehenerregenden Milliarden-Deal berichten konnte, zudem über aktuelle Dethleffs-Erfolge und die Standortentwicklung in Isny.

Zum Zweiten, damit Mit-Gastgeber Alexander Kastl, Geschäftsführer der „Rental Alliance GmbH“, die Struktur und Entwicklung dieser Dethleffs- und somit auch EHG-Tochter skizzieren konnte. Bekannt sei in Isny vielleicht das Logo der zugehörigen Marke „McRent“ am Gebäude neben dem Kreisel im Achener Weg, sagte Kastl. Aber nicht, dass sich am Standort „Isny die größte Wohnmobil-Vermietung Europas etabliert hat“, bei der „alle Marken der Erwin-Hymer-Group“ gebucht werden können.

Mit 30 Mitarbeitern betreut Kastl von Isny aus aktuell in 18 Ländern 92 Stationen der Rental Alliance, wo Urlauber Mietmobile bekommen, sowie 150 Reisebüros weltweit. Der Service umfasse neben Finanzbuchhaltung, Controlling und Werbung vor allem die Online-Aktivitäten, die Allgäuer administrierten beispielsweise allein 17 Websites in der jeweiligen Landessprache.

Die Dimension einer einzelnen Station wiederum verdeutlichte Kastl anhand der Neugründung 2017 in Neuseeland, wo 70 Fahrzeuge rollen. „In Isny könnten wir jedes Jahr 100 Fahrzeuge vermieten, wir haben ein riesen Einzugsgebiet“, berichtete er von Interessenten selbst aus Norddeutschland oder der Westschweiz, die nach Isny kommen. Hier sind aktuell 48 Fahrzeuge verfügbar.

Begonnen habe die Rental Alli-ance 2004 mit acht Stationen und 360 Fahrzeugen in Deutschland. Zwei Jahre später, zum „Sommermärchen“ Fußball-WM seien bereits mehr als 700 Fahrzeuge unterwegs gewesen. Als kommende Märkte nannte Kastl Australien, Südafrika und Namibia. Präsent sei die Rental Alliance in nahezu ganz Europa und seit 2018 mit drei Stationen in Japan.

Zuvor hatte auch Dethleffs-Geschäftsführer Leopold Erfreuliches zu vermelden: Die neue Produktionshalle auf 11 000 Quadratmetern sei seit Mai im „Erstanlauf“, die Produktion werde „stetig hochgefahren, alles sei noch im Aufbau“, das Unternehmen habe aber „schnell in die Produktion kommen müssen, weil die Aufträge da waren“. Den „Isny-Aktiv“-Gästen breitete er die Markenpalette aus, für die in Isny Reisemobile und Caravans produziert werde: Bürstner, Pössl, Globecar, Sunlight, Carado.

Von Isny elektrisch an den Gardasee

Für Dethleffs selbst nannte er als Höhepunkte 2018 die „Weltpremiere vom E-Home Coco, dem ersten autarken, elektrischen Caravan“. Mit der Neuheit, über deren technische Finessen Leopold ausführlich referierte, reagiere das Unternehmen darauf, dass „die Branche durch die Elektromobilität verändert wird und wir gerüstet sein müssen für die Zugfahrzeuge“, die mit elektrischen Antrieben künftig Unterstützung benötigten. So sei das nächste Etappenziel ein Prototyp des „Coco“, der ohne Stopp an einer Ladestation von Isny bis zum Gardasee gelangt.

Dann ging Leopold auf die „Beweggründe“ für den 2,1 Milliarden Euro schweren „Zusammenschluss der zwei weltweit führenden Hersteller für Freizeitfahrzeuge“ ein – Thor Industries und EHG. Er betonte, dass die Initiative zur Fusion von der Familie Hymer ausgegangen sei, um ihr Unternehmen weiterzuentwickeln. Mit zuletzt über zwei Milliarden Umsatz sei die EHG so groß geworden, dass es an der Zeit gewesen sei, „die Gesellschafterstruktur zu erweitern mit Partnern, die die selben Werte vertreten“.

Vorbehaltlich der kartellrechtlichen Prüfung, die er bis Ende 2018 erwartet, sei das Ergebnis nun ein „einzigartiges Produktportfolio, konkurrenzloses Händler- und Vertriebsnetz, globale Reichweite und Fertigungsstandorte weltweit“ für beide Seiten, sagte Leopold. Ganz zu schweigen von den Chancen bei „Wissenstransfer in Forschung und Entwicklung, die finanzintensiv sind, bei Technologien, Konstruktion und Fertigung, bei Innovationen wie autonomes Fahren, vernetztes Reisen und alternativen Antrieben.“

Der weltberühmte „Airstream“ aus Aluminium

Um Thor Industries bildlicher zu charakterisieren, zeigte er Beispiele aus deren Produktpalette: riesige Truck-Zugmaschinen mit Wohnanhängern in nahezu der Größe eines Bungalows, Spezialwohnmobile mit integriertem Pferdestall, oder den „Airstream“, dank seiner vollkommen aus Aluminium gebauten Außenhülle in Zigarrenform der weltweit wohl berühmteste Wohnwagen.

„Thor“ sei übrigens kein dem nordischen Donnergott entlehnter Fantasiename, sondern setze sich zusammen aus den Nachnamen der Firmengründer Wade F. B. Thompson and Peter Busch Orthwein. Im Jahr 1980 gegründet, habe der Umsatz des Unternehmens 2017 bei 7,3 Milliarden US-Dollar gelegen, den 17 000 Mitarbeiter erwirtschafteten, wobei Thor 237 000 Fahrzeuge verkauft habe, fuhr Leopold fort. Dem stellte er die Zahlen des „Gesamtmarktes“ der Reisemobil- und Caravan-Branche in Europa gegenüber: Sämtliche Hersteller hätten hier insgesamt rund 188 000 Fahrzeuge verkauft – wobei „Dethleffs einen Rekordumsatz erzielen konnte“.

Die EHG und Thor verbänden „gemeinsame Werte: Unternehmer- und Innovationsgeist, Kundenorientierung, Qualitätsführerschaft“, sagte Leopold. Im Rahmen der Gespräche mit den Amerikanern habe er Leute kennengelernt, die „auf Augenhöhe und mit Sympathie“ operierten. Thor habe eine „dezentrale Organisationsstruktur, die Werke werden vor Ort geführt“, das Unternehmen sei eine Holding, in der die EHG künftig als eine Division gelte, die 24 Marken umfasse. Für Dethleffs bedeute dies: „Wir berichten an Vorstandschef Martin Brandt und er an Thor.“

Gefragt nach der Perspektive für Isny erklärte Leopold: „Wir sind froh, dass das so gekommen ist, in der Summe ist das eine gute Sache, in Isny haben wir eine tolle Mannschaft, motivierte Leute, ich bin zuversichtlich, dass die nächsten Jahre positiv werden.“

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