Bierbrauen war einst Frauensache

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 Sie sorgten für beste Unterhaltung bei Geschichten und Genuss (von links): Hans und Johannes Stolz, Lukas Locher, Regina Stolz,
Sie sorgten für beste Unterhaltung bei Geschichten und Genuss (von links): Hans und Johannes Stolz, Lukas Locher, Regina Stolz, Heike Hengge und Gudrun Albrecht (beide VHS Isny), Anette Schmid (Stadtbücherei Isny), Monique und Josef Stolz sowie Ute Seibold (Isnyer Museen). (Foto: Jeanette Löschberger)
Jeanette Löschberger

Was genau ist eine „Hopfensau“? Was eine „Gifthütte“? Und warum ist Bier gesund? Fragen wie diese sind jüngst bei der zweiten Veranstaltung „Geschichten und Genuss“ im Isnyer Kurhaus beantwortet worden. Rund 100 Gäste lauschten gespannt Geschichten rund um das Bier und die Gaststättenkultur in der Stadt.

Auftakt von „Geschichten und Genuss“ war vor fast genau einem Jahr, und „nachdem die Resonanz so gut war, haben wir uns überlegt, dass Bier als Kulturphänomen die Isnyer interessieren könnte“, sagt Gudrun Albrecht von der Volkshochschule. Die Kooperationsveranstaltung mit der Stadtbücherei und den Isnyer Museen traf offensichtlich nun wieder genau den (Getränke)-Geschmack der Besucher. Der große Saal des Kurhauses war ausverkauft.

Aperitif aus Stolz-Weizenbier

Im Preis der Eintrittskarte inbegriffen waren ein orange leuchtender Aperitif aus Stolz-Weizenbier und Aperol und ein Teller belegter Baguetteschnitten. Den ersten Teil des Abends bestritt Josef Stolz mit einem Überblick über die Isnyer Braukultur in den vergangenen Jahrhunderten. Lukas Locher, Hopfenpflanzer vom Hopfengut No. 20 aus Tettnang, zeigte in einem launigen Vortrag, wie viel Arbeit, Aroma und Spaß in Hopfen steckt.

Bei den Recherchen zur Veranstaltung zeigte sich bei allen Damen des Organisationsteams eine mehr oder weniger weit zurückreichende Verbindung zum Bier: Ute Seibold, Leiterin der Städtischen Museen, berichtete, dass Bierbrauen historisch gesehen Frauensache war. Das beste Bier machten Bäckersfrauen, da die in der Backstube herumschwirrende Hefe für eine besonders gute Gärung sorgte. Außerdem habe schon Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) empfohlen: „Trinkt Bier!“ Denn das Getränk enthielt weniger Keime als Trinkwasser. Gudrun Albrecht erzählte, sie habe schon in der elterlichen Wirtschaft gelernt, wie man „ein Weizen gscheit einschenkt“. Und der Großvater von Anette Schmid, Leiterin der Stadtbücherei, war Braumeister der Schlossbrauerei am Herrenbergpark.

Einst 15 Haus- und Gasthofbrauereien in Isny

Bis zu 15 Haus- und Gasthofbrauereien gab es in Isny im 18. und 19. Jahrhundert, nur eine hat gehalten: Die Brauerei Stolz mit dem Brauereigasthof Engel, die 2018 das 100-jährige Firmenjubiläum feiert. Folgerichtig, dass Josef Stolz bei einer Bilderschau die Höhen und Tiefen der Isnyer Brau- und Gastronomiegeschichte vortrug. Nicht ganz vollständig, aber mit vielen eigenen Erinnerungen geschmückt, begleitete er die Gäste durch ein historisches Isny mit einer unglaublich vielfältigen Gaststättenkultur.

Teils konnte Stolz eigene Bilder, die er in seiner Jugend gemacht hatte, mit einbringen, teils wusste er Geschichten zum historischen Fotomaterial aus dem Museumsarchiv. Dabei kamen auch immer wieder die im Volksmund bekannten Namen, etwa die „Gifthütte“, zur Sprache – weil die Trinkstube vor der Bahnhofsrestauration grün angestrichen war. Treffend auch die Bezeichnung der „Nahkampfdiele“ für den Saal im einstigen Gasthaus „Dreikönig“, wo am Wochenende Tanzveranstaltungen stattfanden.

Marie Antoinette übernachtete in Großholzleute

Historisch waren von jeher Gäste und Veranstaltungen im Historischen Gasthof Adler in Großholzleute. Marie Antoinette, Gattin von Ludwig XVI., und ihr Hofstaat betteten ihr Haupt einst in den Zimmern der Poststation. Auch die wintersportbegeisterte, britische Prinzessin Anne hat dort schon genächtigt. Dass Günther Grass mit der Gruppe 47 dort zu Gast war, ist Literaturgeschichte.

Das Gasthaus Engel mit der Brauerei wurde erstmals 1752 erwähnt. Josef Stolz zeigte anhand von Zeichnungen und alten Fotografien, was für ein stattliches Anwesen die Brauerei schon früher war. Ein zwischenzeitlicher Namenswechsel in Ochsenbrauerei und die Übernahme durch Johannes Stolz senior im Jahr 1919 zeigten die eindrucksvolle, 100-jährige Geschichte der Brauerfamilie Stolz.

5000 bis 6000 Biersorten in Deutschland

Zahlen und Fakten übers Bier trug der aktuelle Braumeister Johannes Stolz zum Abend bei: Demnach brauen rund 1500 Brauereien in Deutschland 5000 bis 6000 Biersorten. Etwa 640 der Brauereien sind in Bayern beheimatet, in Baden-Württemberg finden sich immerhin etwas mehr als 200. Das älteste Lebensmittelgesetz der Welt ist das Reinheitsgebot, wonach Bier nur aus Gerste, Hopfen, Wasser und Hefe gebraut werden darf.

Dass Bier auch gesund sei, wenn es in Maßen getrunken wird, erklärte Stolz, weil es viele B-Vitamine enthalte, entzündungshemmend sei und der Hopfen eine krebshemmende Wirkung habe, rief Begeisterung im Publikum hervor. Der statistische Pro-Kopf-Verbrauch liege in Deutschland bei rund 100 Litern pro Jahr, was Deutschland hinter Österreich und den Tschechien auf Platz drei in Europa bringe.

Nur weiblicher Hopfen wird kultiviert

Der Tettnanger Hopfenbauer Lukas Locher hatte die Gäste des „feuchtfröhlichen Abends“ schon nach wenigen Sätzen in der Hand: In atemberaubender Geschwindigkeit machte er einen Rundumschlag von der Geschichte des Hopfenanbaus bis hin zur Entstehung des „Indian Pale Ale“, von dem er ein paar Flaschen aus seiner Hausbrauerei zur Probe mitgebracht hatte. Mit viel Wortwitz schlug er den Bogen vom Beginn der Vegetationszeit im Frühjahr über die Wuchsgeschwindigkeit des Hopfens bis zur Ernte der acht Meter langen Pflanzen – ausschließlich die weiblichen Pflanzen werden kultiviert – im Spätsommer.

Viel Arbeit, vor allem Handarbeit, stecke hinter dem Betrieb seines Hopfenguts mit 150 000 Pflanzen, erklärte Locher. Aber auch ein immenser Maschinenpark zum Ernten und Trocknen der Hopfenblüten, habe Einzug gehalten. Dabei sei die Tradition der „Hopfensau“ verloren gegangen. Die bezeichnete den Erntehelfer, der früher die letzte Pflanze erntete. In der Hausbrauerei des Hopfenguts trägt nun eine extrem starke und „hopfige“ Biersorte mit neun Volumenprozent diesen Namen.

So endete der Abend nach dem Weizen-Aperitif zur großen Freude der Gäste mit der Verkostung der „Hopfensau“. Der glückliche Gewinner der Schätzfrage konnte sogar noch eine Flasche davon mit nach Hause nehmen. Es sind übrigens etwa 3,5 Liter Bier.

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