Der Atem wird einem lang und länger

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Babette Caesar

Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler in nicht weniger als 14 verschiedenen Charakterrollen haben Anna Seghers Romanvorlage „Transit“ auf die Bühne im Kurhaus am Park gebracht. Im Rahmen der Kulturreihe „Zwischentoene“ gastierte das Tübinger Landestheater am Samstagabend in Isny vor vollen, in der Mehrheit von Schülern besetzten Rängen. Seghers 1944 erschienener Klassiker ist bis heute brisant. Bloß wie lässt sich der Stoff und das ewige Warten auf eine Ausreise auf der Bühne inszenieren – ein Versuch.

Mächtig wirkt das Bühnenbild, das Kathrin Krumbein unter der Regie von Akillas Karazissis entworfen hat. Es verkörpert sämtliche Stationen im besetzten Paris und dem einzig verbliebenen Überseehafen Marseille, an denen die vor den Nationalsozialisten geflüchteten Protagonisten anlanden. Die Cafés, Hotels und Konsulate, in denen die oft jahrelang auf ihre Ausreise Hoffenden verkehren. Oberhalb die Attrappe eines Luxusdampfers, der allerdings rückwärts fährt. Daneben ein allseits bekanntes Symbol aus Hammer und Faust, wohinter die Fackel der US-Freiheitsstatue durchschimmert. Den Untergang der „Montreal“, auf die es Marie (Florenze Schüssler) und der Arzt (Dennis Junge) in Richtung Mexiko geschafft haben, beschwören sie zu Beginn des zweistündigen Stücks.

„Wir finden das alles ziemlich kompliziert?“, wandte sich Jürgen Herold an das Publikum, um ihm im Stillen zuzustimmen. Worum geht es – um das Woher und Wohin, um das Verlassen sein und die Hoffnung auf einen Fetzen Geborgenheit. Als Erzähler ist Herold abwechselnd der deutsche Schriftsteller Weidel und ein gewisser Seidler, wie es in seinem Pseudo- Flüchtlingsschein steht. Ihm begegnet ihm der Kapellmeister (Nicolai Gonther), den das französische Konsulat immer wieder abblitzen lässt. Gegen Ende hatte er angeblich ein Foto zu wenig. Nur hatte er sich lediglich verzählt, woraufhin er komplett entkleidet tot zusammenbricht. Ihm, später dann als dandyhafter und Fuchsschwanz bewehrter Achselroth, und der ruhelosen Marie, die fortwährend ihren Mann Weidel zu finden versucht, fühlte man sich emotional beinahe verbunden. Sabine Weithörner als echauffierte Schauspielerin und kläffende Hundebesitzerin (was die Szenerie durchaus aufheiterte), der Arzt oder Jens Lamprecht als Paul Strobel boten weniger Angriffsfläche.

Sie kamen und gingen, traten auf und wieder ab, um die vermeintliche Sinn- und Aussichtslosigkeit des Wartens auf Befreiung ad absurdum zu führen. Sie verkörperten die Leere, in der das Warten auf nichts zur Hölle würde. Hätte man vor dem Einmarsch der Deutschen nach Frankreich im Süden noch problemlos Schiffe nach Casablanca bekommen, geht nun so gut wie nichts mehr. Erst ein Visa, dann ein Transit, eine Kaution und zum Schluss ein Visa de Sortie – „so ähnlich läuft das doch“, mutmaßt Seidler. Wenn’s denn läuft. So pendelt das Stück zwischen den verschiedenen Stationen hin und her. Trifft sich der eine mit dem anderen, verliebt sich Seidler in Marie, die aber bereits mit dem Arzt liiert ist. „Ich habe fast alles, was darin vorkommt, miterlebt. Das Buch ist in Marseille entstanden“, schreibt Anna Seghers in einem Brief, wo sie zu den Wartenden unter vornehmlich deutschen Flüchtlingen gehörte. Mochte man zu Beginn sich noch in gespannter Erwartung wähnen, ließ diese nach und nach. Bis hin zu einer entspannten Nicht-Erwartung und einer Hingabe an das, was sich gerade auf der Bühne abspielte. Sei es in Form von collagenartigen Brüchen, die das Trio aus Marie, Seidler und Arzt in absurden Tanzeinlagen vornahm, oder mit Hilfe von live zu hörenden, dissonant tönenden Schlagzeugsequenzen (Musik von Kornilios Selamsis). Nur wurde einem der Atem gen Schluss lang und länger. Dennoch viel Applaus für die wechselnden Rollenspiele des Ensembles.

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