B 12-Umgehung Isny: Vor zehn Jahren, am 23. Juli 2009, wurde sie freigegeben

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Walter Schmid

„Graf Wolfrad von Altshausen-Veringen würde Augen machen und wohl die Welt nicht mehr verstehen, wenn er sehen würde, was aus seiner Stadt geworden ist“, schloss Heimatgeschichtler und Stadtführer Rudi Daumann seine Ausführungen zur Verkehrsgeschichte der Stadt im jüngst in einem öffentlichen Treffen des Arbeitskreises Heimatpflege. „Als Initiator der Markterweiterung ab 1171 würde er sich sicherlich auch freuen, dass die schier unendliche Isnyer Verkehrsgeschichte ein relativ gutes Happyend gefunden hat“. Über 800 Jahre später.

Zu Beginn der Stadtentwicklung vor rund 850 Jahren erwarb der Graf vom Kloster Gebäude und Grundstücke, er wollte den Marktort vergrößern. Das sei in den folgenden Generationen geordnet und geplant vonstatten gegangen, die Hauptstraßen verbanden die vier Stadttore – das Wassertor in Richtung Leutkirch, das Obertor Richtung Lindau, das Bergtor Richtung Kempten, Richtung Rotmoos das Espantor.

Daumann verglich den Stadtgrundriss mit einem pulsierenden Herzen, das durch die vier Ver- und Entsorgungswege mit den Toren, den „Herzklappen“, mit Lebenssaft versorgt werde. Handels- und Warenverkehr wurden gezielt in die Stadt hineingelenkt, dadurch entstand Handel und Wandel als Existenzgrundlage für Handwerker und Kaufleute.

Der Stadtgrundriss hat sich durch den Verkehrsfluss herausgebildet und durch die Jahrhunderte nicht verändert – trotz Stadtbränden. Historiker seien sich darin einig, dass sich ohne funktionierendem und florierendem Straßenverkehr keine Stadt entwickelt hätte, kontstatierte Daumann. Die ehemaligen Stadttore dienten als Kontroll- und Zollstellen für alle, die die Stadt betraten oder verließen, seien aber im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht mehr zeitgemäß gewesen. Obertor und Bergtor wurden abgerissen.

Isny habe im Jahr 1860 im Schnitt ein tägliches Verkehrsaufkommen von 120 Zugtiergespannen mit Pferden, Ochsen und Eseln gehabt. Wer hätte sich träumen lassen, dass sich 120 Jahre später täglich 11 000 motorisierte Fahrzeuge durch dasselbe „Herzstück“ der Stadt zwängen werden“, fragt Daumann.

Am 9. Februar 1896 fuhr das erste Auto, ein Daimler, durch Isny. Der „eigenproduzierte“ Verkehr beginnt im Jahr 1900 mit drei Autos. Zusammen mit dem Durchgangsverkehr wird er im Laufe des Jahrhunderts zunehmend zur Last. Bis in die 1960er-Jahre habe es in Isny noch geheißen, dass der Verkehr fließen und der Lebensnerv der Stadt erhalten bleiben müsse. Umleitungen brächten Stillstand, Abwanderung, Umsatzverluste. Aber der Verkehr nahm unaufhaltsam zu. Gravierende Infarkt-Alarmzeichen seien gewesen, dass sich die Fußgänger nicht mehr über die Straße trauten, die Luft nicht mehr der eines heilklimatischen Kurortes entsprach und die Kurübernachtungszahlen zurückgingen.

Die Straßenplanungsbehörde schlug eine südliche B 12-Umgehung vor, ab Schweinebach durch Siloah, das Baugebiet Maierhöfenerstraße, Sonnenhalde und den Leitbach zum Ziegelstadel. „Es gibt zwischen 1960 und 1980 im unmittelbaren Umgebungsbereich der Stadt kaum einen Hektar Land, der nicht schon einmal mit einer Lösung oder Teillösung des Verkehrs beplant war“, schilderte Daumann.

Ab 1984 entwickelt sich die entscheidende Trassenvariante in Gesprächen zwischen Isny, Maierhöfen, der evangelischen Kirchengemeinde und den Staatsregierungen; eine Generallösung, um den Verkehr in der Innenstadt zu beruhigen. Dazu waren, erkärt Daumann, drei Akteure notwendig: das Land Baden-Württemberg für die Herausnahme der Landesstraße 318, die über die Wassertorstraße zum Marktplatz führte; die Bundesrepublik Deutschland für die Herausnahme der B 12 in ihrem Verlauf auf der Kemptener-Bergtor-Lindauer Straße; die Stadt Isny für eine innerstädtische Entlastungsstraße. So entstand die sogenannte CD-Spange von der Lindauer Straße über über den Gasthof Engel zum Kreisverkehr Leutkircher Straße.

Die Jahre 1984 bis zur baureifen Planung seien prall gefüllt gewesen mit Grunderwerbsfragen, Landschaftsplanung, Naturschutz, geologischen und wasserschutzrechtlichen Untersuchungen, erzählte Daumann: „Ganz entscheidend für die Sicherung der Baufinanzierung war die gemeinsame Haltung der Bürgermeister im Landkreis Ravensburg. Sie verzichteten zugunsten der B 12-Umfahrung auf eigene Ansprüche aus Straßenbaufördermitteln. Damit konnte Isny mit Priorität eins in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden.

Am 15. Juli 2005 erfolgte der erste Spatenstich. Der große Tag in der fast unendlichen Verkehrsgeschichte war der 23. Juli 2009. Die neue B 12 wurde dem Verkehr übergeben. Ein kommunalpolitischer, planungsrechtlicher und planungstechnischer Kraftakt ohnegleichen war geschafft. Drei Bürgermeister und mehrere Legislaturperioden des Gemeinderates waren dazu notwendig. Isnyer Bürger und Gäste konnten wieder gefahrlos die Straßen überqueren“, schloss Rudi Daumann seinen Vortrag.

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