Das fliegende Bschüttfass des Eugen Felle

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 Dethleffs-Ausbildungsleiter Alwin Zengerle (rechts im grauen Mantel), das fliegende Bschüttfass und dessen Erbauer, die angehen
Dethleffs-Ausbildungsleiter Alwin Zengerle (rechts im grauen Mantel), das fliegende Bschüttfass und dessen Erbauer, die angehenden Holztechnikern Johannes Mösle und Marco Steuer. (Foto: Liane Menz)

Zwei Jahre hat die Ausstellung zum 150. Geburtstag des Postkartenmalers Eugen Felle ihre Schatten vorausgeworfen – im Projekt „Panorama-Partner“ des Isnyer Stadtmuseums, das trotz des anfangs erklärungsbedürftigen Titels mittlerweile Vereine, Institutionen und Menschen quer durch alle Generationen in seinen Bann gezogen hat.

Zuletzt sogar auch den größten Arbeitgeber in Isny, den Caravan- und Reisemobilhersteller Dethleffs: Dessen Ausbildungswerkstatt steuert ein Kunstobjekt, ein „fliegendes Bschüttfass“, bei zur Schau in der „Städtischen Galerie im Schloss“, die ab kommenden Sonntag, 7. April, fürs Publikum geöffnet ist.

Eugen Felle hat zu Lebzeiten über 14 000 Postkartenmotive kreiert. Auf einer seiner sogenannten „Jux-Karten“ hat er ein fliegendes „Bschüttfass“ dargestellt – auf Hochdeutsch: ein Fass, mit dem Gülle auf Wiesen ausgebracht wird. Felle verlieh dem landwirtschaftlichen Gerät Flügel – lange, bevor auch Trinkbrause dieses Attribut verpasst bekam. Doch die Gülle wird mittels des Bschüttfasses wie aus einem Flugzeug nicht nur auf Felder verteilt, sondern ergießt sich auch über Touristen.

Dieses Motiv aus dem Jahr 1927 mit dem Titel „Landwirtschaft in Zukunft“ haben nun Dethleffs-Lehrlinge in die Realität umgesetzt: Unter Anleitung des gewerblichen Ausbildungsleiters Alwin Zengerle bauten die angehenden Holzmechaniker Johannes Mösle und Marco Steuer an ein Oldtimer-Fass Flügel. Das Behältnis stammt aus der Zeit von Felle und wurde gesponsert von Hardy Menz, Seniorchef der Dethleffs-Nachbarfirma Katzschke-Menz.

Isnyer Gemeinschaftskunstwerk

Hans Staffe, der sich um die Remise des Kinder- und Heimatfestes kümmert, verpasste der Konstruktion Räder, damit das Fass noch felle-authentischer wirkt und transportfähig ist – ein Isnyer Gemeinschafts-Kunstwerk, das im Schlosshof auf die Ausstellung hinweisen wird.

Ungefähr acht Wochen haben die beiden Auszubildenden nach Angaben von Dethleffs mit Ausbildungsleiter Zengerle an der Umsetzung des Postkartenmotivs gearbeitet. „Eine besondere Herausforderung war, das Kunstwerk so zu bauen, dass die angebrachten Flügel schweben und auch der Witterung im Freien standhalten“, erklärt Zengerle. Er betont: „Für unsere Auszubildenden sind solch außergewöhnliche Projekte eine tolle Abwechslung, hier können sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen.“

Dass es dazu kam, ist wiederum Ursula Winkler zu verdanken, die wie mehrfach berichtet das Projekt „Panorama-Partner“ samt 160 000 Euro Fördergelder überhaupt nach Isny brachte und mit der Idee, das Bschüttfass zu bauen, an Dethleffs herangetreten war, berichtet Zengerle weiter. Das Resultat sei durchaus „Kunst“ – wie überhaupt jedes Ergebnis, das seine Auszubildenden zustande bringen, als „ein kleines Kunstwerk“ zu bezeichnen sei. Wie etwa der Abenteuerspielplatz, den die Dethleffs-Lehrwerkstatt vor über zehn Jahren auf dem Siloah-Gelände realisiert hat.

„Wir sind sehr stolz auf die Ausbildung, die wir anbieten“, sagt Zengerle, im Moment habe Dethleffs 55 Auszubildende und Studierende, „so viele wie noch nie – davon 25 Holzmechaniker und Holzmechanikerinnen“ wie Mösle und Steuer. Insgesamt bilde das Unternehmen in zwölf Ausbildungs- und Studienrichtungen aus, die Tendenz sei steigend, die Übernahmequote liege derzeit bei nahezu 100 Prozent, „wer bei uns eine Ausbildung macht, schafft sich auch eine Zukunft“, sagt Zengerle.

Dass der Hersteller von Caravans und Reisemobilen nach den Erfahrungen mit dem Bschüttfass nun vorhabe, seine Geschäftsfelder um landwirtschaftliche Maschinen zu erweitern, verneint indes eine Pressemitteilung zur Ausstellung. „Allerdings hat Isnys größter Arbeitgeber immer ein offenes Ohr, wenn es darum geht, Projekte der Stadt oder anderer regionaler Einrichtungen zu unterstützen“, heißt es dort weiter. „Wir können natürlich nicht immer helfen, aber in diesem Falle haben wir es gerne getan“, sagt Zengerle.

Kunst- und Zeitbezug

Schließlich gebe es rund um den Blickfang für die Ausstellung auch einen historischen Bezug: Postkartenkünstler Felle lebte in Isny und war ein Zeitgenosse des Firmenpioniers Arist Dethleffs, dessen Familie ebenfalls sehr eng mit der Kunst verbunden war: Für seine Frau Fridel, eine angesehene und bekannte Malerin ihrer Zeit, schuf Arist Dethleffs 1931 den ersten Wohnwagen Deutschlands. Sie wünschte sich eine Art Zigeunerwagen, den sie auch als Atelier nutzen konnte, um ihren Mann auf seinen Geschäftsreisen begleiten zu können. Eine neue Urlaubsform war geboren, die heute beliebter ist denn je, wie die Verkaufszahlen von Dethleffs mit über 12 000 Fahrzeugen im Jahr 2018 zeigen.

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