Beratung auf Augenhöhe

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 (von links): Bernd Alber, Corinna Mader, Ursula Grieser-Röhl, Andreas Guth, Reiz-Obmann Markus Ender und Otto Ziegler.
(von links): Bernd Alber, Corinna Mader, Ursula Grieser-Röhl, Andreas Guth, Reiz-Obmann Markus Ender und Otto Ziegler. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Knapp 30 Betroffene und Interessierte aus Isny und Umgebung sind der Einladung der Offenen Behindertenarbeit Isny (OBA) gefolgt und informierten sich im Paul-Fagius-Haus über die bundesweit neu eingerichtete, „ergänzende, unabhängige Teilhabeberatung“ (EUTB) für ratsuchende Menschen mit Behinderung, deren Angehörige oder Partner. OBA-Vorsitzender Otto Ziegler hatte Ansprechpartnerinnen des EUTB-Büros in Ravensburg sowie Mitglieder des Vereins für selbstbestimmtes Leben „Reiz“ aus Dornbirn in Vorarlberg eingeladen.

EUTB-Fachberaterin Ursula Grieser-Röhl führte aus, dass die meisten Menschen mit Beeinträchtigung finanziell abhängig sind von einem oder von mehreren Kostenträgern: Krankenkasse, Renten-, Pflege- oder Unfallversicherung, Jugend- oder Sozialhilfe oder von der Agentur für Arbeit. Sie alle hätte zwar eine gesetzlich vorgeschriebene Beratungspflicht – diese sei jedoch nachvollziehbar nicht unabhängig vom eigenen Interesse des jeweiligen Kostenträgers. Genauso sei es beim Angebot derer, die Leistungen für Menschen mit Behinderung erbringen – Reha-Einrichtungen, Werkstätten, Wohnheime.

Durch das neue „Teilhabegesetz“ seien im Bundesgebiet bis jetzt 500 „ergänzende, unabhängige Teilhabe-Beratungsstellen“ eingerichtet worden (vom Bund jährlich mit 58 Millionen Euro gefördert), in denen „Beratung auf Augenhöhe“ angeboten werde von dafür geschulten, selbst betroffenen Menschen, also solchen mit eigenem Handicap. In der Regel beraten sie als „Tandem“, also begleitet von Sozialarbeitern mit übergreifendem Fachwissen, reichen jedoch auch „bestimmte Fälle“ an spezielle Fachbereiche weiter.

Corinna Mader, eine junge EUTB-Beraterin im Rollstuhl, gab ein Beispiel: Ein behindertes, jugendliches Mädchen, ebenfalls im Rollstuhl, sei in Begleitung ihrer Mutter vorstellig geworden. Die junge Frau wollte zu Hause ausziehen, habe einen eigenen Weg gesucht, ein selbstbestimmtes Leben im Blick, Selbständigkeit angestrebt, sei jedoch sehr unsicher gewesen, ob ihr das gelingen wird. Und die Mutter war von Angst besetzt. „An meinem eigenen Beispiel, auf Augenhöhe und von Herz zu Herz konnten wir Befürchtungen und Ängste abbauen, Zuversicht wecken und miteinander konkrete Schritte in die Selbständigkeit angehen“, erzählte Mader stolz.

Generell helfe die EUTB-Beratung Menschen mit Behinderung und solchen, die damit zu tun haben, ganz individuell und unabhängig von den Kostenträgern. Mader und Grieser-Röhl machten Mut: „Einfach bei uns melden, einen Termin vereinbaren, Sie kommen zu uns oder wir zu ihnen nach Hause.“

Markus Eder aus Koblach ist der Obmann des Vereins „Reiz“ in Dornbirn. Dort hätten sich 30 Mitglieder mit Handicap entschlossen, „Experten in eigener Sache“ zu sein. Gemeinsam bewiesen sie, in der Lage zu sein, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, und unterstützten einander darin. Ausschließlich Behinderte seien stimmberechtigt im Verein, Nichtbehinderte hätten nur unterstützende, assistierende Aufgaben.

Ziel sei es, dass jeder Mensch einen eigenen, individuellen Weg findet. Zwei Mitglieder und ein sie begleitender „Assistent“ erzählten von Treffen und Angeboten: Zum „Standard“ gehören monatliche „Hocks“ und Beratungsangebote, in der Fasnet werde zu einem „Krüppelhock“ eingeladen. Man lerne am meisten voneinander und miteinander und durch das konkrete Teilen des Lebens, so die Erfahrung der dreien.

Im anschließenden Gespräch klagten einige Stephanuswerk-Bewohner über den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Isny. Wer zwar in der Lage sei zu einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben, doch es an bezahlbarem, behindertengerechten Wohnraum fehle, so sei dieser Zustand als „menschenunwürdig“ zu bezeichnen, war nur ein Argument.

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