Der Storchennachwuchs trägt den Ring

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Das „Vierer-Team“ von Alt-Storchenmutter „Julia“ vor der Beringung am 12. Juni. Ein Junges hat eine Storchenpatin „Romeo“ genan
Das „Vierer-Team“ von Alt-Storchenmutter „Julia“ vor der Beringung am 12. Juni. Ein Junges hat eine Storchenpatin „Romeo“ genannt als Erinnerung an den „Gründer“ der Isnyer Storchenkolonie – und „Julias“ ersten Partner. (Foto: Ulrike Maruszczak)

Ein Video zur Beringung der Störche gibt es unter www.schwaebische.de/isnyerstoerche

Jubel bei den Isnyer Storchenfreunden: Seit Dienstag ist sicher, dass in den sieben Nestern im Stadtgebiet tatsächlich 17 Jungstörche aufwachsen. Gezählt haben diese Ulrike Maruszczak, die örtliche Betreuerin der Adebare, und Ute Reinhard, die Weißstorchbeauftragte des Regierungspräsidiums Tübingen und Storchenbetreuerin in Oberschwaben. Sie legte ihnen den „Personalausweis“ an, einen Ring ums Bein. Fazit: 2018 könnte ein Rekordjahr werden. Und erstmals haben vier Jungstörche in nur einem Nest beste Chancen, flügge zu werden. „Das gab es in Isny noch nie“, freute sich Maruszczak.

Zwar waren auch 2016 in Isny 17 kleine Rotbeine geschlüpft, doch nach Spätfrost Ende Mai und einer längeren Regenperiode überlebten nur zwei. Die Diesjährigen schützt laut der beiden Expertinnen inzwischen das Gefieder, dazu seien die Wetterbedingungen vielversprechend: „Eisheilige und Schafskälte sind ausgefallen, die Chancen, dass sie durchkommen stehen gut“, sagte Reinhard.

Daumendrücken für „Peppino“

Eine „traurige Nachricht“ gab es vom Lindennest von „Peppi“ und „Henriette“ an der Rotmoosturnhalle: Noch vergangenen Sonntag seien dort zwei Jungstörche „putzmunter“ beobachtet worden, nun barg Reinhard einen tot, der zweite sei ein „Leichtgewicht und noch nicht über den Berg – wir drücken die Daumen für Peppino, unseren Kleinsten“, hoffte Maruszczak.

Die Storcheneltern hätten offenbar Probleme bei der Futtersuche, am mangelnden Angebot könne es aber nicht liegen. Auf Futtersuche hat sie heuer schon Störche bei Urlau und Rimpach beobachtet, sie flögen auch in Richtung Wangen oder Kißlegg. Trotzdem komme vor, dass sie nicht das richtige Futter finden, wie scheinbar Henriette und Peppi: „An mangelnder Fürsorge kann es jedenfalls nicht liegen, sie kümmerten sich äußerst liebevoll um den Kleinen.“

Regierungspräsidium zahlt nichts

Das Nest auf dem Rathaus ist das älteste in Isny, es existiert seit dem Jahr 2000, erstmals wurden 2002 dort zwei Jungvögel beringt. Das sollte auch 2018 wieder geschehen. Doch weil das Rathausnest mit der Drehleiter der Feuerwehr nicht angefahren werden kann, das Interesse an genau diesem Nest aber besonders groß sei – dank Webcam kann es im Internet weltweit beobachtet werden (www.isny.tv) – und weil das Regierungspräsidium Tübingen die Kosten nicht mehr übernimmt, mieteten die Isnyer Storchenfreunde am Dienstag eine Spezial-Hebebühne an.

Oben beringte Reinhard die Jungvögel. So kann die Herkunft europaweit bei späteren Beobachtungen nachvollzogen werden. Außerdem säuberte sie die Schnäbel, wog die Jungtiere und untersuchte sie: „Im Rathaus-Nest gibt es zwei Jungstörche, das Gefieder ist gut ausgebildet, sie stehen gut im Futter, es sieht gut aus für die beiden da oben“, erklärte Maruszczak gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“ und „Regio TV“. Ein Kameramann begleitete den Einsatz am Marktplatz und später auch den der Freiwilligen Feuerwehr auf dem Festplatz am Rain, den Storchenfreund Jürgen Tischer von den Floriansjüngern dieses Jahr wieder koordinierte.

Schwergewicht auf dem Rathaus

Bis auf „Peppino“ seien alle anderen Isnyer Jungstörche gut genährt, konstatierten die Storchenbetreuerinnen nach ihrer Beringungs- und Pflege-Tour. Das größte Gewicht habe mit 3,6 Kilogramm einer der beiden auf dem Rathaus an die Federwaage gebracht: „Ein stolzes Gewicht für einen Jungstorch in dem Alter.“ Das Schwergewicht hat von einer „Patentante“ den Namen „Socke“ erhalten und wird mit der Ringnummer A7M46 durchs Leben fliegen. „Auch alle anderen haben die Drei-Kilo-Marke geknackt“, fasste Maruszczak die Messungen zusammen.

Noch nicht beringt hat Reinhard die drei Jungstörche im Buchennest in der Rainstrasse, weil sie etwa zwei Wochen jünger sind. „Diese drei Jungstörche freuen sich noch über Paten“, merkte Maruszczak an. Denn gegen eine Spende ab 50 Euro aufwärts kann einem Isnyer Jungstorch ein Name gegeben werden, der auf dem Ring am Bein steht.

So heißt ein Spössling im Eichennest von Altstörchin Julia dieses Jahr „Romeo“. Die Patin will laut Maruszczak an den verstorbenen Gründer der Isnyer Kolonie erinnern, den ersten Storchenmann von Julia. Die wiederum sorgte trotz ihrer 20 Jahre für einen weiteren Rekord 2018: In ihrem Nest wachsen vier Jungstörche heran, so viele wie noch nie.

1000 Paare in Baden-Württemberg

Weißstorchbeauftragte Ute Reinhard schätzt, dass in Baden-Württemberg dieses Jahr rund 1000 Paare gebrütet haben. Um diese kümmert sie sich landesweit mit 15 Kollegen und ist seit etwa zwei Wochen in Oberschwaben unterwegs. Sie schätzt, etwa zwei Drittel beringt zu haben. Leutkirch falle dieses Jahr aus, weil nicht genug Ringe verfügbar seien, rund um Bad Wurzach ist Reinhard in den nächsten Tagen unterwegs.

Isny sei mit „sieben Nestern eine Ausnahme“, weshalb sie froh sei über die Unterstützung von Maruszczak. Ähnlich groß sei der Aufwand in Bad Saulgau und Altshausen mit jeweils sechs Nestern. Als schönste Storchenkolonie – die nicht durch Schutzmaßnahmen entstanden sei wie etwa jene am Affenberg in Salem oder die „Zweig-Kolonien“ in Frickingen und Deisendorf – nennt Reinhard den Radolfzeller Ortsteil Böhringen: „40 Paare, nicht zugefüttert, haben sich dort angesiedelt, in Bäumen, auf der Kirche – wer mal ganz viele Störche an einem Ort sehen will, sollte dort hinfahren.“

Auf die Nester in Isny hat neben den Storchenfreunden übrigens auch das Bauamt ein waches Auge: So rückt Jürgen Tischer mit Feuerwehrkameraden und Drehleiter auch aus, wenn Reparaturen an den Nisthilfen nötig sind oder deren Standfestigkeit geprüft werden muss. Laut Bauamtschef Claus Fehr erfolgt dies mindestens zweimal im Jahr, vor allem zur Sicherheit der Kinderfest-Besucher. Muss ein Storchennest erneuert werden, kostet das die Stadt laut Fehr rund 10 000 Euro. Zwei Standorte stünden aktuell besonders im Fokus.

Ein Video zur Beringung der Störche gibt es unter www.schwaebische.de/isnyerstoerche

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