Den Blick auf Strawalde vertiefen

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 Die Kurzführung durch die Ausstellung „Sinnbild – Bildsinn“ aus der Sammlung FriLo mit Kuratorin Elisabeth Olberz (rechts) sti
Die Kurzführung durch die Ausstellung „Sinnbild – Bildsinn“ aus der Sammlung FriLo mit Kuratorin Elisabeth Olberz (rechts) stimmt auf den Strawalde-Abend ein. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Die Unabhängige Initiative für Film und Kultur „Weiße Wand“ zeigt im Rahmen der Isnyer Ausstellung am Dienstag, 2. Oktober, um 20 Uhr im Lichtspielhaus Sohler in Wangen weitere Kurzfilme von Jürgen Böttcher.

Einen schönen, tiefgehenden Einblick hat die Städtische Galerie im Schloss Isny den Besuchern in das Leben des Malers und Regisseurs Strawalde gegeben.

Unter der Leitung von Kuratorin Elisabeth Olberz bot der Strawalde-Abend nach einer Kurzführung durch die Ausstellung „Sinnbild – Bildsinn“ aus der Isnyer Sammlung FriLo zwei Filmvorführungen im Refektorium. Hier zeigt sich Hans Jürgen Traugott Böttcher, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, von einem offenen Blick auf die Dinge.

Der Zugang zu einem Künstler, wenn man wenig über ihn wisse, sei ein schwieriger, leitete Elisabeth Olberz ihre Führung ein. Das nahm sie zum Anlass, Strawaldes Biografie in einem kurzen Abriss ins Gedächtnis zu rufen. 1931 wurde er im sächsischen Frankenberg geboren, wuchs in Strahwalde an der Oberlausitz auf. Von dort ging er 1949 nach Dresden an die Hochschule für Bildende Künste, denn er wollte Maler werden. Das sagt er im Alter von 18 Jahren mit der Zeichenmappe unter dem Arm in der anschließenden Filmdokumentation „Jürgen Böttcher – Strawalde. Mein Leben“, 2010 im Auftrag von ZDF und ARTE gedreht.

Olberz erzählte von der schwierigen Beziehung zu seinem Schüler Ralf Winkler, der als A. R. Penck im Westen Furore machte. Böttcher dagegen als Maler in der DDR an der Formalismus-Debatte in den 50er-Jahren scheiterte und 1955 an die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg wechselte. Hier begann seine zweite Karriere als erfolgreicher Regisseur von Dokumentarfilmen. Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin, gibt sich im Film beim Besuch des Karlshorster Ateliers überrascht, habe er doch nicht gewusst, dass Strawalde so male.

Von dessen Intensität bekamen die Besucher während des Rundgangs durch die Ausstellung einen Eindruck. Von seiner Naturverbundenheit in den „Nachtgewächsen“, von den vielen kleinen Dingen, die er collageartig einfügt und ein Spiel mit sich auflösenden Formen in Gang setzt. Immer wieder ist er von Menschen inspiriert, denen er im Alltag begegnet, und von denen, meist Damen, die durch Alte und Neue Meister überliefert sind.

Wie das Kochen einer Mahlzeit

Expressionistisch, abstrakt, bisweilen konkret oder naiv mutet seine Malerei an, die sich motivisch aus selbst Erlebtem speist. „Wenn ich ein Bild male, ist das wie das Kochen einer Mahlzeit“, zitiert ihn die Ausstellung mit Blick auf das Bild „Malzeit“. Und dann ist da noch die Musik, die diesen wichtigen oppositionellen Künstler der ehemaligen DDR regelrecht anturnt. Wenn er im Film in seinem weiträumigen Berliner Atelier zur Musik zu tanzen beginnt, mit Verweis auf den Rhythmus der Malstrukturen auf seinen Bildern.

Kurz eingeblendet sind Ausschnitte aus Böttchers Dokumentarfilmen „Wäscherinnen“ und „Rangierer“ als einzigartige Zeitdokumente aus den DEFA-Filmstudios. Man folgt ihm auf seiner Spurensuche in Strahwalde. Dort, wo im Krieg alles zerbombt und zerschossen war. Er mache das lustig, aber eigentlich sei ihm zum Heulen, gesteht er, um klar Position zu ziehen. Er wollte auf der Seite der Revolution sein, nicht bei den Reichen. Wirken wolle er, damit so etwas wie die DDR nicht wieder passiere.

In einem Schwenk hinüber nach Karlsruhe ins Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) kommentiert er den Film „Die Mauer“ von 1990 als politischen Landschaftsfilm, der „meditativ-verrückt“ sei. Wie alles wackle und sich auflöse von der DDR hin zum Kohlschen Wunderland habe er zeigen wollen.

Von ästhetischer Schönheit

Strawaldes Filme zeichnet eine bestechend soziale Genauigkeit und ästhetische Schönheit aus. Das zeigte sich am Beispiel des Films „Drei von vielen“ von 1961, der verboten und erst 1988 uraufgeführt wurde. Darin geht es um das Leben von drei Arbeitern aus Dresden, die sich in ihrer Freizeit als Maler und Bildhauer betätigen. Als Sprecher fungiert Manfred Krug, gegen Ende des Films betritt auch Penck kurz die Bühne.

33 Minuten lang zeichnet Regisseur und Drehbuchautor ein ruhiges Porträt dieser drei Freunde nach, von denen sich keiner als wirklicher Künstler sieht, sondern als drei von vielen Arbeitern. Auch Strawalde hadert mit der Bezeichnung. Künstler, ne, das sage er nicht gern.

Die Unabhängige Initiative für Film und Kultur „Weiße Wand“ zeigt im Rahmen der Isnyer Ausstellung am Dienstag, 2. Oktober, um 20 Uhr im Lichtspielhaus Sohler in Wangen weitere Kurzfilme von Jürgen Böttcher.

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