Chicago-Brüder machen beim Theaterfestival Dampf

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Bernd Guido Weber

Zum Schluss, nach viel Jubel, nach der ersten Zugabe, leeren sich die Sitzreihen allmählich. Viel um die Ohren bekommen an diesem Abend. In der Arena tanzen die Hardcore-Fans weiter, schreien, wollen mehr, mehr, mehr. Bekommen sie. Die neun Musiker aus Chicago legen noch einen drauf. Energetisch. Mit viel Gebläse, Hiphop-Rap, dazu Drums, Percusion, E-Bass und E-Gitarre. Power pur.

Die sieben Brüder, plus Verstärkung, haben einen weiten Weg hinter sich. Nicht nur den Flug aus den USA hierher, zum Auftakt der zweiten Staffel ihrer Europatour. Nein, die Söhne der Jazzlegende Phil Cohran haben an ihrem Sound hart gearbeitet, seit ihrer Kindheit. Üben vor der Schule, nach der Schule, auf den Straßen Chicagos, New Yorks, anderswo gespielt. Weil dort deutlich mehr Geld zu machen ist als bei mies bezahlten Gigs in den Clubs. Sie haben CDs aufgenommen, sind im Netz mit Downloads präsent. Ernten jetzt die Früchte der letzten Jahre. Angesagte US-Hiphopper buchen sie als Back-Band. Auf großen Festivals sind sie eine zugkräftige Nummer. Für den Blockbuster „Hunger Games“ haben sie das Stück „War“ beigesteuert.

Jetzt also in Isny, diese „Bad boys of Jazz“. Böse sind sie überhaupt nicht, haben nichts mit den Allüren und blöden Sprüchen irgendwelcher Gangsta-Rapper gemein. Ihnen geht es um die Musik, um den Sound. Um die Party. Bass’n’Drum eröffnen ruhig, hypnotisch. Die Bläser fallen ein, Trompeten, Posaunen, Tuba. Viel Druck dahinter, vorwärtstreibend. Die Ansage ist leider kaum verständlich, der Gitarrist erkundet gleichzeitig den Hendrix-Kosmos. Um Freiheit geht es, das Hirn freimachen. Das Rezept der bodygestählten schwarzen Brüder ist einfach, doch mit Finessen gespickt. Beat und Bass, dann ein nicht allzu kompliziertes Thema der Bläser, gepfeffert mit harten, schnellen Riffs. Diverse Soli, die Jungs haben´s drauf. Texte, Gesang, mal einer, mal zwei, mal vier am Micro. Auch a cappella, mehrstimmig. Viel, viel Bewegung.

Vor allem aber: Rock, Rock, Rock. Und HipHop. Hat was mit Hopsen zu tun, einer der Titel lautet nicht ganz zufällig: „Rabbit Hop“. „Zappaesk“ wird’s bei „A Freak...“ Funk können sie natürlich auch. Und wieder, „git it up“, der scharfe Hiphop.

An Fela Kuti erinnern sie mit ihrem Sound. Auch er ein Mann, der mit Musik hypnotisierte. Der seine Stücke allerdings länger aufgebaut, seine Botschaft tiefer und tiefer eingebrannt hat. In Lagos sind sie schon gewesen, haben in dem von Kuti gegründeten Club gespielt. Auch des verstorbenen Vaters gedenken sie, auf ihre Art. Phil Cohran ist Trompeter im „Sun Ra Arcestra“ gewesen, Protagonist des abgefahrenen Space-Jazz; vor dem „Art Ensemble of Chicago“ und der Funkband „ Earth Wind & Fire.“ Jupiter, Pluto, Venus, Mars haben die Brüder im Repertoire, bringen in Isny eine kleine Space-Reise, die Augen in weite Ferne gerichtet. Ruhig. Grenzenlos. Schön.

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