„Bitte bedienen Sie sich der Einbildungskraft!“

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 Till Bastian appellierte unter anderem an die Einbildungskraft seiner Zuhörer.
Till Bastian appellierte unter anderem an die Einbildungskraft seiner Zuhörer. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Was die eigene Identität ausmacht, wie viel es braucht, um sie zu erlangen und zu erhalten in einer zunehmend automatisierten Welt, das verhandelt Till Bastian in seinem neuen Buch „Es muss doch mehr als alles geben!“ Sein „Plädoyer für seelische Vielfalt und kreative Lebensgestaltung“, so der Untertitel, stellte er jüngst im Roten Salon der Öffentlichkeit vor. Veranstaltet wurde die Lesung vom Förderverein für Kunst und Kultur im Schloss Isny.

Frei gestalten wollte der Isnyer Autor Till Bastian diesen Abend. Also nicht nur ausgewählte Kapitel aus den rund 200 Seiten lesen, sondern über die doch recht komplexen Sachverhalte reden. Zwecks besserem Verständnis von Gehörtem. Gegliedert ist das Buch in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Gespickt ist es mit zahlreichen Zitaten bekannter Philosophen, Literaten oder Psychologen. „Wie wir Welt erlebten, was wir noch könnten, wenn wir denn wöllten“, schickte er voraus und machte deutlich, worum es geht. Um den sogenannten freien Willen, sein Leben möglichst erfüllend zu gestalten. Man könnte es Glücklichsein nennen.

Er begann mit einem vermeintlich simplen Vergleich, was das Tier vom Menschen unterscheidet. Glaubte man doch lange Zeit, es sei der Gebrauch von Werkzeugen. Nur gibt es auch Tiere wie die Krähe, die sich darin gar nicht so ungeschickt anstellt. Worin der Mensch dem Tier dennoch überlegen sei, ist das Absehen möglicher Folgen seines Handelns.

Hier merkte der aufmerksame Zuhörer, in welche Richtung es geht. Zum Beispiel in dem theoretischen Kapitel „Inneres Auge und äußere Bilder“. Es nimmt eingangs Bezug auf Johannes Mario Simmels Roman aus den 1970er-Jahren mit dem allumfassenden Titel „Der Stoff, aus dem die Träume sind“. Dies sei das Fundament unserer bewussten und unbewussten Fantasie. Von dieser Fähigkeit gelte es vermehrt Gebrauch zu machen, statt sie an Maschinen abzutreten, vornehmlich an Computerspiele in den elektronischen Medien.

Bastian, der Mediziner und Psychotherapeut, appellierte an die Vorstellungskraft, die zu verkümmern drohe. Sich etwas vorzustellen, von dem man sich kein konkretes inneres Bild machen kann, eröffne mögliche Handlungsverläufe.

Stattdessen würde Einbildungskraft systematisch von der herrschenden Bildermaschinerie unterlaufen. Das belegte er mit einem eindrücklichen Beispiel aus seinem Praxisalltag – wenn ein Patient von seiner Frau erzähle und ihn plötzlich und unvermittelt frage: „Wollen Sie mal sehen?“

Angesichts der fortwährenden Überstimulation mache sich eine innere Leere breit. Bastians Plädoyer gegen die herrschenden „Monokulturen“ zeigt, dass viele Menschen ihre Fähigkeiten zum Luftschlösserbauen ad acta legen. Doch nur wer seine Träume lebe, überschreite eine allgemeine Grenze und erreiche den Zustand der höheren Freiheit. „Bitte bedienen Sie sich der Einbildungskraft! Schulen und trainieren Sie sie regelmäßig“, lautete Bastians sehr ernst gemeinte Aufforderung.

Im zweiten Teil „Praktische Möglichkeiten“ finden sich Kapitel wie „Die Kunst der Pause“ oder „Seelische Mehrfelderwirtschaft“. Der Autor wandte sich dem Thema „Spiel und Kreativität“ zu. Dem Glücksspiel und der Sucht, um das flüchtige Gefühl des Triumphs („Ich hab’s geschafft!“) immer wieder herstellen zu wollen. Statt die Folgen abzuwägen, könne es zum „Flow“ kommen, zum Entgleisen und vollkommenen Realitätsverlust.

Demgegenüber stünden der Spaß und die Lust am Spiel mit Regeln unter Einbeziehung des Zufalls, bei dem es nicht um Gewinnmaximierung geht. Unter Kreativität versteht Bastian die künstlerische Verfeinerung des kindlichen Tuns. Möglichkeiten realistisch einschätzen, ohne den Spaß zu verlieren, könnte eine Lösung für geplagte Gegenwartsmenschen auf dem Weg zur Identitätsfindung sein. Kurz gesagt, sich die Freude am Flüchtigen bewahren – frei nach dem Motto: „Neues Spiel, neues Glück“.

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